JahresrückblickPop in 2009

Der "King of Pop" ist tot – Robbie Williams, Tokio Hotel, Lady Gaga, Neil Young, Jochen Distelmeyer beherrschen die Medien. Ein Rückblick auf das vergangene Jahr. von Jan Kühnemund

Pop kommt immer vom Rand. In diesem Jahr geschah auch abseits des Mainstream viel Spannendes

Pop kommt immer vom Rand. In diesem Jahr geschah auch abseits des Mainstream viel Spannendes  |  © photocase.de

Die letzten 300 Zeichen eines Jahresrückblicks widmet man meist der schmucklosen Aufzählung der Verstorbenen. In diesem Jahr können wir uns das nicht leisten. Michael Jackson starb im Juni, zwei Monate vor seinem 51. Geburtstag. Ein größeres Ereignis hatte der Pop in diesem Jahr nicht zu bieten. Jackson wurde von seinem Leibarzt in den ewigen Schlaf gespritzt, ein Versehen. Welch unsinniger Tod, der das mediale Sommerloch luftdicht zuschüttete. Der – selbsternannte – King Of Pop hätte wahrlich Besseres verdient.

Einem Kind gebliebenen König würdig immerhin war die anrührige Trauerfeier in Los Angeles. Und die zu Beat It tanzenden Flash-Mobs und Massen-Moonwalks überall auf der Welt. Jacksons Platten verkauften sich plötzlich wieder wie in seinen besten Jahren Mitte der Achtziger. Thriller etwa, die bislang meistverkaufte Platten aller Zeiten, ist nun die allermeistestverkaufteste Platte aller Zeiten. Millionen und Abermillionen gingen über die Ladentische. Erstaunlich, hatte die nicht ohnehin schon jeder im Schrank? Und wer soll diesen Fabelrekord eigentlich noch brechen?

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Robbie Williams? Nein, der wohl nicht. Nach jahrelanger Pause hätte er mit dem Album Reality Killed The Video Star eine triumphale Rückkehr feiern können. Wenn, ja, wenn dieser regenbogenfarbene Strauß poppiger Melodien nicht gar so uninspiriert und belanglos ausgefallen wäre. Hier rein, da raus, folgenlos. Eines Kronprinzen des Pop war das unwürdig. Obacht, Robbie, längst scharrt ja Lady GaGa, die wandelnde Showbühne, mit den High Heels. Verliebt in Mode, Frisuren und unwiderstehliche Ohrwürmer. Ist der neue King of Pop wohlmöglich – eine Queen of Pop? Könnte sie vielleicht auch Beth Ditto heißen?

Mal sehen. Aber war 2009 nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Schon am 10. Januar rief die taz die Platte des Jahres aus, Animal Collectives Merriweather Post Pavillion. Was sollte da noch kommen? Sollte man die übrigen 355 Tage des Jahres nun also die zweitbeste Platte des Jahres suchen? Die Durchsicht der vielen Bestenlisten der vergangenen Tage bestraft die Marktschreierei der taz. Denn nun stehen oben: Spröder Rock von The XX, durchgedrehter Folk von Grizzly Bear, federnder Pop von Phoenix und den Pet Shop Boys. Das britische Magazin Wire mochte am liebsten die verträumten Klangcollagen, die Broadcast und The Focus Group auf ihrem gemeinsamen Album Investigate Witch Cults Of The Radio Age erzauberten. Auch eine gute Wahl.

In den Aufzählungen der größten Enttäuschungen stehen die neuen Werke von Zoot Woman, Franz Ferdinand, Depeche Mode und Placebo. Selbst die Anfang des Jahres von Vorschusslorbeer bald verschüttete La Roux kam musikalisch dann doch recht schlank daher. Von Little Boots ganz zu schweigen.

Auch deutschsprachig tat sich einiges. Jochen Blumfeld, ähm, Distelmeyer, veröffentlichte sein erstes Solowerk. Echt Heavy, diese krude Mischung aus herzschmerzender Balladerie und wüstensandigem Rocklied. Das konnte man nur lieben oder hassen. Oder ignorieren – das taten die Massen, die eigentlich ausersehen waren, das Album zu kaufen und dem Sänger einen Platz an den Fleischtöpfen Herbert Grönemeyers zu verschaffen.

Leserkommentare
    • afromme
    • 30. Dezember 2009 12:03 Uhr
    1. Staub

    Bezueglich Beatles schreibt der Autor: "So schlecht stand den Liedern der Staub gar nicht"
    Ist das erste Mal, dass ich lese, dass die 1987er CD-Master besser klingen sollen als die 2009er - auch aus persoenlicher Erfahrung kann ich das so gar nicht unterschreiben. Aber gut, die Meinung kann man haben.

    Richtig krude wird's aber mit dem Nachsatz
    "wer die alten Platten hatte, der behielt sie."
    Mal vom Autor und seinem Umfeld abgesehen, gibt's dafuer noch weitere Zeugen?

  1. Freier Autor

    Bester afromme,
    in der Tat, die Ende der Achtziger produzierten CDs der Beatles klingen unter aller Kanone, darüber brauchen wir uns nicht entzweien. Ich meinte die SchallPLATTEN aus den Sechzigern, die habe ich behalten - und ich kenne andere, die das tun.
    Im direkten Vergleich mit den aufwändig restaurierten und nun leider so verhallten Versionen klingen die alten Platten sympathisch dumpf. Und in meinen Ohren steht den Beatles das lebendig Verstaubte besser, als die technische Perfektion.
    Gruß, jk

    • Bakwahn
    • 30. Dezember 2009 15:33 Uhr

    Warum nennt der Autor für den deutschsprachigen Bereich nicht Peter Fox?

    Dieser hat mit seiner LP- Entschuldigung, seiner CD – "Stadtaffe" in den ersten Monaten des Jahres einen Riesenerfolg gehabt. Auch das 2009 erschienene Album "Peter Fox & Cold Steel - Live aus Berlin" verkauft sich gut.
    Musikalisch nicht gut genug für den Autor? Nur Mainstream-Durchschnittsproduktionen?

    Wie dem auch immer sei: für den Bereich der Pop- und Rockmusik und allen ihren Variationen und Spielarten gilt wohl, was der Musikjournalist Jan Feddersen schreibt: "Gewiß scheint mir nur, dass jeder den Tonspuren des eigenen Herzens und der eigenen Generation folgt."
    Genau das macht hier Jan Kühnemund: seine Auswahl sowie seine Kritik und Beurteilung von Popmusik ist höchst subjektiv.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Stadtaffe ist aus dem Jahre 2008 und passt daher schlecht in einen Jahresrückblick 2009.
    Was mir eher fehlt ist das Soloalbum von Peter Fox Kompagnon Dellé "Before I grow Old".

  2. 4.

    Stadtaffe ist aus dem Jahre 2008 und passt daher schlecht in einen Jahresrückblick 2009.
    Was mir eher fehlt ist das Soloalbum von Peter Fox Kompagnon Dellé "Before I grow Old".

    Antwort auf "und Peter Fox?"
    • Bakwahn
    • 30. Dezember 2009 21:26 Uhr
    5.

    @ Wondervoll
    Die CD "Stadtaffe" erschien zwar Ende September 2008, erreichte aber erst im Jahr 2009 die großen Verkaufszahlen. Das ausgekoppelte Lied "Das Haus am See" wurde erst in den Winter- und Frühlingsmonaten 2009 zu dem großen Hit. Von daher ist es schon berechtigt, die genannte CD in eine solche Pop-Rückschau auf das Jahr 2009 zu berücksichtigen.

    Siehe auch hier:
    http://www.zeit.de/kultur...

  3. Also, wenn ich in Guantanamo zur Strafe mit Lautsprechern beschallt werden sollte, dann doch lieber mit Peter Fox als mit der Heulboje Xavier Naidoo. Aber am liebsten mit Gregg Karukas oder Brian Culbertson. Aber die kennt in D kaum jemand. Die singen nämlich nicht, sondern spielen "bloß" Klavier, und ich habe eigentlich nie begriffen, warum die ganze Welt auf dieses ewige Geknödel abfährt, wo es doch so tolle Instrumentalmusik gibt.

    Die Popmusik wäre viel interessanter, wenn nicht dauern jemand singen würde. Oder vielleicht doch nicht - da bleibt dann nämlich nicht sehr viel Individuelles und Interessantes übrig.

    Ich habe übrigens über ein Jahrzehnt lang im Bereich der polulären Musik Geld verdient, zuletzt gar nicht mal so wenig.

  4. Also, wenn ich in Guantanamo zur Strafe mit Lautsprechern beschallt werden sollte, dann doch lieber mit Peter Fox als mit der Heulboje Xavier Naidoo. Aber am liebsten mit Gregg Karukas oder Brian Culbertson. Aber die kennt in D kaum jemand. Die singen nämlich nicht, sondern spielen "bloß" Klavier, und ich habe eigentlich nie begriffen, warum die ganze Welt auf dieses ewige Geknödel abfährt, wo es doch so tolle Instrumentalmusik gibt.

    Die Popmusik wäre viel interessanter, wenn nicht dauern jemand singen würde. Oder vielleicht doch nicht - da bleibt dann nämlich nicht sehr viel Individuelles und Interessantes übrig.

    Ich habe übrigens über ein Jahrzehnt lang im Bereich der polulären Musik Geld verdient, zuletzt gar nicht mal so wenig.

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  • Schlagworte Michael Jackson | Pop | Neil Young | Robbie Williams | Phoenix | Tokio Hotel
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