Lieblingsplatten 2009 Die besten Alben des Jahres

365 Tage und eine Welt voller Musik. Wie klang das Jahr 2009? Zwölf Autoren der ZEIT und von ZEIT ONLINE schreiben über ihre Lieblingsplatten und lassen Lieder klingen.

Stöbern und Schätze horten: Unsere Musikautoren tun's (auch) für Sie!

Stöbern und Schätze horten: Unsere Musikautoren tun's (auch) für Sie!

Tipps von Thomas Groß

The XX: XX(Young Turks)
Vier ebenso blasse wie blutjunge Menschen aus England üben sich in der hohen Kunst des Ausixens . Gitarre, Schlagzeug, Stimmen, alles wird minimalisiert. Bis wieder soviel Luft zum Atmen da ist, dass zart empfundene Melodien sich entfalten können. Die melancholischste, britischste, postpunkigste Platte des Jahres. Wer sie hört, begreift, warum Joy Division irgendwie auch eine Soulband waren.

Carsten "Erobique" Meyer & Jacques Palminger: Songs For Joy(Staatsakt)
Zwei mit allen Wassern der Ironie gewaschene Profis vertonen Texte von Amateuren – was soll dabei schon herauskommen? Indes: Es ist eine Begegnung im Zeichen von Respekt, Showmanship und dem Willen, einfach mal was auf die Beine zu stellen. Das Ergebnis ist der lustigste, schwerstgereimte, zynikerherzerwärmendste Probandenstadl diesseits von Deutschland sucht den Superstar .

Loudon Wainwright III: High Wide & Handsome. The Charlie Poole Project(Proper Records)
Charlie Poole war ein Herumtreiber, der in den Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts an einer Überdosis Schnaps verstarb. Loudon Wainwright ist nicht nur als Mann des Sanges, sondern auch als Patriarch der Wainwright Family notorisch. In seiner Hommage erinnert der alte Schwerenöter an den noch älteren Schwerenöter. Eine Begegnung im Zeichen von Blues, Beefsteak und wohlfeiler Womanizerei.
 

Tipps von Jan Freitag

The XX – XX(Beggars/Indigo)
Anmut braucht nicht viele Noten, Schönheit nur sehr wenig Text, Konzentrate wirken ohne große Mühe. The XX halten kurz inne im Klangrausch dieser lauten, lauten Welt. Die vier blutjungen Londoner flüstern ihm zehn Stücke reduzierten Indiepops mit gemischtgeschlechtlichen Stimmen zu. Ihre gepflegte Ereignislosigkeit ist so eindrücklich, dass die Kakophonie ringsum verstummt.

Slayer – World Painted Blood(SonyBMG)
Doch dann kommt Slayer und drischt uns die Besinnung wieder aus dem Kopf. Mit katastrophischen Gitarrensoli, nie versiegendem Trommelstakkato und Arayas Wutgebrüll über die alltägliche Apokalypse erdet World Painted Blood den unverbindlichen Eklektizismus der Popwelt. Und nichts, gar nichts daran mahnt irgendwo zur Reduktion. Die besten Slayer seit Hell South of Heaven , das Album zum Untergang.

Gossip – Music For Men(SonyBMG)
Trotz allem, trotz jeder Dorfkirmes, jedem Fahrstuhl, Schützenfest und Fußballstadion, all den Nischen, Arenen, Diskoboxen und Autoradios, aus denen Heavy Cross ertönt, trotz aller Hochglanzmagazine, Talkshowbühnen und Bravoposter, von denen Beth Ditto grüßt, trotz der totalen, unentrinnbaren, hyperkommerziellen Gossip -Schwemme auf allen Kanälen, ist Music For Men das beste Stück independenter Unterhaltungsmusik, die seit langem produziert wurde. Besser, als die PR erlaubt.
 

Tipps von Corina Kolbe

Frédéric ChopinThe Piano ConcertosRafał Blechacz   (Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, Ltg.: Jerzy Semkow, DG)
Im Jahr 2005 sorgte Rafał Blechacz für eine Sensation, als er den Warschauer Chopin-Wettbewerb in allen Kategorien gewann. Pünktlich zum Chopin-Jubiläumsjahr 2010 hat der 24-jährige Pole die beiden Klavierkonzerte e-moll op.11 und f-Moll op.21 auf CD eingespielt. Technische Brillanz, subtile Tempogestaltung und lyrisches Einfühlungsvermögen des Pianisten machen die Aufnahme zu einem besonderen Hörgenuss. Begleitet wird Blechacz von einem der besten Orchester: dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Leitung von Jerzy Semkow.


Magdalena Kožená – Vivaldi(Venice Baroque Orchestra, Ltg.: Andrea Marcon, Archiv Produktion/DG)
Vivaldi treibe einen Sänger bis an seine äußersten Grenzen, sagt die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Für ihr Arien-Album hat sie aber nicht nur halsbrecherische Virtuosenstücke, sondern auch leise, innige Kompositionen ausgewählt. Mit großer emotionaler Intensität weckt sie selten aufgeführte venezianische Barockopern aus dem Dornröschenschlaf. Es musiziert das hervorragende Venice Baroque Orchestra unter dem Alte-Musik-Spezialisten Andrea Marcon.


Vladimir Horowitz – Das legendäre Berliner Konzert am 18. Mai 1986(Werke von Scarlatti, Schumann, Liszt, Rachmaninow, Skrjabin, Chopin, Sony Classical)
Dass die Pianistenlegende Vladimir Horowitz noch einmal nach Deutschland kommen würde, hielt kaum jemand für möglich. Nach monatelangen Geheimverhandlungen glückte schließlich ein irrwitziges Unterfangen. Horowitz gab im Mai 1986 drei umjubelte Konzerte in Hamburg und Berlin . Auf unverwechselbare Weise interpretierte er pianistische Glanzstücke von Scarlatti bis Rachmaninow – eine Meisterleistung, die keines weiteren Kommentars bedarf.
 

Tipps von Jan Kühnemund

Lee Fields & The Expressions – My World(Truth & Soul Recordings)
2009? Pah! Hinein in die Zeitmaschine. Erste Landung im Jahr 1969, der Sommer ist heiß. Und erst die Ohren: Lee Fields jagt kantigen Memphis-Soul und funkenden Bossa durch die Lautsprecher – und beschmachtet das organische Grooven mit butterweichen Zeilen. My World heißt seine Sammlung elf kleiner Perlen, sie bordet über vor Melodie. Und manchmal ist sie so grandios zerfahren, dass man den neuen Godfather Of Soul ausrufen möchte. Eingesteckt und weiter...

Editors – In This Light And On This Evening(PIAS)
... nur zwölf Jahre weiter, alles ist anders. 1981, Mittelengland, es regnet. Das Land ist vom Punk zerzaust, Margaret Thatcher regiert. Längst müssen sich die schrillen Gitarren mit dem analogen Fiepen von Synthesizern messen. Die Editors nehmen sich ein Beispiel an den Simple Minds, die mit Sons And Fascination wuchtige Kühle in Vinyl ritzten. Das Pumpen des Basses, das Jauchzen der Keyboards – muss alles mit.

Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix(V2)
Wieder zurück im Jahr 2009, es ist früher Frühling – und der klingt bereits nach hohem Sommer. Schon im März geistert Wolfgang Amadeus Phoenix durch das Internet, seit Mai kann man es kaufen. Und, ja!, so geht perfekter Pop. Die emsige Elektronik und die grellen Gitarren der Franzosen kitzeln in den Ohren, luftig wie Gräserpollen tanzen ihre Melodien durch den Raum. Lisztomania , 1901 und Fences reichen mindestens bis Weihnachten.
 

Tipps von Jan Möller

Felix – You Are The One I Pick(Kranky)
Irgendwas ist dran an den leisen, unscheinbaren Liedchen dieses Duos aus Nottingham. Aber was nur? Ist es der Sprechsingsang von Lucinda Chua, der den besonderen Reiz ausmacht? Die Feingliedrigkeit, der klapprige Charme der Arrangements? Keine Ahnung. Klar ist nur: Musik ist oft gerade dann am schönsten, wenn man sie nicht erklären kann.

Demdike Stare – Symbiosis(Modern Love)
Hallschleifen hängen wie Nebelschwaden im Raum, durch die Finsternis spuken Samples türkischer, iranischer, kongolesischer und rätselhafter Herkunft. Die Bassmusik der beiden Engländer Miles Whittaker und Sean Canty ist tiefer als die Torfmoore der Grafschaft Lancashire – und bei jedem Hören versinkt man an einer anderen Stelle.

Asa & Toverit – Via Karelia(Aseistakieltäytyjäliitto)
Speech Debelle, Raekwon, Mos Def? Auch toll. Aber das HipHop-Album des Jahres kommt aus Helsinki. Auf Via Karelia lässt Asa mit seinen Genossen die Äs, Ys und Doppelkonsonanten durcheinanderpurzeln, dass es eine wahre Freude ist. Auch wer nicht zu dem Häuflein von Menschen gehört, die Finnisch können, versteht eines sofort: Hier gelingt das große Kunststück, eine der kantigsten Sprachen der Welt rundzurappen. 

Tipps von Burkhard Schäfer

Othmar Schoeck – Notturno(ECM Records)
Deutsche Innerlichkeit – made in Switzerland. Das überragende Rosamunde Quartett und der Bariton Christian Gerhaher zelebrieren diese herbstlich getönten Nachtstücke als das, was sie sind und sein wollen: Ziselierte Psychogramme melancholischer Introspektion. Es ist ein Glücksfall, dass Schoecks von der Avantgarde einst für hoffnungslos überholt erklärte Musik jetzt in dieser an Intensität und Ausdruckstiefe kaum zu überbietenden Einspielung vorliegt.



Pehr Henrik Nordgren – Taivaanvalot(ALBA)
Ein archaisches, überaus klangsinnliches Werk eines unerhörten Komponisten: Mythisch, nordisch, rau und von einer geradezu haptischen erfahrbaren Musikalität, duften diese Klänge nach Fichtenharz, Ziegenmilch und holzgetäfelten Klassenzimmern im tiefsten finnischen Hinterland. Es ist ein (syn)ästhetischer Genuss ohne Gleichen, dem Ostrobothnian Chamber Orchestra – einem der weltweit besten Streichorchester – unter seinem Chefdirigenten Juha Kangas zuzuhören.



Michael Bastian Weiß – Sonate über die Dunkelheit und anderes(NEOS)
Königliche Wintermusik: Die gut 50-minütige Sonate über die Dunkelheit für Cembalo – im Untertitel Symphonie Nr. 2 genannt –, gleicht einem gleißenden Schneelabyrinth. Es braucht, um ein Wort Walter Benjamins zu variieren, Schulung, um sich darin "wie in einem Walde" zu verirren. So, wie Hans Werner Henze in seiner Royal Winter Music der klassischen Gitarre neue emotionale und spieltechnische Ebenen erschlossen hat, öffnet Michael Bastian Weiß dem Cembalo weite(re) Klangräume von glitzernder Schönheit.
 

Tipps von Volker Schmidt

Ambrose Field & John Potter – Being Dufay(ECM Records)
Die feinsinnigen Audophilen bei ECM werden es nicht gern hören: Being Dufay ist klasse zum Joggen. In Wald und Wiese. Im Stadtpark nicht so. Der Klanginstallateur Ambrose Field und der Tenor John Potter haben aus Fragmenten des flämischen Renaissance-Komponisten Guillaume Dufay eine dunstig-ätherische Welt erschaffen, die mit optischer Nachhilfe (Herbstwiese, Winterwald) großartig zum Eskapismusverstärker taugt. In allzu profaner Umgebung (Hundekacke auf städtischen Schotterwegen) nicht.


Lucien Dubois Trio & Marc Ribot – Ultime Cosmos(Enja/Edel Kultur)
Punkiger, zappatistischer, sehr moderner, sehr freier Jazz, der überhaupt nicht stinkt. Dubois bläst, ach was, malträtiert seine kreischende Kontrabassklarinette und seine fauchenden Saxofone, wie Hendrix Gitarre spielte, perkussiv, schräg, rau. Dafür spielt Gitarrist Marc Ribot (bekannt von Tom Waits , Costello, Lounge Lizards, John Zorn et al.) harmonischer und melodiöser, als man es von ihm gewohnt ist.


Der kleine Hörsaal: Das Klavier(mit Pierre-Laurent Aimard, Deutsche Grammophon/Universal)
Na gut, es ist nicht meine Lieblingsplatte, aber meine Achtjährige findet sie fast so toll wie Die Oboe aus derselben Reihe. Ich finde, Dennis, Leon, Emely, Leonie und so, die dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard da Löcher in den Klavierhocker fragen, wissen zuviel. Mehr als ich nämlich. Und Aimard füttert sie auch noch mit Bach und Beethoven, Messiaen und Stockhausen. Was tun, wenn das Töchterchen sich jetzt einen Steinway wünscht?
 

Tipps von Matthias Schönebäumer

Antony & The Johnsons – The Crying Light(Rough Trade)
Große Gesten, ganz zart: Antony und seine Johnsons machen Kammermusik für sterbende Schwäne und schwächelnde Burlesk-Diven. Der Soundtrack für die nachmittägliche Grabpflege und gescheiterte Klimagipfel. Darüber hinaus auch noch eine der am schönsten instrumentierten Platten des Jahres. Wie konnte man ihn mir so lange vorenthalten?



Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix(V2)
Brauchte eine Weile, zündete dann aber ausgerechnet auf dem Weg ins Krankenhaus. Haben immer noch die besten Hooks und die bedeutungslosesten Texte. Fold it, fold it, fold it – ein großartiger Refrain! Eine der wenigen Platten, deren beste Songs erst am Schluss kommen. Phoenix klingen eigentlich wie immer, sind als Hausmittel aber unverzichtbar.



Kraftwerk – Der Katalog(EMI)
Sieht super aus, klingt aber noch besser: Alte Roboter mit neuen Scharnieren. Nichts quietscht mehr. Einmal durchgehört, danach sofort c’t im Jahresabo bestellt. Wird Aja von Steely Dan endgültig als Vorführmusik der HiFi-Händler ablösen. Halb Boxset und Halb-Überding.
 
 

Tipps von Maxi Sickert-Broecking

Christof Kurzmann/ Burkhard Stangl: Neuschnee(Erstwhile Records)
Das grauweiße Flimmern von Fernsehschnee und die Stille einer endlosen Schneeebene. Zehn Jahre nach der Gründung ihres Duos Schnee haben der Gitarrist Burkhard Stangl und der zwischen Pop und elektronischer Improvisation wandelnde Loop-Musiker Christof Kurzmann ihr zweites gemeinsames Studioalbum aufgenommen. Das ungewöhnliche Zusammenspiel von feingezeichnetem Gitarrenspiel und dem fast zärtlichen Rauschen elektronischer Sinuswellen bildet ruhige, weite Landschaften und verstörende urbane Einbrüche mit Popzitaten, wie Neil Diamonds Song Song Blue . Zerbrochen und ungeschützt, die Einsamkeit frisch gefallenen Schnees.

 

Where Is Africa Trio – Can Walk On Sand (Intakt Records)
Makaya Ntshoko gelang in den fünfziger Jahren die Flucht aus Südafrika , gemeinsam mit Miriam Makeba , Abdullah Ibrahim und den meisten anderen Musikern, Sängern und Tänzern des Musicals King Kong , das auf Tournee in Europa war. Viele Musiker blieben in London oder Zürich. Hier wurde Abdullah Ibrahim, damals "Dollar Brand", von Duke Ellington entdeckt, und hier spielte auch die junge Pianistin Irène Schweizer das erste Mal mit südafrikanischen Musikern und engagierte sich danach gegen Apartheid. Dabei stand die Freiheit in der Musik auch für die Befreiung Südafrikas. In ihrem Where Is Africa Trio greifen Irène Schweizer, der israelisch-schweizerische Saxofonist Omri Ziegele und Makaya Ntshoko die fast vergessenen Melodien auf. Sehnsuchtsorte von berührender Schönheit.


John Butcher – Somethingtobesaid(Weight of Wax Records)
Der Meister des mikrotonalen, elektroakustischen Saxofonspiels verortet minimalistische Verflechtungen: John Butchers kollektive Improvisation erschließt sich in dem einstündigen Werk Somethingtobesaid und versammelt mit dem Bassist John Edwards, dem Turntablisten dieb 13 und der Guzheng -Spielerin Clare Cooper herausragende Musiker aus dem Bereich der freien Improvisation. Konzentrierte Verdichtung ausgeloteter Tonräume in tastenden, dunklen Aufschürfungen.
 

Tipps von Claus Spahn

Monteverdi – Teatro d’Amore – Christina Pluhar(Virgin Classics)
Die Lautenistin Christina Pluhar hat sich zwar die Rosinen aus Claudio Mschaikoskintverdis Werk herausgepickt, aber eine populistische Best-Of-CD ist ihr Album trotzdem nicht. Dafür sind die Sänger Philippe Jaroussky und Nuria Rial viel zu gut. Das Ensemble begleitet extrem locker, empfindsam, improvisatorisch. Manches klingt mehr nach Jazz als nach Alter Musik. Und der Ausschnitt aus dem Lamento della Ninfa ist zum Weinen schön. Wer diese CD hört, wird sich fortan mit Monteverdi-Häppchen nicht mehr zufrieden geben.



Tschaikowski – Symphonie Nr. 5, Hamlet Ouvertüre(City of Birmingham Symphony Orchestra, Ltg: Andris Nelsons, Orfeo)
Der junge lettische Dirigent Andris Nelsons gibt sein CD-Debüt als neuer Chef des englischen Orchesters. Seine schwungvoll-sensible Interpretation beweist, dass Tschaikowski nicht das Salontränentier ist, das manche noch immer in ihm sehen wollen. Nelsons hat das Zeug, einmal ein Großer zu werden.


Georg Philipp Telemann – Brockes-Passion(RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, diverse Solisten, Ltg: Rene Jacobs, Harmonia mundi)
Wer Telemann immer noch für einen Komponisten mittelmäßiger Blockflötenstücke hält, kann sich hier eines Besseren belehren lassen: Dieses Oratorium ist packender als die meisten Barockopern. Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu wird zum blutigen Passionsschocker. Es muss nicht immer die Matthäus-Passion sein.
 

Musiktipps von Ulrich Stock

Menahan Street Band – Make The Road By Walking(Daptone Records)
Platten des Jahres, immer so eine Sache. Manche rufen sie schon im Januar fürs laufende aus; andere verpassen sie regelmäßig, wie ich: Make The Road By Walking der Menahan Street Band aus Brooklyn erschien noch 2008; es brauchte, bis sie zu mir fand. Sie entdeckte mich in einem Hamburger Plattenladen, das war im Frühjahr. Seither hat sie mich nicht wieder verlassen. Mittleres Tempo, schwarz, Bläser, die in die Seele gehen. Da ist die große Stadt, da ist Jazz, da ist Afrika. Und bei aller Fülle lässt sie Raum; wohl deshalb wird das Stück The Traitor  so gern gesampelt – selbst 50 Cent greift zu!


Barbara Morgenstern – B.M.(Monika Enterprise)
Gleiches gilt für Barbara Morgenstern. Der zerstreute Musikjournalist zieht B.M. ein Jahr nach dem Erscheinen aus einem Stapel ungehörter CDs hervor: Oh, hab ich das übersehen? Dann schlägt der Blitz ein. Lieder in deutscher Sprache über die Wirrsal des modernen Lebens, das Hin- und Hergezogensein zwischen Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Pflichten. Und das Nachsinnen darüber, ob die Existenz nicht anders sein könnte, wäre man nicht der, der man ist. Kunstlied goes Elektronisches Liedermaching. Diese Berlinerin – sie ist unsere Laurie Anderson!


The Embassadors – Coptic Dub(Nonplace)
Dafür ist dieses kauffrisch, Ende November erschienen. Platte des Jahres? Kann man vielleicht (noch) nicht sagen. Auf jeden Fall Platte zum Ende des Jahres. Zum Rausgleiten, Kerzen anzünden, Zurücklehnen, Entspannen… Welt, geh mir ab! Und mehr noch: Welt, tritt ein! Aber geh mir nicht auf die Nerven. Abgehangener Bass, flüsternde Orgel, einatmen, ausatmen: Das Saxofon bläst Hayden Chisholm , Neuseeländer in Europa. Den Geist des Ahnens beschwört Burnt Friedmann , Elektroniker in Köln. Fabelhaft!
 

Tipps von Rabea Weihser


Florence & The Machine – Lungs(Universal)
Der König ist verblichen, nun übernehmen die Prinzessinnen das Regiment: Das Jahr 2009 gehört dem weiblichen Pop-Nachwuchs. Lady Gaga schwingt das Zepter, La Roux die Frisierbürste, allerlei Hofdamen machen mit. Und dann ist da noch Florence Welsh . Auch sie liebt die Kostümierung, hüllt sich allerdings nicht in metallischen Glitzer, sondern in dunkle Umhänge. Ihre Musik? Mit Synthesizern, Harfen und Trommeln, Flöten und Chören. Es duftet das Moos, raschelt das Laub, späht der Habicht, wimmert das Lamm. Ein romantisches Märchen, auch auf der Bühne.

Sophie Hunger – Monday's Ghost(Universal Jazz)
Noch eine eigenwillige junge Frau, diesmal nicht aus England sondern aus der Schweiz. Sophie Hunger heißt sie. Melancholisch singt sie, ruhig und doch energisch sprühend. Ihre Lieder auf Hochdeutsch, Englisch, Französisch, Schwyzerdütsch ergreifen schon jetzt ein großes Publikum, und es wird größer. Wer Folk, Jazz, Pop, Soul und deren Mischung mag, ist begeistert von der 26-Jährigen.

Patrick Wolf – The Bachelor(Bloody Chamber Music)
Versautes Klima, miese Wirtschaft und überall Krieg – die ständige Verunsicherung kann auch weniger sensible Gemüter erschüttern. Patrick Wolf hat diesen Zeiten eine Hymne gewidmet: Hard Times . Wir müssen uns durchkämpfen, Homosexuelle, Heterosexuelle, Transsexuelle, alle zusammen und jeder für sich. Ein Aufrührer ist Wolf nicht, aber vielen ein Vorbild, die sich eine tolerantere, freiere Gesellschaft wünschen. Industrial-Folk kann man seine Musik nennen, The Bachelor ist ein wunderbares Album. Und diese Stimme! Überhaupt: diese Person! Man muss ihn erleben .

 
Leser-Kommentare
  1. Slayer? Album des Jahres? Definitiv! Danke Jan Freitag für diese "Nominierung". Slayer sind so gut wie seit Jahren nicht mehr, auch dank Dave Lombardo am Schlagzeug. Endlich wieder!

    Für die Einen ist es unerträglicher Lärm, für die Anderen das Nonplusultra, das Ultimative!

    Ich zähle zu der zweiten Kategorie und das seit der ersten Stunde!

    • kenai
    • 17.12.2009 um 14:10 Uhr
    2. ??

    Schöne Liste, aber es fehlen zwei ganz große Alben. Merriweather Post Pavilion (Animal Collective) und Veckatimest (Grizzly Bear)!!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xxYxx
    • 17.12.2009 um 22:10 Uhr

    so right

    • xxYxx
    • 17.12.2009 um 22:10 Uhr

    so right

  2. ...und noch so eine überflüssige Abteilung "Schaut mal welch komische Alben ich kenne und habe" (...und von der Industrie kostenlos zugeschickt bekam.
    Ich mochte es noch nie, wenn mir Fremde ihre doofe Lieblingsmusik nahebringen wollten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @maxizwo

    mußt Du ja nicht lesen, aber es gibt auch Menschen die freuen sich wenn sie neue Sachen entdecken die ihnen gefallen.
    mußt ja auch nicht gleich losrennen und alle Alben kaufen.

    @maxizwo

    mußt Du ja nicht lesen, aber es gibt auch Menschen die freuen sich wenn sie neue Sachen entdecken die ihnen gefallen.
    mußt ja auch nicht gleich losrennen und alle Alben kaufen.

    • hagego
    • 17.12.2009 um 16:15 Uhr

    Und was ist mit SmallBixx/tube_nolens_zero491
    ?!

    :-)

  3. 5.

    das album des jahres ist für mich definitiv "reveal" von der dt. formation "2nd moon". das ist melodischer gitarren-indie-pop, der an bands wie z.b. "puressence" erinnert. es lohnt sich reinzuhören : http://www.2ndmoon.com/

  4. 6.

    @maxizwo

    mußt Du ja nicht lesen, aber es gibt auch Menschen die freuen sich wenn sie neue Sachen entdecken die ihnen gefallen.
    mußt ja auch nicht gleich losrennen und alle Alben kaufen.

    Antwort auf "...und noch so eine"
    • xxYxx
    • 17.12.2009 um 22:09 Uhr
    7. ??

    wohl war.

    Veckatimest und Merriweather Post Pavillon fehlen allerdings schmerzlichst in dieser ansonsten hochinteressanten Liste.

    • xxYxx
    • 17.12.2009 um 22:10 Uhr

    so right

    Antwort auf "??"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service