Frage: Herr Bäßler, an welches Lied aus Ihrer Kindheit können Sie sich noch besonders gut erinnern?

Hans Bäßler: Der Mond ist aufgegangen. Soweit ich mich zurückerinnern kann, sang mir meine Mutter dieses Lied vor, damit ich in den Schlaf fand.

Frage: Nur wenige Kinder erleben heute noch gemeinsames Singen in der Familie und in den Schulen. Welche Bedeutung hat das Singen für die Kindesentwicklung?

Bäßler: Die Stimme ist das erste Instrument des Menschen überhaupt. Sie hat gleichzeitig am stärksten mit dem eigenen Körper zu tun, das heißt die Singerfahrung und die Körpererfahrung hängen unmittelbar miteinander zusammen. Und das ist auch der Grund dafür, dass wir alle das Bedürfnis haben, uns über die Stimme mitzuteilen. Bezogen auf die Frage, wie man diese Anlage befördern kann, würde ich sagen: Das geht nur, wenn das Kind zum frühest möglichen Zeitpunkt erfährt, dass Singen eine wesentliche Tätigkeit ist, um sich frei zu äußern.

Frage: Es heißt "Singen macht stark". Was ist damit gemeint?

Bäßler: Das ist ganz einfach: In dem Moment, in dem ich singe, insbesondere, wenn ich in Gruppen singe, fühle ich mich stärker. Ich fühle mich aufgehoben. Singen ist gleichzeitig ein Ausdruck der Freiheit. Das lässt sich vergleichen mit dem Gesang der Vögel. Diese Freiheit des Vogels, dass ich im Singen selbst entscheiden kann, macht mich gleichzeitig stark.

Frage: Wenn Kinder ohne Singen aufwachsen, welchen Einfluss hat das auf ihre Entwicklung?

Bäßler: Man kann beobachten, dass Menschen, die überhaupt nicht singen, innerlich in einer besonderen Weise zu sind. Dieses Zu-Sein ist ein ganz wesentlicher Nachteil in der Kommunikation mit anderen Menschen. Insofern meine ich, dass Singen nicht nur ein Grundrecht des Menschen ist, sondern auch geschützt und unterstützt werden muss, eben weil der Mensch sich beim Singen als frei empfindet.

Frage: Wie zeigt sich die Realität in den Kindergärten und Schulen aus Ihrer Erfahrung als Gymnasiallehrer und Professor für Musikpädagogik. Wo gibt es Defizite? Wird zum Beispiel in der Grundschule heute noch genügend gesungen?