Pop kommt immer vom Rand. In diesem Jahr geschah auch abseits des Mainstream viel Spannendes

Die letzten 300 Zeichen eines Jahresrückblicks widmet man meist der schmucklosen Aufzählung der Verstorbenen. In diesem Jahr können wir uns das nicht leisten. Michael Jackson starb im Juni, zwei Monate vor seinem 51. Geburtstag. Ein größeres Ereignis hatte der Pop in diesem Jahr nicht zu bieten. Jackson wurde von seinem Leibarzt in den ewigen Schlaf gespritzt, ein Versehen. Welch unsinniger Tod, der das mediale Sommerloch luftdicht zuschüttete. Der – selbsternannte – King Of Pop hätte wahrlich Besseres verdient.

Einem Kind gebliebenen König würdig immerhin war die anrührige Trauerfeier in Los Angeles. Und die zu Beat It tanzenden Flash-Mobs und Massen-Moonwalks überall auf der Welt. Jacksons Platten verkauften sich plötzlich wieder wie in seinen besten Jahren Mitte der Achtziger. Thriller etwa, die bislang meistverkaufte Platten aller Zeiten, ist nun die allermeistestverkaufteste Platte aller Zeiten. Millionen und Abermillionen gingen über die Ladentische. Erstaunlich, hatte die nicht ohnehin schon jeder im Schrank? Und wer soll diesen Fabelrekord eigentlich noch brechen?

Robbie Williams? Nein, der wohl nicht. Nach jahrelanger Pause hätte er mit dem Album Reality Killed The Video Star eine triumphale Rückkehr feiern können. Wenn, ja, wenn dieser regenbogenfarbene Strauß poppiger Melodien nicht gar so uninspiriert und belanglos ausgefallen wäre. Hier rein, da raus, folgenlos. Eines Kronprinzen des Pop war das unwürdig. Obacht, Robbie, längst scharrt ja Lady GaGa, die wandelnde Showbühne, mit den High Heels. Verliebt in Mode, Frisuren und unwiderstehliche Ohrwürmer. Ist der neue King of Pop wohlmöglich – eine Queen of Pop? Könnte sie vielleicht auch Beth Ditto heißen?

Mal sehen. Aber war 2009 nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Schon am 10. Januar rief die taz die Platte des Jahres aus, Animal Collectives Merriweather Post Pavillion. Was sollte da noch kommen? Sollte man die übrigen 355 Tage des Jahres nun also die zweitbeste Platte des Jahres suchen? Die Durchsicht der vielen Bestenlisten der vergangenen Tage bestraft die Marktschreierei der taz. Denn nun stehen oben: Spröder Rock von The XX, durchgedrehter Folk von Grizzly Bear, federnder Pop von Phoenix und den Pet Shop Boys. Das britische Magazin Wire mochte am liebsten die verträumten Klangcollagen, die Broadcast und The Focus Group auf ihrem gemeinsamen Album Investigate Witch Cults Of The Radio Age erzauberten. Auch eine gute Wahl.

In den Aufzählungen der größten Enttäuschungen stehen die neuen Werke von Zoot Woman, Franz Ferdinand, Depeche Mode und Placebo. Selbst die Anfang des Jahres von Vorschusslorbeer bald verschüttete La Roux kam musikalisch dann doch recht schlank daher. Von Little Boots ganz zu schweigen.

Auch deutschsprachig tat sich einiges. Jochen Blumfeld, ähm, Distelmeyer, veröffentlichte sein erstes Solowerk. Echt Heavy, diese krude Mischung aus herzschmerzender Balladerie und wüstensandigem Rocklied. Das konnte man nur lieben oder hassen. Oder ignorieren – das taten die Massen, die eigentlich ausersehen waren, das Album zu kaufen und dem Sänger einen Platz an den Fleischtöpfen Herbert Grönemeyers zu verschaffen.