HipHop in Marseille "Du hasst es und lebst damit"

Marseille ist eine Stadt des Rap, die Gruppen füllen Stadien. Ein Interview mit den Superstars Psy 4 de la rime über ihren Kampf gegen den französischen Alltagsrassismus.

Mit zweien der Vier von Psy 4 de la rime haben wir in Marseille gesprochen: Sya Styles, der MC und musikalische Kopf der Gruppe, und Soprano, der auch eine beeindruckende Solokarriere verfolgt

Mit zweien der Vier von Psy 4 de la rime haben wir in Marseille gesprochen: Sya Styles, der MC und musikalische Kopf der Gruppe, und Soprano, der auch eine beeindruckende Solokarriere verfolgt

ZEIT ONLINE: In Euren Texten sprecht Ihr davon, dass Ihr Moslems seid. Was hat das mit Eurem Rap zu tun?

Sya Styles: Wir sind religiös erzogen. Aber was wir singen, ist universell. Jeder kann es verstehen, auch wenn er kein Moslem ist.

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ZEIT ONLINE: Ihr singt von den "Goldenen Städten". Ist das Eure Vision einer besseren Gesellschaft?

Soprano: Es gab ja mal diesen Comic, Die Goldene Stadt, da ging es um die Konquistadors. Sie suchten den sagenhaften Reichtum der Goldenen Stadt. Das ist die Idee: Es gibt einen ganz besonderen, sehr speziellen Reichtum in den Vierteln, aus denen wir kommen. Den suchen wir, den muss man finden.

ZEIT ONLINE: Woraus besteht er?

Soprano: Respekt. Anstand. Würde.

Sya Styles: Es gibt Rapper, die sind einfach nur gegen alles. Wir nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr singt: "Vergesst nicht, was der Westen mit Euch gemacht hat /Unsere Eltern waren Löwen, wir sind Wölfe".

Soprano: Unsere Eltern kamen aus Afrika, die mussten sich um ein Dach überm Kopf und darum kümmern, dass es überhaupt etwas zu beißen gab. Und wir? Wir jungen Franzosen jammern, wenn wir keine Nikes bekommen. Sie haben gekämpft und waren stolz, wir wollen das schnelle Geld und geben uns für nichts Mühe. Und merken es nicht. Aber wenn Du dann mal nach Afrika kommst, dann stellst Du auf einmal fest, was Du im Westen geworden bist.

ZEIT ONLINE: Und daran ist der Westen schuld.

Sya Styles: Das ist komplizierter. Es gab den Kolonialismus, und es gibt die Selbstverantwortung.

ZEIT ONLINE: Kämpfen soll man, sagt Ihr. In Euren Videos werden die Fäuste gereckt, es ist sogar von Revolution die Rede. Aber was meint Ihr damit?

Sya Styles: Du sprichst von unserem Video Jeunesse France. Na ja, da wird die Marseillaise gespielt, und die Schauspieler tragen die Farben Blau, Weiß und Rot. Man muss die Geschichte des republikanischen Frankreichs als Ganze sehen, einschließlich Kolonialismus und Rassismus. Das gehört alles zur Geschichte, und zwar zu unserer Geschichte. Blau, Weiß, Rot, das sind wir alle. Meine Vorfahren kamen aus Marokko, aber sie haben für Frankreich und gegen die Deutschen gekämpft. Und mir erzählt man etwas von Integration? Es ist verrückt. Wenn ich in Marokko bin, dann gelte ich als Franzose, und hier bin ich Marrokaner? Dagegen, gegen diesen Rassismus, dagegen kann und muss man sich auflehnen.

Soprano: Diskriminierung ist sehr subtil. Wir fahren in der Bahn Erste Klasse, vor allem wegen der vielen Fans, und man muss ja auch mal unter sich sein. Also, wir sitzen da, in der Gruppe, und die Kontrolle kommt. An wendet sich der Mann wohl? An unseren weißen Manager natürlich! Da frage ich mich: Wo sind wir eigentlich? In den Kolonien?

Sya Styles: In Marseille ist es nicht ganz so schlimm, hier ist alles eher gemischt. Aber wenn Du aus Marseille rausgehst, dann wird’s heftig. Da grüßt Dich keiner, und man guckt Dich an: Was will der Afrikaner hier?

Soprano: Wenn ich in ein feines Restaurant gehe, dann verstummt das Gespräch.

Sya Styles: Damit lebst Du.

Soprano: Du hasst es. Und lebst damit.

ZEIT ONLINE: Sprechen wir von Marseille, Eurer Heimatstadt. Ihr singt "es gibt Typen aus der Nordstadt, die den Alten Hafen nie gesehen haben" – den Yachthafen am Stadtzentrum von Marseille also, den alle Touristen kennen.

Soprano: Genau, und in der Nordstadt, da wohnen diejenigen, die nicht viel Geld haben. Die haben andere Sorgen, denen gehen touristische Sehenswürdigkeiten am Arsch vorbei. Sie bleiben in ihrem Ghetto, bei ihren Familien. Diese Ghettos sind übrigens keine Wüsten. Dort existieren sehr wohl etablierte Strukturen, Sie haben eine Post, eine Bank, eine Schule, es ist alles da, auch Busse. So ist Marseille: Es besteht aus vielen Quartieren, die wie Dörfer sind, und man lebt dort für sich.

Sya Styles: Marseille ist nicht so zentralisiert wie Paris. Keiner muss sich sagen: "Um dies oder das zu tun, muss ich jetzt ins Stadtzentrum". Und wir haben das mit dem Alten Hafen gebracht, um zu sagen: Die meisten hier haben genug mit sich selbst zu tun.

ZEIT ONLINE: Und ziehen sich auf sich selbst zurück.

Sya Styles: Das auch, ja.

ZEIT ONLINE: Wurden sie nicht auch verdrängt?

Sya Styles: Stimmt, das Stadtzentrum war früher arm. Doch die ärmeren Leute wurden rausgedrängt, werden auch jetzt noch rausgedrängt, das Zentrum soll schick und fein werden.

ZEIT ONLINE: Ihr singt: "Ich rappe die Nähe / Aus der Ferne kann man nicht lieben / Ich bin das Update meines Viertels / Ich sehe es sterben".

Soprano: Früher wohnten die Ankömmlinge am Alten Hafen. Heute ist das ganze Areal dort touristisch, und die Reichen wollen ans Wasser. Das alte Marseille geht zu Ende, die sehr spezielle Nachbarschaft hier.

ZEIT ONLINE: Die Stadtwerbung spricht davon, dass die Bevölkerungsgruppen Marseilles einander gut verstehen.

Soprano: Ja, da ist etwas dran. Hier ist alles eher gemischt, Du siehst Schwarze und Araber und Türken zusammen, auch die Juden. Zu unseren Konzerten kommen sie alle, die Typen aus den Ghettos und die Bürgersöhnchen. Ich mache mir aber keine Illusionen. Es gibt genug Leute, die auf unseren Konzerten alles mitsingen und danach Front National wählen.

ZEIT ONLINE: Die Rechtsextremisten.

Sya Styles: Deren Wähler sind oft diejenigen, deren Eltern in den sechziger Jahren eingewandert sind und damals Rassismus und alles das erlebt haben, heute aber einen bestimmten Platz in der Gesellschaft einnehmen. "Ich bin Franzose", heißt es dann, "und die anderen, die Polen oder Roma, die nehmen uns die Arbeit weg oder liegen auf unserer Tasche".

ZEIT ONLINE: Das sagt jetzt wer: die Maghrebiner?

Sya Styles: Genau. Leute wie ich, sozusagen. Sie reden über die Neueinwanderer so, wie früher die Italiener aus Marseille über uns gesprochen haben! Es ist immer das Gleiche.

Das Gespräch führte Gero von Randow.

Mehr über Psy 4 de la rime finden Sie hier »

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr von Randow, sehr geehrte Zeit Online Redaktion,

    ich finde es großartig, dass Sie französische Rapmusik, ihre Künstler und ihre Inhalte thematisieren. Das Interview ist sehr rund.
    Allerdings möchte ich auf einige Missverständnisse hinweisen.
    1.) Sya Styles ist kein MC, sondern DJ und Produzent der Gruppe, was in etwa dem Komponisten entspricht.
    2.) Der von Ihnen verwendete Begriff "Goldene Städte" bezieht sich, wie ich vermute auf den Titel des letzten Albums von Psy 4 de la Rime "Les cités d'or". Meiner Meinung nach ist Ihre Übersetzung nicht ganz richtig, denn der frz. Begriff "cité" bedeutet neben "Stadt" auch "Vorstadt", "Problemviertel" bzw. "Banlieue". Da Psy 4 selbst aus einem solchen Viertel kommen und sich auch mit den Problematiken dieser Viertel auseinandersetzen, bin ich mir sicher, dass die Übersetzung "Problemviertel" in diesem Kontext die richtigere ist. Die Antwort von Soprano auf Ihre Frage bestätigt das meiner Ansicht nach.
    Ich freue mich auf weitere Einblicke in die französische Kunst, Kultur und Musik.
    Mit freundlichen Grüßen
    sascha schifrin

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    Stimmt, MC <> DJ. Und was die Cités betrifft: Das Wortspiel hätte ich besser erläutern sollen, allerdings haben die Jungs so geantwortet, wie es im Text steht. Mir hat das Gespräch viel Spaß gemacht.

    Stimmt, MC <> DJ. Und was die Cités betrifft: Das Wortspiel hätte ich besser erläutern sollen, allerdings haben die Jungs so geantwortet, wie es im Text steht. Mir hat das Gespräch viel Spaß gemacht.

  2. Stimmt, MC <> DJ. Und was die Cités betrifft: Das Wortspiel hätte ich besser erläutern sollen, allerdings haben die Jungs so geantwortet, wie es im Text steht. Mir hat das Gespräch viel Spaß gemacht.

    Antwort auf "Klasse Interview"
  3. Danke für das tolle Interview.
    Ich schreibe gerade meine Facharbeit in Französisch über Rap aus Marseille, und da kam dies nun natürlich sehr gelegen.
    Außerdem bin ich ein großer Fan von Psy 4 de la Rime und finde, dass die Rap-Kultur hier in Deutschland sich wirklich eine Scheibe von unseren Nachbarn abschneiden könnte.
    Weiter so !

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