Kongo "Die Kongolesen erschaffen aus dem Nichts etwas Schönes"
Der britische Fotograf Marcus Bleasdale dokumentiert seit 12 Jahren den Krieg im Kongo. Nun hat er ein klassisches Orchester in Kinshasa porträtiert.
ZEIT ONLINE: Herrr Bleasdale, sie reisen seit zwölfJahren als Fotograf durch den Kongo und haben in dieser Zeit vor allem die Schrecken des Kriegs dokumentiert. Nun haben Sie ein Orchester in Kinshasa begleitet, das Beethoven und Mozart spielt. War das eine neue Erfahrung für Sie?

Marcus Bleasdale arbeitete früher als Investmentbanker in London, seit zwölf Jahren reist er als Fotograf durch den Kongo
Marcus Bleasdale: Es ist natürlich ein großer Unterschied zu meiner Arbeit im Osten des Landes, wo es nur um den Konflikt geht. Ich habe es sehr genossen, eine optimistische Geschichte zu fotografieren, eine Geschichte voller Hoffnung. Es war ein Vergnügen, die Musik und die Musikern beim Proben zu hören. Ich habe natürlich schon vorher kongolesische Musiker spielen sehen, hatte aber nie die Möglichkeit, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen.
ZEIT ONLINE: Klassische Musik ist wahrscheinlich nicht der normale "Soundtrack" des Landes.
Bleasdale: Das stimmt, es war definitiv ein anderer Vibe. Üblicherweise wummert eher Rumba und Soukous, eine Art Tanzmusik, bis drei Uhr morgens aus den Bars in Matonge (ein Stadtteil von Kinshasa, Anm.d.Red.).
ZEIT ONLINE: Was hat Sie am meisten beeindruckt an dem "Orchestre Symphonique Kimbanguiste"?
Bleasdale: Am meisten überrascht hat mich der Chor. Wie unglaublich talentiert diese Sänger waren.
ZEIT ONLINE: Die Musiker im Kongo arbeiten unter sehr schwierigen Verhältnissen.
Bleasdale: Als Europäer empfindet man das vielleicht so. Die Kongolesen tun das nicht. Natürlich beeinträchtigt das Klima vor allem die großen Instrumente, aber die Menschen kommen damit zurecht. Sie gehen auch mit der Tatsache um, dass sie in einem Land leben, das vom Krieg gebeutelt ist und dass sie keine Arbeit haben. Sie sind außerordentlich widerstandsfähig und sehr humorvoll.
ZEIT ONLINE: Einige der Orchestermitglieder berichten, dass sie sogar ihre Instrumente selbst bauen.
Bleasdale: Ja, vor allem Cellos, Kontrabasse und Violinen. Die Leute kaufen das Holz auf den örtlichen Märkten und benutzen es als Material. Sie nehmen alte Instrumente und renovieren sie – oder sie benutzen einen Teil von diesem und einen Teil von jenem Instrument. Ich bin kein Musiker, aber ich nehme mal an, es gibt einen Unterschied zwischen einer Stradivari und einer Violine "Made in Congo". Aber darum geht es gar nicht. Es geht um das Leben der Menschen und ihre Liebe zur Musik. Insofern macht es eben keinen Unterschied, ob sie auf einer Stradivari spielen oder nicht, denn der Klang ist auf jeden Fall außergewöhnlich. Er kommt von Menschen, die enormes Talent haben und unglaublich viel Ausdauer.
ZEIT ONLINE: Können die Musiker denn von ihrem Spiel leben?
Bleasdale: Nein, sie verdienen ihren Lebensunterhalt als Friseur oder als Lebensmittelverkäufer auf dem Markt. Ein wenig Zuwendung und Unterstützung bekommen sie durch die Kirche.
ZEIT ONLINE: Wie eng ist die klassische Musik mit der Kirche verbunden?
Bleasdale: Sie sind ein und dasselbe. Die Kirche ist das Orchester und umgekehrt. Jedes Orchestermitglied ist Teil der Kirche.
ZEIT ONLINE: Nach Ihren jüngsten Erfahrungen – hat sich die Situation im Kongo in den letzten Monaten etwas verbessert?
Bleasdale: Es kommt darauf an, wo man lebt. Im Osten auf keinen Fall, dort ist es eher noch schlimmer geworden. In Kinshasa ist ein bisschen mehr Geld im Umlauf verglichen mit Anfang der Neunziger Jahre, als ich zum ersten Mal dort war. Man sieht zum Beispiel deutlich mehr Autos auf den Straßen. Es ist ein bisschen sicherer geworden, aber wenn man Oppositionspolitiker ist oder sich gegen die Regierung stellt, riskiert man sein Leben. Der Kongo ist keine Demokratie und keineswegs ein freier Staat. Die Leuten können nicht sagen, was sie denken und es gibt keine freie Presse.
ZEIT ONLINE: Haben Sie durch Ihre Begegnung mit den Musikern dennoch einen optimistischeren Blick auf das Land bekommen?
Bleasdale: Ich habe keinen anderen Kongo erlebt. Es war höchstens ein anderer Blick auf Dinge, die ich auch vorher schon kannte. Es ist der Kongo, in den ich mich verliebt habe, ein Land, das mich immer wieder zurückkehren lässt. Es ist die Liebe der Menschen am Leben, die Liebe zur Musik, die Fähigkeit, selbst unter den schlimmsten Umständen zu überleben. Die Kongoleser schaffen aus dem Nichts etwas Schönes, aus diesem Krieg heraus lassen sie etwas entstehen, das aufrecht und außergewöhnlich ist.
Die Fragen stellte Carolin Ströbele
- Datum 17.11.2009 - 12:00 Uhr
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