Die Alten haben gut lachen: Bono und Mick Jagger gehören zu den wenigen Bands auf der Welt, deren Tourneen finanziell erfolgreich sind © Stephen Lovekin/Getty Images

Dass sich mit CDs kein Geld mehr verdienen lässt, hat auch sein Gutes: Musiker sind gezwungen, mehr Konzerte zu spielen. Dieses Argument ist oft zu hören, wenn es um die Krise der Musikindustrie geht. Gerade in Berlin, wo jede Woche Billigflieger voller Partytouristen landen, zeigt sich, wie das Geschäft mit der Live-Musik floriert. Nachwuchskünstler wie The XX oder La Roux spielen hier in ausverkauften Hallen. Nur: Sie verdienen nichts dabei. Meist zahlen die Bands sogar drauf.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind das Rockkonzert in seiner Unmittelbarkeit oder der Clubauftritt mit seinem spontanen Chaospotenzial gut und richtig. Dabei wird oft ausgeblendet, dass sich dahinter ein hartes Geschäft verbirgt. Und – wie der große, britische Kulturwissenschaftler Simon Frith nun auf einer Konferenz im Berliner Hebbel am Ufer erklärte – dieses Geschäft entwickelt sich bedenklich. Er stellt die kluge Frage nach dem tatsächlichen "Wert der Live-Musik".

Der Konzertmarkt hat den Tonträgervertrieb als umsatzstärkstes Segment im Musikgeschäft abgelöst. Immobilienwirtschaft, Medienunternehmen, Tourismusbranche und Getränkekonzerne: Alle wollen im Live Entertainment mitverdienen – den Künstlern selbst bleibt da wenig übrig. Gut läuft es nur für die Großen, für Madonna, die Rolling Stones oder U2. Gerade mal zwanzig Bands weltweit generieren die Mehrheit der Umsätze im Konzertgeschäft, rechnet Frith vor. Alle anderen spielen in der Regel nicht einmal die Kosten ein.

Die Vorstellung, dass Konzerte rentabel sein könnten, ist – historisch betrachtet – ohnehin recht frisch. In den Fünfzigern glaubte niemand an dieses Geschäftsfeld. Schließlich erreichten Konzerte immer nur eine begrenzte Hörerschaft und waren damit dem Tonträger an Produktivität weit unterlegen. Finanzierbar waren sie nur mit staatlicher Subventionierung wie im Klassikbereich, durch Sponsoring ("Die Beziehung von Alkoholverkauf und Musikverkauf war immer eng", erinnert Frith) oder durch die Plattenfirmen.

Lange war es selbstverständlich, dass Plattenfirmen ihre Künstler auf Tour schickten, um ein neues Album zu bewerben, und dabei auch die Verluste trugen. Heute, berichtet Stefan Lehmkuhl von Melt! Bookings in einer Podiumsdiskussion, will die Plattenfirma nachträglich in geplante Konzertreisen einsteigen und so ein Stück vom Kuchen bekommen, wenn der schon gebacken ist. Der Plattenvertrag, lange das Tor zur Künstlerkarriere, bietet keine Sicherheit mehr. Gerade im Indie-Bereich wird die Plattenfirma oft nur noch als Vertrieb gebraucht.

Was auf den ersten Blick wie die Erfüllung der Do-It-Yourself-Utopien aus Punk-Zeiten aussieht, ist allerdings eine folgenreiche Störung des Ökosystems Pop. Denn bei allem, was man der profitorientierten Musikindustrie vorwerfen kann, verstand sie es doch über die meiste Zeit ihres  Bestehens, künstlerische Erneuerung sicherzustellen. Als große Plattenfirmen noch selbstverständlich die Risiken trugen, basierte die Entwicklung von Popmusik auf einem 90/10-Modell: Von den Künstlern, in die investiert wurde, brachten zehn Prozent das Geld ein und finanzierten so die restlichen 90 Prozent, aus denen sich mit der Zeit selbst rentable Bands entwickeln konnten.

Dieses Ökosystem ist im Konzertgeschäft der Gegenwart ausgerottet. Es regieren kurzfristige Renditeerwartungen. "Das Musikgeschäft wurde immer von Enthusiasten vorangebracht, denen die Musik wichtiger war als das Geld", betont Simon Frith. Die heutigen Marktführer ticken anders. Der amerikanische Konzern Live Nation nimmt Künstler wie Madonna und oder Jay-Z unter Vertrag und kauft auch gleich die passenden Veranstaltungsorte in den USA und Europa dazu. Dort laufen die Shows dann mehrere Tage in Folge, und sowohl die Ticketeinnahmen als auch Gebühren für Parkplätze, Bewirtung der Gäste oder Toilettenbenutzung laufen auf einem Konto zusammen – so geht Gewinnmaximierung.