Ryūichi Sakamoto "Techno könnte Klassik werden"
Der große japanische Komponist Ryūichi Sakamoto wandelt seit drei Jahrzehnten zwischen Klassik, Pop und Avantgarde. Ein Gespräch über Computermusik und Tradition.
© Kazunali Tajima

"Wenn ich jetzt 18 wäre, würde ich traditionelle Wege des Komponierens wahrscheinlich ignorieren", sagt Ryūichi Sakamoto
ZEIT ONLINE: Mr Sakamoto, Sie haben in den Siebzigern einen Master in elektronischer Musik gemacht. Fühlten Sie sich damals wie ein Pionier?
Ryūichi Sakamoto: Ich war kein Pionier. Synthesizer-Musik gab es schon, es gab sogar schon ein Hit-Album von Walter Carlos in den späten Sechzigern, das war also nicht mehr neu. Ich habe mich mit computerbasierter Musik beschäftigt, wie Iannis Xenakis sie seit Anfang der sechziger Jahre gemacht hat. Nur gab es damals für junge Leute wie mich wenig Möglichkeiten, einen Computer zu benutzen – der PC existierte ja noch nicht, es gab nur die großen IBM-Rechner. Man stanzte noch Löcher in Karten und brauchte ungefähr 7000 solcher Lochkarten, damit der Computer eine sehr einfache Mozart-Sonate spielte.
ZEIT ONLINE: Haben Sie damals gedacht, dass der Synthesizer eines Tages das Klavier ersetzen würde?
Sakamoto: Nein, ich habe es so gesehen, dass wir durch den Synthesizer eine neue Palette an Klängen hinzubekommen. Natürlich ist ihr Klang – verglichen mit dem Klavier – sehr billig. Aber für Popmusik ist es im Grunde gut genug. Und heute haben wir den Laptop, mit dem wir etwas komplett Künstliches erschaffen können.
Er wurde 1952 in Tokyo geboren und studierte an der dortigen National University of Fine Arts and Music. Ende der Siebziger gründete Sakamoto das einflussreiche Yellow Magic Orchestra, die japanischen Kraftwerk. Im Laufe der Jahre musizierte er mit David Byrne, Nam June Paik, Iggy Pop, Brian Wilson, Arto Lindsay und vielen anderen.
Musikalisch bewegte sich der Pianist quer durch alle Genres. Seine Filmmusiken wurden mit Oscar, Grammy und Golden Globe ausgezeichnet. Auch als Schauspieler war er aktiv, so beispielsweise an der Seite von David Bowie in "Merry Christmas Mr Lawrence". Für den Mobiltelefonhersteller Nokia komponierte er Klingeltöne. Seit 1980 hat er als Solokünstler 43 Alben veröffentlicht.
ZEIT ONLINE: Die Technologie hat den Klang verändert – auch die Art zu komponieren?
Sakamoto: Ja, definitiv. Wir sind natürlich auch heute noch Opfer des Rahmens von Tonhöhe und Zeit, das ist das Koordinatensystem der Musik seit Jahrhunderten. Aber ich will davon loskommen. Ich versuche, diesen Raum eher so zu behandeln wie ein Maler eine Leinwand. Also anstatt an Noten zu denken, an Tonleitern und Harmonien, denke ich an ein Klangobjekt, das ich hier oder dort auf die Leinwand projiziere – das ist heute möglich, dank des Computers.
ZEIT ONLINE: Lassen Sie sich vom Computer denn Ideen geben, oder kommen alle Melodien aus Ihrem Kopf?
Sakamoto: Für die Melodien? Nein, dafür nutze ich nie den Computer. Die muss ich selbst erfinden, jedes Mal neu. Vielleicht wird der Computer in ein paar Millionen Jahren eine Melodie komponieren können, aber ich bin mir sicher, das Resultat wird furchtbar sein.
ZEIT ONLINE: Welche Komponisten haben Sie während des Studiums am meisten beeinflusst?
Sakamoto: Meine größten Einflüsse waren Bach und Debussy. Und die Beatles vielleicht. (lacht)
- Datum 07.10.2009 - 18:30 Uhr
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eher unbekannte Juwelen dieses Musikers und das beste ist...er kommt auch nach Deutschland. Ich glaube, Ryuichi ist einer der der wichtigen Musiker meiner Zeit, denn seine Musik inspiriert. Sie beseelt gleichermaßen, wie sie sich der Post-Moderne bedient. Der Kopf und der Gedanke stehen im Vordergrund und ganz seltsamerweise versteht Herr Sakamoto es, ein Underdog, ein Geheimtip über so viele Jahre zu verbleiben. Schön, zum Auftakt seiner Tournee in Europa dies Interview bei meiner Zeit lesen zu dürfen.
godspeed to You, Ryuichi!
Tycho.
ich finde, das, was er sagt sehr tolerant. Jeder darf bei ihm seinen eigenen Weg und Zugang zur Musik finden. Ist natürlich auch recht yogisch. Ich bin Hoobbymusiker und habe oft mit Leuten zu tun, die sagen, so geht das nicht, das muss so und so. Du kannst nicht einfach das Schema verlassen. Da macht mir Ryuichi Mut.
Was er über sein Land sagt, gilt übrigens auch für uns.
Uns ist die Demokratie auch von den Amis übergestülpt worden, sie kam nicht innen. Das habe ich so noch nie von einem Deutschen gelesen.
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