Singen mit Kindern"Erziehung beginnt mit dem Abendritual"

Hans Bäßler, Vizepräsident des Deutschen Musikrats, unterstützt das "Wiegenlieder"-Projekt auf ZEIT ONLINE. Im Interview erklärt er, warum Kinder mehr singen sollten.

Frage: Herr Bäßler, an welches Lied aus Ihrer Kindheit können Sie sich noch besonders gut erinnern?

Hans Bäßler: Der Mond ist aufgegangen. Soweit ich mich zurückerinnern kann, sang mir meine Mutter dieses Lied vor, damit ich in den Schlaf fand.

Frage: Nur wenige Kinder erleben heute noch gemeinsames Singen in der Familie und in den Schulen. Welche Bedeutung hat das Singen für die Kindesentwicklung?

Bäßler: Die Stimme ist das erste Instrument des Menschen überhaupt. Sie hat gleichzeitig am stärksten mit dem eigenen Körper zu tun, das heißt die Singerfahrung und die Körpererfahrung hängen unmittelbar miteinander zusammen. Und das ist auch der Grund dafür, dass wir alle das Bedürfnis haben, uns über die Stimme mitzuteilen. Bezogen auf die Frage, wie man diese Anlage befördern kann, würde ich sagen: Das geht nur, wenn das Kind zum frühest möglichen Zeitpunkt erfährt, dass Singen eine wesentliche Tätigkeit ist, um sich frei zu äußern.

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Das Wiegenlieder-Projekt

Das Singen von Schlafliedern ist eines der schönsten abendlichen Rituale mit kleinen Kindern. Doch viele Schlaf- und Wiegenlieder geraten in Vergessenheit. Im Rahmen des Benefizprojekts "Wiegenlieder" präsentieren die bekanntesten Sängerinnen und Sänger aus dem deutschsprachigen Raum mehr als 50 dieser wunderbaren Lieder.

Lieder auf ZEIT ONLINE

Jeden Samstag finden Sie nun ein neues Wiegenlied auf ZEIT ONLINE. Sie können es kostenlos herunterladen in zwei Versionen, mit Gesang und als Instrumentalstück zum Üben. Dazu bieten wir Ihnen jeweils eine Woche lang die Noten zum freien Download an.

Die Benefizaktion

Parallel erscheinen die CD "Wiegenlieder Vol. 1" und ein Liederbuch. Vom Verkauf jeder CD und jedes Buches gehen zwei Euro an die Kinderhilfsaktion "Herzenssache e.V.". Mit den Spenden werden Projekte unterstützt, die das Singen mit Kindern fördern.
"Wiegenlieder" ist ein Gemeinschaftsprojekt von SWR2, dem Carus-Verlag und ZEIT ONLINE.

Frage: Es heißt "Singen macht stark". Was ist damit gemeint?

Bäßler: Das ist ganz einfach: In dem Moment, in dem ich singe, insbesondere, wenn ich in Gruppen singe, fühle ich mich stärker. Ich fühle mich aufgehoben. Singen ist gleichzeitig ein Ausdruck der Freiheit. Das lässt sich vergleichen mit dem Gesang der Vögel. Diese Freiheit des Vogels, dass ich im Singen selbst entscheiden kann, macht mich gleichzeitig stark.

Frage: Wenn Kinder ohne Singen aufwachsen, welchen Einfluss hat das auf ihre Entwicklung?

Bäßler: Man kann beobachten, dass Menschen, die überhaupt nicht singen, innerlich in einer besonderen Weise zu sind. Dieses Zu-Sein ist ein ganz wesentlicher Nachteil in der Kommunikation mit anderen Menschen. Insofern meine ich, dass Singen nicht nur ein Grundrecht des Menschen ist, sondern auch geschützt und unterstützt werden muss, eben weil der Mensch sich beim Singen als frei empfindet.

Frage: Wie zeigt sich die Realität in den Kindergärten und Schulen aus Ihrer Erfahrung als Gymnasiallehrer und Professor für Musikpädagogik. Wo gibt es Defizite? Wird zum Beispiel in der Grundschule heute noch genügend gesungen?

Leserkommentare
  1. und aus vollem Herz gesungen schafft man einfach mehr, und das ganz ohne Leistungsdruck und -Stress.
    Ein sehr wichtiges Bildungspolitisches Thema, über das nachzudenken nicht nur wichtig sondern auch notwendig ist.
    Wie gesagt, aus dem Herzen gesprochen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

    ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

  2. ... aber das bestimmt, weil ich schwanger bin. Nein, auch so wäre ich wahrscheinlich berührt. Das Interview ist hochinteressant und sensibilisiert für ein ganz wichtiges Thema. Kinder müssen singen, schreien, kommunizieren. Auch wenn ich es manchmal lieber hätte, wenn meine Jungs nur ganz lieb "Schneeflöckchen" säuseln würden.

  3. Ich habe in der Erziehung meiner Kinder einen großen Fehler gemacht: ich habe sie zu wenig an die selbst gemachte Musik herangeführt. Ich habe abends nicht mit ihnen gesungen, weil ich immer noch aufräumen, spülen und die Wäsche machen mußte: diesen Quatsch habe ich dem Singen vorgezogen.

    Ich selbst habe mein Leben lang immer Musik gemacht: teils auf Instrumenten, teils in Chören - aber ich habe es für mich behalten und nicht an die Kinder weitergegeben.

    Das war falsch. Ohne selbst gemachte und gestaltete Musik ist der Zugang zu den emotionalen Qualitäten des Menschen (sei es Religion, Mitmenschlichkeit, Kommunikation) schwieriger: es fehlt eine Farbe im Leben, auf die man glaubt, verzichten zu können.

    Ich glaube, dazu muß man Wiegenlieder gesungen bekommen. Sollte ich mal Enkel bekommen, dann wird gesungen, dass die Schwarte kracht!

  4. Mindestens bis in die 60er Jahre des letzen Jahrh. kümmerten sich die christlichen MIndestens bis in die 60er Jahre kümmerten sich die christlichen Kirchen um die Förderung von Jugendgruppen. Ich habe den Eindruck, dass beide Kirchen diese Anstrengungen fast eingestellt haben. In solchen Jugendgruppen stand das gemeinsame Singen vorne an. Damit haben Jugendliche heutzutage nirgendwo mehr Gelegenheit, das Singen zu lernen, außer im Kirchenchor oder Gesangverein. Aber welche jungen Menschen zieht es noch dorthin. Eigentlich sollten die Kirchen dies begreifen und versuchen, wieder Jugendgruppen zu aktivieren und zu fördern aus dem eigenem Interesse, über diese Anknüpfung die Jugendlichen vielleicht an die Kirche heran zu führen. Dieses Ziel müßte die Anstrengung zu werben wert sein und viele Jugendlichen fänden eine Freizeitbetätigung, wo anderes nicht angeboten wird.

  5. ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

  6. "Das zweite Kriterium ist die Frage der Authentizität in der Ansprache der Kinder. Die Projekte dürfen den Kindern nicht den Eindruck einer Pseudokindlichkeit vermitteln, die so tut, als ob sie damit besonders kindgerecht sei. Das ist immer eine Gratwanderung: Wir müssen als Erwachsene auch Erwachsene bleiben, aber gleichzeitig eine Sprache finden, die ein Kind versteht. Ansonsten erreichen wir die Kinder nämlich nicht".

    j-ein-n ... würde ich da mal behaupten wollen. zumindest wiegesagt für den elementarbereich. meine langjährige erfahrung hat gezeigt, dass es geradezu ganz WESENTLICH ist, dass das, was man mit den kindern "macht" KIND-gerecht ist. lieber also ein einfacheres lied, als irgendwas erwachsenenmäßiges, was für's kind "viel zu weit oben" ist, schon allein vom sprachnachvollzug her.

    natürlich sollte man sich dabei als erwachsener noch authentisch fühlen, aber solange man "mit dem kind in sich" in verbindung ist, dürfte das doch EIGENTLICH kein problem sein.
    ansonsten, man kann auch sehr anspruchsvolle lieder singen, wie z.b. mal als weihnachtsliedbeispiel: maria durch ein dornwald ging ...
    auch da sind kinder voll dabei. nicht aber zum lernen, sondern einfach AUS FREUDE AM ZUHÖREN!!!

  7. Fantastisch... !
    Endlich mal Etwas, was den Menschen
    ohne großen, sowie ohne finanziellen Aufwand weiterbringt.
    Etwas, das ihn in seiner Persönlichkeit stark macht.

    „Singen“, das sich jeder Mensch „erlauben“ kann, ob er gute oder schlechte Laune hat.
    Singen macht frei...!

    Sogar Stotterer, können singen, ohne zu stottern...
    das heißt auch für mich, „Singen als Therapie“ gegen Stottern.

    Und... Kinder, die „kleinen AnfangsSänger“ sind begeistert dabei.
    Sie klatschen mit den Händchen und trampeln mit den Füßchen,
    nicken mit dem Köpchen ... und singen...
    Erst recht, wenn auch die Spielpartner, wie Puppen, Teddies, Kuscheltiere,
    ja sogar Spongebobs, Autos und Eisenbahnen, „mitsingen“.

    Sicher heißt es nicht umsonst: „Musik liegt in der Luft!“
    und... „Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder...!“
    „Was man singen kann, kann man auch besser aussprechen...“

    Die Schlaflieder-Aktion
    finde ich persönlich wunderbar!

    Unsere Kleinen freuen sich darauf, ins Bett gehen zu können, wenn sie noch leise Schlaflieder hören dürfen. Mit den ruhigen vertrauten Klängen schlafen sie entspannt ein und werden meist auch nicht von schlechten Träumen geweckt.

    Wer persönlich meint, selbst nicht singen zu können, kann die Schlaflieder ja mit seinem Kind anhören, bis es eingeschlummert ist.

    Am nächsten Morgen beginnt
    ein „neues Lied“...

    Weil Zeit einmalig ist!

    Euch Allen
    Eine gute Zeit!
    mlg. baeredel

    • juscha
    • 24.07.2010 um 14:31 Uhr

    Zu den geborgensten Erinnerungen an meine Kindheit gehört "Die Blümelein sie schlafen", das mir meine Eltern abends vorsangen. Meiner eigenen Tochter, 5 Monate alt, haben wir vom ersten Lebenstag an vorgesungen und sie liebt es! Sie wird ganz ruhig, lauscht andächtig, und manchmal lallt sie sogar fröhlich mit.

    "Was man aber ändern kann, um Kinder durchgehend mit Gesangsunterricht zu begleiten, ist die gezielte Einrichtung von Singe-Kindergärten. Darauf bauen dann die sogenannten Chor-Klassen in den Grundschulen auf, die am Ende einen vierstündigen Musikunterricht garantieren. Danach geht es weiter mit den Chor-Klassen des Gymnasiums."

    Dazu möchte ich anmerken: Vorsicht vor einem gewissen Bildungsbürgerdünkel! Auch und gerade Kinder und Jugendliche an Haupt- und Realschulen sollten singen dürfen, ja, brauchen das vielleicht noch viel mehr als Gymnasialkinder aus ohnehin bildungsorientierten Elternhäusern, die den schulischen Musikmangel durch privaten Musikunterricht ausgleichen können.

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