Singen mit Kindern "Erziehung beginnt mit dem Abendritual"Seite 2/2

Bäßler: Grundschulen sind im Hinblick auf Musikunterricht katastrophal versorgt. Da bestehen große Versäumnisse der meisten Landesregierungen, die nicht darauf geachtet haben, dass es einen ausreichenden Lehrernachwuchs an den Schulen gibt, die oftmals keine neuen Lehrer eingestellt haben. Auch werden die bereits ausgebildeten Lehrer vielfach nicht im Fach Musik eingesetzt, sondern im Zweit- oder Drittfach. Allein das beschreibt schon die Situation des Faches Musik. Zumal es dann auch Lehrerinnen und Lehrer gibt, die sozusagen zum Musikunterricht verurteilt werden, ohne dass sie dazu ausgebildet sind. Was man aber ändern kann, um Kinder durchgehend mit Gesangsunterricht zu begleiten, ist die gezielte Einrichtung von Singe-Kindergärten. Darauf bauen dann die sogenannten Chor-Klassen in den Grundschulen auf, die am Ende einen vierstündigen Musikunterricht garantieren. Danach geht es weiter mit den Chor-Klassen des Gymnasiums. In solch einem Modell
werden die Kinder wirklich sehr konsequent ausgebildet.

Frage: Was verstehen Sie unter einer modernen und lebensweltorientierten Musikpädagogik?

Hans Bäßler

Er wurde 1946 geboren und ist heute Professor für Musikpädagogik sowie Leiter des Master-Studiengangs Schulmusik an der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Von 1996 bis 2006 war Hans Bäßler Vorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker, seit 2004 ist er Vizepräsident des Deutschen Musikrates.

Neben vielen weiteren Funktionen und Tätigkeiten als Juror bei Musikwettbewerben ist er Mitglied im ehrenamtlichen Kuratorium für das Projekt Wiegenlieder bei der Kinderhilfsaktion Herzenssache e.V.

Bäßler: Musikunterricht darf sich nicht vom Menschen und vom Leben abkoppeln. Ich halte es für einen Sündenfall der Musikpädagogik, dass wir eine am Papier und an den Noten orientierte Pädagogik haben, bei der es als höchstes Gut bezeichnet wird, wenn ich ein Stück analysieren kann. Viel wichtiger ist, dass die Musik selbst und das Leben des Einzelnen aneinandergebunden werden. Die Musikpädagogik hat dann die Aufgabe, die Elemente aufzunehmen, die in der Komposition oder in dem, was ich höre, vorhanden sind, also Wut, Trauer, Enttäuschung, totales Glück, Triumph. Das sind Grundkomponenten des menschlichen Lebensentwurfs, und sie finden sich in stilistisch unterschiedlicher Art und Weise genauso in der Musik verankert. Wir berücksichtigen diese Aspekte in der Musikpädagogik viel zu wenig.

Frage: Sie sind Mitglied im ehrenamtlichen Kuratorium für das Projekt Wiegenlieder bei der Kinderhilfsaktion Herzenssache. Was hat Sie bewogen, dort mitzuwirken?

Bäßler: Ich habe die ganz große Sorge, dass das Singen in unserer Gesellschaft insgesamt verloren geht, und möchte meinen minimalen Beitrag dazu leisten, auf diese Gefahr hinzuweisen. Ich finde dieses Projekt faszinierend, weil die Grundidee auch der Ursprung meiner Didaktik ist, nämlich dass der elterliche Erziehungsauftrag immer beim abendlichen Ritual anfängt: Das Kind zu Bett zu bringen, dort mit ihm zu singen und den Tag friedlich zu beschließen: Das scheint mir eine ganz wichtige Grunderfahrung zu sein, die Kinder machen müssen. Diesen Ansatz finde ich jetzt beim Projekt Wiegenlieder geradezu vorbildlich umgesetzt. Und ich finde die Idee hervorragend, eine breite Wahrnehmung für das Thema Singen mit Kindern zu schaffen.

Frage: Welche Kriterien müssen Projekte erfüllen, die gefördert werden wollen, und worauf werden Sie bei der Bewertung achten?

Bäßler: Im Wesentlichen geht es um die Frage der konkreten Umsetzbarkeit. Außerdem schauen wir, ob die Projekte so konzipiert sind, dass sie am Ende auch wirklich möglichst viele Kinder konkret erreichen, oder ob sie nur für eine kleine ausgewählte Schar gedacht sind. Das zweite Kriterium ist die Frage der Authentizität in der Ansprache der Kinder. Die Projekte dürfen den Kindern nicht den Eindruck einer Pseudokindlichkeit vermitteln, die so tut, als ob sie damit besonders kindgerecht sei. Das ist immer eine Gratwanderung: Wir müssen als Erwachsene auch Erwachsene bleiben, aber gleichzeitig eine Sprache finden, die ein Kind versteht. Ansonsten erreichen wir die Kinder nämlich nicht.

Das Gespräch führte Oliver Kopitzke.

 
Leser-Kommentare
  1. und aus vollem Herz gesungen schafft man einfach mehr, und das ganz ohne Leistungsdruck und -Stress.
    Ein sehr wichtiges Bildungspolitisches Thema, über das nachzudenken nicht nur wichtig sondern auch notwendig ist.
    Wie gesagt, aus dem Herzen gesprochen...

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    ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

    ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

  2. ... aber das bestimmt, weil ich schwanger bin. Nein, auch so wäre ich wahrscheinlich berührt. Das Interview ist hochinteressant und sensibilisiert für ein ganz wichtiges Thema. Kinder müssen singen, schreien, kommunizieren. Auch wenn ich es manchmal lieber hätte, wenn meine Jungs nur ganz lieb "Schneeflöckchen" säuseln würden.

  3. Ich habe in der Erziehung meiner Kinder einen großen Fehler gemacht: ich habe sie zu wenig an die selbst gemachte Musik herangeführt. Ich habe abends nicht mit ihnen gesungen, weil ich immer noch aufräumen, spülen und die Wäsche machen mußte: diesen Quatsch habe ich dem Singen vorgezogen.

    Ich selbst habe mein Leben lang immer Musik gemacht: teils auf Instrumenten, teils in Chören - aber ich habe es für mich behalten und nicht an die Kinder weitergegeben.

    Das war falsch. Ohne selbst gemachte und gestaltete Musik ist der Zugang zu den emotionalen Qualitäten des Menschen (sei es Religion, Mitmenschlichkeit, Kommunikation) schwieriger: es fehlt eine Farbe im Leben, auf die man glaubt, verzichten zu können.

    Ich glaube, dazu muß man Wiegenlieder gesungen bekommen. Sollte ich mal Enkel bekommen, dann wird gesungen, dass die Schwarte kracht!

  4. Mindestens bis in die 60er Jahre des letzen Jahrh. kümmerten sich die christlichen MIndestens bis in die 60er Jahre kümmerten sich die christlichen Kirchen um die Förderung von Jugendgruppen. Ich habe den Eindruck, dass beide Kirchen diese Anstrengungen fast eingestellt haben. In solchen Jugendgruppen stand das gemeinsame Singen vorne an. Damit haben Jugendliche heutzutage nirgendwo mehr Gelegenheit, das Singen zu lernen, außer im Kirchenchor oder Gesangverein. Aber welche jungen Menschen zieht es noch dorthin. Eigentlich sollten die Kirchen dies begreifen und versuchen, wieder Jugendgruppen zu aktivieren und zu fördern aus dem eigenem Interesse, über diese Anknüpfung die Jugendlichen vielleicht an die Kirche heran zu führen. Dieses Ziel müßte die Anstrengung zu werben wert sein und viele Jugendlichen fänden eine Freizeitbetätigung, wo anderes nicht angeboten wird.

  5. ...und kinder zum singen hinführen. als erzieherin kann ich das nur bestätigen. seit gut 21/2 jahren arbeite (ich würde in dem fall lieber sagen: lebe und arbeite) ich mit "ganz kleinen" (12 monate bis 3 jahre), im moment nur teilzeit und nebenher in existenzgründung (aufbau einer eigenen gruppe).

    was ich aus eigener erfahrung unbedingt sagen möchte: erstens: kinder LIEBEN alles, was mit musik, singen, rhythmus zu tun hat. meine kollegin und ich singen sehr viel mit den kindern mit den kindern und ich bin immer wieder erstaunt, wie sie schon (oder gerade(!!!) in diesem alter alles wie ein schwamm aufsaugen. bei uns ist als phänomen zu beobachten, dass kinder teilweise im freispiel schon ganze sätze und vor allem die melodie eines liedes, das zuvor im morgenkreis eingeführt wurde, nachträllern. dies kann urplötzlich geschehen, aus jedewedem zusammenhang heraus. z.b. mitten beim wickeln. manchmal erfüllt es mich ehrlichgesagt mit ehrfurcht, und ich denke, viele erwachsene neigen dazu, diese kleinen wesen immer pauschal unterschätzen. klar wird dann schon mal: wenn frau holle betzen schüllt, statt betten schüttelt draus, aber das macht ja auch wirklich fast gar nichts, bringt einen allerhöchstens zum schmunzeln.

    kinder in diesem alter lieben sogar englische oder französische klassische kinderlieder, einfach so, ob des klangs willen.

    ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, allerdings sollte man selber auch gerne singen, sonst kommt es wahrscheinlich nicht gut rüber ...

  6. "Das zweite Kriterium ist die Frage der Authentizität in der Ansprache der Kinder. Die Projekte dürfen den Kindern nicht den Eindruck einer Pseudokindlichkeit vermitteln, die so tut, als ob sie damit besonders kindgerecht sei. Das ist immer eine Gratwanderung: Wir müssen als Erwachsene auch Erwachsene bleiben, aber gleichzeitig eine Sprache finden, die ein Kind versteht. Ansonsten erreichen wir die Kinder nämlich nicht".

    j-ein-n ... würde ich da mal behaupten wollen. zumindest wiegesagt für den elementarbereich. meine langjährige erfahrung hat gezeigt, dass es geradezu ganz WESENTLICH ist, dass das, was man mit den kindern "macht" KIND-gerecht ist. lieber also ein einfacheres lied, als irgendwas erwachsenenmäßiges, was für's kind "viel zu weit oben" ist, schon allein vom sprachnachvollzug her.

    natürlich sollte man sich dabei als erwachsener noch authentisch fühlen, aber solange man "mit dem kind in sich" in verbindung ist, dürfte das doch EIGENTLICH kein problem sein.
    ansonsten, man kann auch sehr anspruchsvolle lieder singen, wie z.b. mal als weihnachtsliedbeispiel: maria durch ein dornwald ging ...
    auch da sind kinder voll dabei. nicht aber zum lernen, sondern einfach AUS FREUDE AM ZUHÖREN!!!

  7. Fantastisch... !
    Endlich mal Etwas, was den Menschen
    ohne großen, sowie ohne finanziellen Aufwand weiterbringt.
    Etwas, das ihn in seiner Persönlichkeit stark macht.

    „Singen“, das sich jeder Mensch „erlauben“ kann, ob er gute oder schlechte Laune hat.
    Singen macht frei...!

    Sogar Stotterer, können singen, ohne zu stottern...
    das heißt auch für mich, „Singen als Therapie“ gegen Stottern.

    Und... Kinder, die „kleinen AnfangsSänger“ sind begeistert dabei.
    Sie klatschen mit den Händchen und trampeln mit den Füßchen,
    nicken mit dem Köpchen ... und singen...
    Erst recht, wenn auch die Spielpartner, wie Puppen, Teddies, Kuscheltiere,
    ja sogar Spongebobs, Autos und Eisenbahnen, „mitsingen“.

    Sicher heißt es nicht umsonst: „Musik liegt in der Luft!“
    und... „Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder...!“
    „Was man singen kann, kann man auch besser aussprechen...“

    Die Schlaflieder-Aktion
    finde ich persönlich wunderbar!

    Unsere Kleinen freuen sich darauf, ins Bett gehen zu können, wenn sie noch leise Schlaflieder hören dürfen. Mit den ruhigen vertrauten Klängen schlafen sie entspannt ein und werden meist auch nicht von schlechten Träumen geweckt.

    Wer persönlich meint, selbst nicht singen zu können, kann die Schlaflieder ja mit seinem Kind anhören, bis es eingeschlummert ist.

    Am nächsten Morgen beginnt
    ein „neues Lied“...

    Weil Zeit einmalig ist!

    Euch Allen
    Eine gute Zeit!
    mlg. baeredel

    • juscha
    • 24.07.2010 um 14:31 Uhr

    Zu den geborgensten Erinnerungen an meine Kindheit gehört "Die Blümelein sie schlafen", das mir meine Eltern abends vorsangen. Meiner eigenen Tochter, 5 Monate alt, haben wir vom ersten Lebenstag an vorgesungen und sie liebt es! Sie wird ganz ruhig, lauscht andächtig, und manchmal lallt sie sogar fröhlich mit.

    "Was man aber ändern kann, um Kinder durchgehend mit Gesangsunterricht zu begleiten, ist die gezielte Einrichtung von Singe-Kindergärten. Darauf bauen dann die sogenannten Chor-Klassen in den Grundschulen auf, die am Ende einen vierstündigen Musikunterricht garantieren. Danach geht es weiter mit den Chor-Klassen des Gymnasiums."

    Dazu möchte ich anmerken: Vorsicht vor einem gewissen Bildungsbürgerdünkel! Auch und gerade Kinder und Jugendliche an Haupt- und Realschulen sollten singen dürfen, ja, brauchen das vielleicht noch viel mehr als Gymnasialkinder aus ohnehin bildungsorientierten Elternhäusern, die den schulischen Musikmangel durch privaten Musikunterricht ausgleichen können.

    Eine Leser-Empfehlung

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