EU-Musikprojekt MIMO Viel Holz mit Hertz

Wie klingt eine Stradivari, was ist ein Kielflügel? In der riesigen Online-Datenbank MIMO versammeln Europas Museen ihre skurrilsten und wertvollsten Musikinstrumente.

Die weltweit einzige Stradivari im Originalzustand. Das älteste erhaltene aufrechte Hammerklavier. Eine Gitarre, die erst Niccolò Paganini, dann Hector Berlioz gehörte. Eine Holzglocke in Form einer Häuptlingsgattin des Volkes der Azande. Und anderthalbtausend Klaviere. Viel Holz, wie der Kegelbruder sagt.

Das Online-Musikinstrumente-Museum MIMO, ein Projekt der Europäischen Union, soll 45.000 Bilder, 1800 Audiodateien und 300 Videos von Instrumenten aus elf Sammlungen in sechs Ländern zeigen. Klingt viel. Ist auch viel – vor allem, weil es bislang nicht einmal gemeinsame Standards zur Erfassung der Bestände gab.

Frank P. Bär, beim Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg für MIMO zuständig, hat über historische Holzblasinstrumente promoviert. "Hätte es so etwas wie MIMO schon gegeben", sagt er, "ich hätte sehr viel Zeit gespart". Er musste auf gut Glück zu Museen fahren – viele Sammlungen hatten keine Online-Kataloge ihrer Bestände.

Aufrechter Hammerflügel, Domenico Del Mela, Gagliano nel Mugello, 1739:
Dieses Instrument ist das älteste erhaltene aufrechte Hammerklavier

Aufrechter Hammerflügel, Domenico Del Mela, Gagliano nel Mugello, 1739: Dieses Instrument ist das älteste erhaltene aufrechte Hammerklavier

MIMO, das der EU 1,6 Millionen Euro wert ist, richtet sich allerdings vor allem an den interessierten Laien. Schläft der nicht ein, wenn er sich durch Bilder von 1500 Klavieren klickt? "Wenn er einfach 'Klavier' eingibt, bestimmt", meint Bär, "aber wenn er sinnvoll sucht, kann er die Entwicklung der Instrumente nachvollziehen, kann ein Klavier aus der Mozart-Zeit mit einem Flügel vergleichen, auf dem Chopin gespielt hat".

Oder mit dem Hammerflügel des Johann Andreas Stein von 1788. Musiker lecken sich alle Finger danach, den Klang der Augsburger Antiquität erwecken zu dürfen. Sie dürfen: Das Germanische Nationalmuseum lässt für CD-Aufnahmen bekannte Interpreten an die alten Instrumente. Auch im MIMO sollen sie nicht in schnöden Klangbeispielen erklingen, sondern in kurzen Kompositionen aus der Zeit, in der die Instrumente gebaut wurden.

Das Nürnberger Museum, das 3100 Instrumente besitzt, leitet die Digitalisierung, den dicksten Brocken der Arbeit. Zunächst musste ein gemeinsames Datenmodell her – eine Vorgabe, welche Informationen über die Instrumente wie erfasst werden. Die Lösung, auf die sich die MIMO-Beteiligten kurz vor Weihnachten bei einem Treffen in Nürnberg einigten, heißt LIDO. Das Datenmodell wird wohl der gemeinsame Standard des Projekts zur Erfassung von europäischem Kulturgut, Europeana. MIMO ist ein Teil von Europeana.

Aber LIDO hat auch Schwächen. Es soll Gemälde, Tonkrüge und Römerhelme gleichermaßen erfassen und ist flexibel genug, um neben Standardangaben wie Maße, Material und Entstehungsjahr auch gesonderte Felder zuzulassen, zum Beispiel bei Musikinstrumenten die Stimmungen und Tonhöhen – aber die nötigen Maßeinheiten sind nicht vorgesehen. LIDO hat kein Hertz. Die Experten arbeiten daran.

Schon fertig sind Empfehlungen für das Fotografieren der Instrumente. Sie sollen untereinander vergleichbar sein, die Proportionen müssen stimmen. Das muss man sich etwa so vorstellen wie bei der Verbrecherkartei: Profil links, Frontalansicht, Profil rechts. "Sonst sieht man womöglich eine Verzierung gut, kann sich aber kein Gesamtbild machen", sagt Bär. Deshalb werden die Instrumente auch nicht irgendwie im Depot geknipst, sondern vor neutralem Hintergrund und ordentlich ausgeleuchtet im Studio. "Wir haben im Nationalmuseum allein rund 300 Klaviere, die nicht so einfach zu transportieren sind", ächzt Bär.

Leser-Kommentare
  1. Bei dem abgebildeten Instrument handelt es sich, wie es in der Bildunterschrift auch richtig steht, um die einzige Tenor-Viola Stradivaris, die nicht umgebaut wurde und nicht, wie im ersten Satz des Artikels geschrieben um die einzige Stradivari in Originalzustand. Stradivari-Violinen gibt es mehrere in Originalzustand und Celli meines Wissens auch. Hingegen wurde das Griffbrett der meisten Tenor-Violen umgebaut, als dieses Instrument im 18. Jahrhundert aus der Mode kam.

    [Es wäre hilfreich und weiterführend, wenn Sie zu Ihren Ausführungen Quellen angeben könnten. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]

    • M3
    • 27.01.2010 um 17:50 Uhr
    2.

    MIMO stellt die Instrumenten nicht auf seiner eigenen Webseite (www.mimo-project.eu), sondern bei der Europeana (www.europeana.eu) zur Verfügung. Bis August 2011.

  2. 3. Links?

    Auf beiden genannten Webseiten ist nichts über die Exponate zu finden. Zumindest nicht wenn man nicht genau weiss wo. Genauere Links wären hilfreich (falls sie überhaupt existieren). Ein sehr interessantes Projekt, aber wohl zu früh um es überhaupt beurteilen zu können...

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