Musikbranche Poesie vom Fachhändler

Täglich landet so viel Sprachmüll im Postfach unseres Autors, dass er sich Luft machen muss: Die Waschzettel der Musikpromoter sind doch absurd! Von Carsten Klook

Total verzettelt! Der Verbalprotz der Werbenden ist kaum auszuhalten

Total verzettelt! Der Verbalprotz der Werbenden ist kaum auszuhalten

Die Mails des vergangenen Jahres zu löschen erzeugt schnell einen Rausch, der die Grenzen humanoider Informationstoleranz sprengt. Musikpromotion! Was Clubbesitzer und Labelmacher tagtäglich an Werbematerial in Umlauf bringen, ist nicht nur in der Quantität beeindruckend.

Dass Bands hörenswert sind, muss nichts Schlimmes sein. Das Problem ist nur: Wie wird der Spaß mittels Sprache transportiert? Es herrscht offenbar Einigkeit unter den Werbenden: Superlative, Schlagworte und breitgeklopfte Wiener Schnitzel von Plattitüden müssen her, Schlingpflanzen von Adjektivkolonnen, Reisen durchs Popuniversum auf einer Nudelmaschine. Empfohlen von Namedropper's Delight. Extended Version, versteht sich.

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Schon klar, die Zeit drängt, der Newsletter muss noch raus, und die vierzehnte Tasse Kaffee macht auch eher kirre als sprachempfindlich. Also wird das Klischee-Gebläse angeworfen, ein Turm von Marshall-Verstärkern mit 10.000 Watt Ausgangsleistung, die ihren Verbalprotz an die Lautsprecherwand übergeben: Plink. Schon wieder eine Mail.

Waschzettel, heute auch Presse-Infos genannt, sind Zeugnisse der Großartigkeit. Talent ist grundsätzlich einzigartig. Alben werden vorgelegt oder released und sind solange aktuell, bis ein neues kommt, das natürlich nicht nur alle Erwartungen übertrifft und grandios ist, sondern … einzigartig. Rocksongs sind spannungsgeladen, Rhythmen überraschenderweise perkussiv. Und wie nett von ihnen, dass sie zum Tanzen einladen. Nur allzu oft liefert ein Songwriter, der sich der Musik verschrieben hat, ein neues Meisterwerk ab. Aber wie kann es angehen, dass fast alle Musiker eine absolute Ausnahmeerscheinung unter den Musikern sind?

Ein Muss für alle Fans ist ein Kann für alle Aufgeschlossenen, ein Eventuell für den Normalverbraucher und ein Bloß-Nicht für den Experten. Übrigens: Tourneen werden erfolgreich absolviert und zwar mit einem Line-up, das sich sehen lassen kann. Wäre es unsichtbar, sollte man wohl darüber nachdenken, ob Konzerte so angebracht seien.

Seltsam, dass ein Lied auch heute immer noch aus der Feder von Soundso stammt, mit unbändiger Spielfreude vorgetragen wird und voll abgeht. Immer wieder setzt diese Band oder jenes Produkt neue Maßstäbe. Musiker, die Tanzbares abliefern (im Stile von "Ach, stelln se's mal da hin!"), sind auf jeder Party zu Hause.

Und wenn dann schon die Kritiker ins Schwärmen geraten sind, wird meist ein neues Kapitel in der Geschichte der Popmusik geschrieben, warten Kultbands, die zu Kritikerlieblingen avanciert sind, mit Kultsongs auf, die unter der Regie von Kult-Produzent MC-DC-DVD-DJ entstanden sind. Sehr emotionale und ehrliche Musik findet sich auf diesem New Release. Und die Band A war als Support auf der letzten Tour der Band B dabei und hat den Hauptact an die Wand gespielt. Echt satt? Yes.

Und was ist eigentlich los mit der Formulierung "Ein Höhepunkt jagt den anderen"? Wenn ein Höhepunkt von einem weiteren eingeholt wird, dreht sich die ganze Klimax-Formation wohl im Kreis.

Wenn eine Platte in erbsengrünem oder gar pfirsichfarbenem Vinyl daherkommt, ist das wirklich mal eine gelungene Abwechslung, besonders in der sogenannten Indie-Szene. Da spricht man immer wieder gern von düsteren Pianoakkorden. Oder von Stimmen, die düster, aber nie hoffnungslos klingen. Nur keine Depressionen bitte! Was eigentlich sind ausufernde Soundlandschaften, die stets zielgenau auf den Punkt kommen? Visiert da die Welle den Leuchtturm an? Girlanden bizarrer Vergleiche, die dem Leser – und auch vielen selbsternannten Journalisten – den Kopf verdrehen, als läge der mit auf dem Plattenteller.

Das alles ist natürlich nichts gegen die herrschenden Phrasen von den (unzähligen) Kings of 1. Pop, 2. Rock, 3. 'n'Roll, 4. Jazz, 5. Poop. Der mediale Abschied von Michael Jackson führte zu einem Adjektivstau: Bestes, meist ausverkauftestes Album, bester Künstler aller Zeiten, der erfolgreichste überhaupt. Größter Star auf Erden mit den besten Liedideen aller Zeiten und der erfolgreichsten Show sowieso. Wahnsinn!

Dann plötzlich kommt die Meldung, dass Robbie Williams der größte Superstar aller Zeiten sei. Wie konnte man den nur vergessen? Und das, obwohl Deutschland jeden Grashalm von unten beleuchtet, nur um den "Superstar" zu suchen. Super? "Hyper Hyper!" höre ich da jemanden rufen.

Das elektronische Postfach quillt über vor Datenpampe, vielleicht hilft es, mal wieder anständige Musik zu hören. Am besten die unreleased Bonustracks vom 46. Debütalbum der Mutter des Rock'n'Roll: der Waschmaschine.  

 
Leser-Kommentare
  1. Echt? - Die "Waschzettel" von Plattenfirmen übertreiben und lügen das Blaue vom Himmel? - Im Sommer ist's warm und AEG heißt nicht aus Erfahrung gut? - Say it ain't so.

    Da hat ja jemand Probleme. Gut, dass Herr Klook kein selbsternannter Journalist ist. Das wär ja auch die Höhe. Worum geht's hier eigentlich? Umsonst auf's Konzert und die Rezension gleich mit dem Hörexemplar? - Die Aussagekraft von "Wachzetteln" anzuzweifeln gleicht dem Vorwurf an Bedienungsanleitungen, nicht poetisch genug zu sein.

    Vor dem Hintergrund der D-Funk-Compilation-Rezension wird sich hier auch ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Die ist nicht nur sprachlich vergurkt, sondern auch schlampig recherchiert. Oder hat sich die Recherche wohlmöglich auf die Lektüre des Waschzettels beschränkt?

    "Neue Perspektiven auf die Musik der Heimat"?
    "Die USA dichter an Deutschland heranzuholen"?
    "Ein mit der Faust auf den Tisch gehauener Funk, der die Gürtelschnalle zum Wippen bringt"?
    "Matschige Einlage aus dem Sythesizer?"
    "Diese Kompilation ist ein echter Spass"?

    Die Rezension leider nicht. Ausgerechnet Herr Klook! "Grenzen humanoider Informationstoleranz"? - Ich sach ma "Grenzen klookoider Sprachkenntnisse".

    karl karlsen

  2. Nun ist "(an)zweifeln" noch lange kein "vorwerfen". Mich hat die Glosse, und eine solche ist es, recht bis sehr amüsiert. Eine Glosse des legér Betroffenen, und kein Generalkulturkritikismus am Beispiel der Musikbranchensprache. Klook scheint doch in jener Welt zu leben, und dies auch nicht ungern. Dass Phrasen nicht aus der Welt zu schaffen sind, weil die Sprache uns ohnehin mit verqueren Metaphorismen umzingelt, weiß der Autor m. E. selbst.

  3. auf der facebook seite Musikjournalistensprech werden jetzt auch die stilblüten von Musikjournalisten gesammelt http://www.facebook.com/m...

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