Django Reinhardt zum 100. Egozentrisch, eitel, genial

Vor 100 Jahren wurde Django Reinhardt in einem Wohnwagen geboren. Später verflocht er Sinti-Musik mit französischen Walzern und Jazz zu einem neuen Genre: dem Gypsy-Swing.

Django Reinhardt starb 1953 in Samois-sur-Seine

Django Reinhardt starb 1953 in Samois-sur-Seine

Im November 1928 brennt in Paris der Wohnwagen eines jungen Paares ab. Jean-Baptiste, der mit seiner Frau Bella hier lebt, erleidet schwere Verbrennungen. Seine linke Hand bleibt verkrüppelt – dabei hat er gerade seine erste Schallplatte als Banjospieler aufgenommen. Der junge Mann macht aus der Not eine Tugend und wird einer der bekanntesten Jazzgitarristen aller Zeiten. Er nennt sich Django.

Als Jean-Baptiste Reinhardt am 23. Januar 1910 geboren wird, ist die Familie gerade in Liverchies in Belgien. Seine Mutter gehört einer Schauspielertruppe an, die durch Belgien, Frankreich und Algerien reist; der Vater ist Musiker. Sie sind Manouches, französischsprachige Sinti.

Anzeige

Manouche oder Manusch heißt Mensch in Romanes, der Sprache der Roma. Es ist im französischsprachigen Raum die Selbstbezeichnung der Sinti, jener Roma, die schon im Mittelalter aus Indien nach Mittel- und Westeuropa einwanderten – oder, nach Lesart mancher Sinti, eines Volkes, das wie die Roma aus Indien kam, aber nicht zu den Roma gehört. Im 19. Jahrhundert werden viele Sinti sesshaft, weil die Obrigkeit Repressalien gegen das "fahrende Volk" verhängt.

Familie Reinhardt stellt ihren Wohnwagen erst 1918 dauerhaft in Paris ab, in der Nähe der Porte de Choisy, einem der alten Stadttore. Jean-Baptiste ist etwa zwölf, als er zu musizieren beginnt, erst auf der Geige, dann auf der damals populären Banjo-Gitarre Guitjo. Er lernt schnell, schaut sich Fingersätze von anderen Musikern ab und spielt bald in einem Tanzlokal in der Rue Monge.

Mit einem Fuß steht der junge Django im glitzernden Paris der Goldenen Zwanziger, mit dem anderen in den Traditionen seiner Familie, die den Moden der Gadsche, der Nicht-Sinti, skeptisch gegenübersteht. Lesen oder schreiben kann Django damals nicht. Als er mit dem Akkordeonisten Jean Vaissade erste Platten aufnimmt, steht "Jiango Renard" auf der Hülle.

Djangos Erbe

Mehrere Musiker der Familie Reinhardt pflegten das Erbe Djangos, darunter sein Sohn (mit seiner zweiten Frau Naguine) Babik, der 2001 starb. Wohl am bekanntesten wurde Djangos Vetter, der Geiger und Komponist Franz "Schnuckenack" Reinhardt  aus der Nähe von Bad Kreuznach, der 2006 in Heidelberg starb. Der Enkel Lulo Reinhardt spielt eher Latin- als Gypsy-Jazz.

Gypsy Swing Bands

Gypsy-Swing-Bands sind häufig Familienunternehmen. Stochelo Rosenberg, Jahrgang 1986, gründete mit seinen Vettern Nous'che und Nonnie Rosenberg ein Trio, und auch ihr Verwandter Jimmy Rosenberg ist ein virtuoser Gypsy-Gitarrist. Im Häns'che-Weiss-Quintett sind drei Wintersteins, Dorado Schmitt spielt mit seinem Sohn Samson. Weitere herausragende Gitarristen sind Biréli Lagrène, Tchavolo Schmitt, Fapy Lafertin, Angelo Debarre,
Patrick Saussois und Raphaël Faÿs.

Gypsy Modern Jazz

Gypsy Modern Jazz entfernt sich vom Swing und orientiert sich an Jazzrock und Fusion, versichert sich aber doch immer mal wieder der Musette-Vergangenheit. Beispiele sind Christian Escoudé und Biréli Lagrène sowie Harri Stojka und Karl Ratzer aus Österreich. Zur innovativen Generation zählen auch Mic Oechsner, Hannes Beckmann, Ferenc Snétberger, Joscho Stephan und die Gruppe Opa Tsupa.

Django als Vorbild

Auch Gitarristen anderer Genres verehren Django Reinhardt als Vorbild, darunter der Country-Picker Chet Atkins, Latin-Rocker Carlos Santana und Blues-Legende B. B. King. Willie Nelson ging mit Django-Shirt auf die Bühne, David Crosby nannte seinen Sohn Django, und Jimi Hendrix soll seine Band of Gypsys zu Ehren des Gitarristen so benannt haben.

Auch der Filmheld aus dem Italo-Western Django hat seinen Namen wohl von Reinhardt: In einer Schlüsselszene muss er den Colt mit verletzten Fingern bedienen.

Kaum 18 geworden, heiratet er Florine "Bella" Mayer; das Paar zieht in einen eigenen Wohnwagen. Am 2. November 1928 kommt Django um ein Uhr nachts aus dem Club La Java nach Hause. Der Wohnwagen ist voller künstlicher Blumen, die Bella aus Zelluloid bastelt, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Django kommt mit der Kerze daran. Wenig brennt so wie Zelluloid.

18 Monate verbringt Django im Krankenhaus, beinahe hätten ihm die Ärzte ein Bein amputiert. Sein Bruder Joseph schenkt ihm eine Gitarre, auf der Django sich im Hospital zielstrebig eine Spielweise beibringt, zu der er Ring- und kleinen Finger kaum braucht. Die Sehnen sind durch die Hitze des Feuers geschrumpft, sie bleiben gekrümmt; nur zum Akkordspiel kann er sie ein wenig benutzen.

Und Django spielt wieder. Erst als Straßenmusiker, dann in Cafés und Hotels. Er hört Platten von Duke Ellington, Louis Armstrong und Joe Venuti; Jazz mischt sich in seine Musette-Walzer und seine Sinti-Musik. Reinhardts ausgeprägt individueller Stil ist geprägt von der Technik, die sein Handicap ihm aufzwingt, doch seine Soli prahlen geradezu mit virtuosen Läufen, schnellen Glissandi und der Geschwindigkeit seiner Schlaghand.

Django tingelt durch Frankreich, lernt andere Jazzmusiker kennen. 1934 entsteht in Paris das Quintette du Hot Club de France, das erste Jazz-Ensemble nur aus Saiteninstrumenten: Django an der Solo-, sein Bruder Joseph an der Rhythmusgitarre, hinzu kommen eine zweite Rhythmusgitarre, Bass – und der große Jazzgeiger Stéphane Grappelli.

Das Ensemble hat enormen Erfolg. Django ist ein kreativer Genius, er spielt nie zweimal dasselbe Solo. Seine eigenen Stücke lässt er andere niederschreiben, Noten kann er nicht. So entstehen Standards wie Nuages, Daphné, Manoir de mes rêves und Minor Swing. Reinhardt mag spannungsreiche Harmonien, etwa übermäßige und verminderte Akkorde, liebt abrupte Tonartwechsel und Molltonarten.

Das Quintett bereist Großbritannien, als 1939 der Krieg ausbricht. Grappelli bleibt dort, Django kehrt nach Paris zurück. Er überlebt auch die Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht. Es ist wohl seine Beliebtheit, die ihn davor bewahrt, als "Zigeuner" in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Aber er muss sich bedeckt halten, tritt bis Kriegsende kaum auf, komponiert "ernste" Musik, eine Orgel-Messe, eine Sinfonie. Auch sein Jazz wird lyrischer, zeigt harmonische Einflüsse aus dem Impressionismus eines Debussy oder Ravel.

Als in Europa wieder Ruhe herrscht, geht er auf eine missratene US-Tour mit Duke Ellington, der ihm Unzuverlässigkeit vorwirft: "Einer der Lieblingssprüche Djangos war 'vielleicht morgen'." Django Reinhardt ist kein einfacher Charakter, er neigt zur Eitelkeit, zur Egozentrik, kommt einmal drei Stunden zu spät zum Konzert.

Aus New York bringt Django den Bebop mit, den er auf der elektrischen Gitarre spielt, ohne ihn wirklich zu verinnerlichen. Als er noch einmal mit Grappelli zusammenfindet, entstehen denkwürdige Aufnahmen, wieder auf der akustischen Gitarre. 1951 zieht Django sich in das Dorf Samois-sur-Seine zurück, wo er 1953 an einem Schlaganfall stirbt. Der Gypsy-Swing, den er prägte, hat ihn überlebt.

Bei Le Chant Du Monde erscheinen zum Geburtstag das 4-CD-Set "Djangologie" sowie eine 25-CD-Box mit dem Titel "Manoir de ses rêves" (Vertrieb in Deutschland durch Harmonia Mundi).

 
Leser-Kommentare
  1. er war er ist ein gott auf der gittare
    ich liebe diese musik und dessen kraft
    danke

  2. 2. emmet

    Na ja, Django Reinhart gilt ja allgemein als der Beste in seinem Metier. Abgesehen von dieser weiterverbreiteten Meinung gab es da aber einmal einen Journalisten der meinte Emmet Ray, so ein Rüppel aus dem Süden der USA, sei besser. Sein Still habe sich vor allem nach einem emotionalen Tiefschlag, irgendwann Ende der 30er, erst so richtig entfaltet. Leider gibt es nur sehr wenige Aufzeichnungen seiner Werke, da er ständig Angst vor Plagiaten anderer Musiker hatte

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Big V
    • 25.01.2010 um 12:10 Uhr

    Sie haben mich zum Lachen gebracht! Emmet Ray, großartig!

    Ich kann auch nur jedem Tony Gatlifs Film "Swing" ans Herz legen. Tchavolo Schmitt spielt dort auch eine Hauptrolle.

    • Big V
    • 25.01.2010 um 12:10 Uhr

    Sie haben mich zum Lachen gebracht! Emmet Ray, großartig!

    Ich kann auch nur jedem Tony Gatlifs Film "Swing" ans Herz legen. Tchavolo Schmitt spielt dort auch eine Hauptrolle.

    • Big V
    • 25.01.2010 um 12:10 Uhr

    Sie haben mich zum Lachen gebracht! Emmet Ray, großartig!

    Ich kann auch nur jedem Tony Gatlifs Film "Swing" ans Herz legen. Tchavolo Schmitt spielt dort auch eine Hauptrolle.

    Antwort auf "emmet"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service