Mercedes SosaDie Stimme Südamerikas ist verstummt

Mercedes Sosa, die unermüdliche Sängerin gegen die politische und soziale Ungerechtigkeit in Lateinamerika, ist im Alter von 74 Jahren gestorben. von 

Sosa, Mercedes, Sängerin

Die weltbekannte argentinische Sängerin Mercedes Sosa ist am Sonntag im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus der Hauptstadt Buenos Aires verstorben  |  ©PABLO PORCIUNCULA/AFP/Getty Images

Mercedes Sosa lieh den Lyrikern des südamerikanischen Kontinents ihre große Stimme. Dichtern und Liedermachern wie Pablo Milanes, Milton Nascimento, León Gieco und vor allem den Protagonisten des „neuen Liedes“: Violetta Parra, Victor Jara, Atahualpa Yupanqui, Pablo Neruda. Sie hatten die Geschichte und Volksliedtradition ihrer Länder wieder entdeckt, auch ihrer Ureinwohner, und suchten sich die Themen im Alltag und in der Politik. Daraus destillierten sie die poesia social, zu deren herausragender Interpretin Sosa in den sechziger Jahren avancierte.

„Ich habe so viele Brüder, dass ich sie nicht zählen kann, und eine sehr schöne Schwester, die Freiheit heißt.“

„Los Hermanos“, Atahualpa Yupanqui

Mercedes Sosa war die Tochter eines armen Arbeiters. Sie wurde am 9. Juli 1935 in San Miguel de Tucuman geboren: "Meine Eltern versuchten, ihre finanziellen Probleme vor uns Kindern zu verbergen, doch ich konnte oft vor Hunger nicht einschlafen", erzählte sie später. Als Sosa mit 15 Jahren zum ersten Mal beim Sender Tucuman sang, tat sie es unter dem Pseudonym Gladys Osorio; sie wollte Probleme mit ihren Eltern vermeiden. Der argentinische Gitarrist Eduardo Falú hörte sie und ebnete ihr den Weg in die Professionalität. Ihr Debütalbum Canciones con fundamento erschien 1965 beim unabhängigen Label ihres ersten Ehemannes Manuel Oscar Matus.

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Ihr Spektrum von traditioneller Folklore bis zeitgenössischem Protestlied erläuterte Sosa so: "Mit unserer 'neuen Poesie' haben wir das Publikum zum Singen bewegt, und diese Bewegung hat in ganz Lateinamerika neuartige Künstler hervorgebracht. Viele dieser Sänger wurden politisiert. Zumindest ist keiner von ihnen, auch während der Militärdiktatur, Faschist geworden."

„Noch singen wir noch fordern wir noch träumen wir noch hoffen wir, trotz der Schläge, die unserem Leben der Geist des Bösen versetzte, um die Menschen, die wir lieben, ins Vergessen zu verbannen.“

„Todavia cantamos“, Víctor Heredia

Im März 1976 putschte in ihrer Heimat Argentinien das Militär, wie schon 1973 in Chile und in Uruguay. In Bolivien wechselten die Juntas alle halbe Jahr, auch in Peru, Paraguay und Brasilien regierten Militärdiktaturen. Die argentinischen Putschisten schlugen brutal allen Widerstand nieder, terrorisierten die Besitzlosen und die Andersdenkenden, schalteten das Kulturleben gleich. Mercedes Sosa wurde bei einem Konzert verhaftet, erhielt Auftrittsverbot, ihre Lieder durften im Radio nicht mehr gespielt werden. 1979 ging sie ins Exil nach Paris und wurde wie andere geflohene südamerikanische Künstler durch Tourneen in Europa bekannt.

1982 konnte sie nach Argentinien zurückkehren: "In dem Moment, als die Diktatur zu Ende ging, wurden wir alle wiedergeboren. Doch wie können wir vergessen, was in den sechs Jahren davor geschah? Wir lebten, sangen und aßen, während in unserer Heimat gefoltert und gemordet wurde." Drei große Konzerte, zwei im Stadion von Buenos Aires und eines in der Oper, markierten die triumphale Rückkehr von Mercedes Sosa, aber mehr noch die Rückkehr zur Demokratie.

„So oft töteten sie mich so oft starb ich. Dennoch bin ich hier und stehe wieder auf. Ich singe wie die Zikade in der Sonne nach einem Jahr unter der Erde wie ein Überlebender, der aus dem Krieg zurückkehrt.“

„Como la cigarra“, María Elene Walsh

Sosa trat nun mit der neuen argentinischen Musiker-Generation auf, nahm Rocksongs von Charly Garcia, Leon Gieco und Fito Paez in ihr Repertoire. Ob sie eine politische Sängerin sei, wurde sie einmal gefragt: "Ich bin keine politische Sängerin in dem Sinn, dass ich auf die Bühne gehe und Weltanschauungen verkünde. Ich bin kein singendes Flugblatt. (…) Als denkendes Wesen sehe ich allerdings auch die Widersprüche auf der Welt. Deshalb setze ich mich für die Menschlichkeit ein."

"La Negra", wie die schwarzhaarige Sängerin genannt wurde, blieb erfolgreich. Für ihre Interpretation der Misa Criolla des argentinischen Komponisten Ariel Ramírez bekam sie 2000 den Grammy Latino ebenso wie für ihre Alben Acústico (2003) und Corazón Libre (2006). In diesem Jahr war sie gleich dreimal für die Auszeichnung nominiert, für ihr jüngstes Album Cantora 1, auf dem sie zusammen mit Stars wie Shakira und Fito Paez Folksongs interpretiert.

Vor zwei Wochen wurde Mercedes Sosa mit einem Leberleiden in ein Krankenhaus in Buenos Aires eingeliefert. Nach Angaben der Ärzte zog es auch Lunge und Nieren in Mitleidenschaft; nach einem Herz-Kreislaufkollaps musste sie auf der Intensivstation künstlich beatmet werden. Am Sonntag meldete die argentinische Nachrichtenagentur Telam ihren Tod.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben: Es gab mir mein Lachen, es gab mir mein Weinen, und lässt mich das Glück von dem Leid unterscheiden, mein Lied ist aus diesen zwei Quellen entsprungen, mein Lied für mich selber und für euch gesungen.

„Gracias a la vida“, Violeta Parra


 

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Leserkommentare
    • tonus
    • 04. Oktober 2009 15:53 Uhr

    von Violeta Parra

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    Lieber tonus,
    danke, wir haben den Fehler behoben.
    Schöne Grüße,
    Adrian Pohr

  1. 2. Zitat

    Lieber tonus,
    danke, wir haben den Fehler behoben.
    Schöne Grüße,
    Adrian Pohr

    • Vuc
    • 07. Februar 2010 20:16 Uhr

    Ich war in Berlin bei einem Konzert der Feinen Sorte.Im Pallast der Republik spielte Mercedes Sosa und Leon (ich weissei nicht ob ich es richtig schreibe) Gieco wir sind Pollonese durch die Reihen gezogen grandios. Nach dem Konzert haben Wir noch mit Leon schwarzen Rum getrunken soetwas ist wohl so nicht mehr machbar

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