Pop aus Mali Lass uns Fula sprechen!
Ein Popstar aus Bamako: Bassekou Kouyaté erobert die Welt mit Band und Bogenharfe. Indierocker, Musikpresse und Radiostationen loben seine flotte Pentatonik.
© Out Here

Der Bob Dylan von Mali: Bassekou Kouyaté
Wir überlegen lange, wie wir das Interview führen können. Bassekou Kouyaté kommt aus Mali und spricht Fula, wie 16 Millionen andere Menschen zwischen Mauretanien und dem Sudan. Französisch? Er kämpft mit meinem Schulfranzösisch wohl nicht weniger, als ich mit seinem westafrikanischen Akzent. E-Mail? Schwierig, Bassekou Kouyaté kann weder lesen noch schreiben.
So kann's gelingen: Seine Managerin Violet Diallo ist Britin und spricht fließend Französisch, mit ihrer Hilfe soll es klappen. Nur, er ist auf Tour durch Europa, sie lebt in Mali. Wir warten. Und führen schließlich doch noch so eine Art Unterhaltung, nach seiner Heimkehr.
Ein paar Tage zuvor: Bassekou Kouyaté im Konzert in den Hildesheimer Vier Linden. Mit seiner Band Ngoni Ba stellt er das Album I Speak Fula vor. Er und drei andere spielen Ngoni, pentatonisch gestimmte Bogenharfen, zwei Herren bringen derweil allerlei Perkussion zum Klingen. Vorn tanzt und singt Amy Sacko, Kouyatés Ehefrau.
Es klingt toll. Lebendig und kraftvoll. Die Skalen haben fünf Töne, nicht sieben, so klingt es zunächst ungewohnt. Zwei Lieder, und die Ohren haben sich dran gewöhnt. Wie praktisch: Jedem Ton kann jeder folgen, nie klingt es schief.
Glaubt man der britischen Musikpresse, so ist hier ein Rebell am Werk. Seine Musik wird dort Wüstenblues genannt. Blues? Nun gut, ein flotter Blues. Aber rebellisch?
Auf der Bühne jedenfalls gibt Bassekou Kouyaté nicht den Rocker. Selten bringt er sich in Pose, dann muss er lachen. Meist steht er einfach nur da, läuft mal ein paar Schritte, dreht sich, schaut auf und lächelt. Welch imposante Zahnlücke! Blick rechts, Blick links. Schnell tritt er wieder einen Schritt zurück und vertieft sich ins Zupfen seiner Ngoni. Wenn die Band zu hektischen Tänzen ansetzt, schaut er oft nur zu.
Ein Rebell? Die Legende geht so: Traditionell wird die Ngoni im Sitzen gespielt. Bei einem Konzert im alten Bahnhof von Bamako Mitte der Achtziger steht Bassekou Kouyaté plötzlich auf und läuft mit seiner Ngoni über die Bühne. Wie eine Gitarre hat er sie über die Schulter gebunden. Dem Publikum kommt das wohl vor wie Bob Dylans legendäres Einstöpseln der E-Gitarre in der Free Trade Hall in Manchester, 1966. "Judas", beschimpfte ein Gast damals Herrn Dylan. Derartige Tumulte aus Bamako sind allerdings nicht überliefert.
© Out Here

Bassekou Kouyaté und seine Band Ngoni Ba
Auch die tief klingende Bass-Ngoni habe Bassekou Kouyaté erfunden, heißt es, und er sei der Erste gewesen, der das Instrument an einen Verstärker anschloss und ein paar Saiten mehr aufspannte, um der Ngoni ausgefallene Harmonien entlocken zu können. Ob das alles stimmt? Ganz gleich, heute tut das jeder in Mali.
Ob er sich rebellisch fühle, frage ich. Bassekou Kouyaté lächelt. Ja, ganz bestimmt lächelt er, als seine Managerin ihm das vorliest. So viele Zuschreibungen, so viele Übertreibungen. (Drei Tage später die Antwort:) Non! No! Nein!, ganz sicher sei er kein Rebell. Schließlich singe er dieselben Worte wie sein Vater und dessen Vorfahren. Es seien die immer gleichen Themen, die die Menschen beschäftigen. Einen eigenen Stil habe er, aber den habe ja jeder Musiker.
Geboren wurde er im Jahr 1966 in der kleinen Stadt Garana am Niger. Mit zwölf begann er Ngoni zu spielen, mit Anfang zwanzig zog es ihn 300 Kilometer flussabwärts in Malis Hauptstadt Bamako. Er spielte hier und da, verdiente sein Geld auf den Bühnen und Platten anderer, auf Hochzeiten. Erst vor wenigen Jahren nahm er das Heft in die Hand und gründete die Band Ngoni Ba. Jay Rutledge, Moderator bei Bayern 2 und Gründer des Labels Out Here, hörte eines der Konzerte und war begeistert. Er veröffentlichte im Jahr 2007 ihr erstes Album Ségu Blue. Es gewann den BBC World Music Award – seitdem können die Musiker von ihrer Arbeit leben.
Eine Geschichte, wie sie derzeit immer häufiger zu erzählen ist: Afrikanische Musik überwindet die Grenzen des Kontinents und findet Gehör in Europa. Gleichzeitig nehmen sich junge amerikanische und europäische Bands afrikanischer Rhythmen an und modernisieren den Rock des Westens. Weichen die Grenzen auf? Neu sei das nicht, sagt Bassekou Kouyaté, schon immer ströme Musik von einem Teil der Welt in andere. Heute verändere sich die Musik der Welt eben schneller als früher. "Ich freue mich, Teil dieser Entwicklung zu sein." Bescheiden ist er.
Was ihm Tradition bedeute, frage ich. Tradition. So ein Wort. Das würde oft falsch verstanden, sagt er. Er sähe gar keinen Widerspruch zwischen Moderne und Tradition. Die malische Musiktradition sei nichts Totes oder Starres, an dem er sich bedienen würde. "Etwas auf traditionelle Art und Weise zu tun hält mich nicht davon ab, kreativ zu sein. Es ermutigt mich sogar, Neues zu tun." Die Musik seiner Vorfahren – die sogenannte Griot-Musik – sei lebendig, er verändere sie eben weiter.
Zuerst mit Ségu Blue, nun mit I Speak Fula. Die Band spielte das neue Album live im Studio ein, um die Energie ihrer Konzerte auf Platte zu bannen. Das lädt zum Tanz. Und welch köstlich doppeldeutiger Titel. Englisch spricht Kouyaté nämlich – wie gesagt – gar nicht, ein wachsender Anteil seiner Zuhörer außerhalb Malis und außerhalb Afrikas kann aber eben auch kein Fula. Die Nachricht: Ich spreche meine Sprache, ihr sprecht eure Sprache, wir verstehen uns.
Gerade haben die Indierocker vom Label Subpop das Album für den amerikanischen Markt lizensiert. Das ist schon überraschend, schließlich glich das Gitarrengeschrammel der Neunziger einer uneinnehmbaren Festung. Den Jungen dieser Zeit war die sogenannte Weltmusik ein Graus. Und ausgerechnet der europäisch-amerikanische Indierock sorgt in der letzten Zeit dafür, dass der Begriff der Weltmusik aus der Mode kommt und die Klänge zwischen den Kontinenten flottieren.
Bassekou Kouyaté sagt, ihn wundere das alles nicht. "Afrikanische Musik ist eben gut!" So einfach ist das.
"I Speak Fula" von Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba ist bei Out Here/Indigo erschienen.
- Datum 24.11.2009 - 13:21 Uhr
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