ZEIT ONLINE: Herr Möller, nach Ihrem Bestseller Viva Polonia haben Sie nun Vita Classica – Bekenntnisse eines Andershörenden veröffentlicht. Laut Klappentext beschreibt das Buch "ein klassisches Outing". Das ist eine recht eindeutige Wortwahl...

Steffen Möller: Der Untertitel ist tatsächlich eine Anspielung auf Homosexualität. Was vor zwanzig, dreißig Jahren noch ein Skandal war, ist heute kein Problem mehr. Dafür ist Klassikhören heute ähnlich skandalös wie früher Homosexualität. Es gibt immer wieder Menschen, die bezweifeln, dass Klassikhören peinlich ist. Diese Leute, kann ich nur sagen, sind keine Klassikfans. Dann wüssten sie, wie man angeguckt wird, wenn man mit fünfzehn Klassik hört. Als 40-Jähriger ist es okay. Aber als Teenager ist man damit der Nerd.

ZEIT ONLINE: Klassikhören ist unnormal?

Möller: Wenn heute ein 14-Jähriger sagt: "Ich rauche, ich kokse, ich ficke", dann denkt sein Lehrer, das ist ein ganz normaler Junge. Wenn aber derselbe Junge sagt: "Ich höre zuhause die 8. Sinfonie von Anton Bruckner, und ich finde die Interpretation von Jascha Horenstein viel besser als die von Günter Wand", dann denkt der Lehrer, oh, das ist ein Problemkind, mit dem muss ich mich mittags mal treffen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie mit dem Buch Ihr eigenes Trauma verarbeitet?

Möller: In erster Linie ging es mir nicht darum, meine eigene Geschichte aufzuschreiben, sondern Gerechtigkeit für die Klassikgemeinde einzufordern. Ein eingefleischter Heavy-Metal-Fan ist auf mich zugekommen und hat gesagt: "Ich habe Respekt, ich will jetzt auch Bruckner hören, weil ich gemerkt habe, dass ihr Klassikleute mit dem gleichen Engagement Musik hört wie wir Heavy-Metal-Fans." Das ist wohl der wichtigste Effekt des Buches.

ZEIT ONLINE: Ist die Klassikgemeinde zu schüchtern und zu elitär?

Möller: Die Klassikfans müssen in die Offensive gehen. Mein Vater ist Theologe und hat auf seinem Feld ein ähnliches Problem wie ich als Klassikfan auf meinem: Die Kirchen werden immer leerer und viele Kirchenleute sind sich zu fein, um in die Medien zu gehen. Ich bin damit groß geworden und habe mich in Polen zum Medienmann entwickelt. Wir müssen versuchen, Pathos in die Medien zu bringen. Wir brauchen mehr Pathoskundler, weniger Pathologen wie Musikwissenschaftler, die die Sinfonien totsezieren.

ZEIT ONLINE: Der Pathos-Begriff spielt in Vita Classica eine zentrale Rolle. Was genau verstehen Sie darunter?

Möller: Pathos gibt es in unserem Alltag kaum. Früher wurde Pathos von der Kirche gepachtet. Später hat er sich säkularisiert und verflüchtigt. Wir werden heute von den Medien bearbeitet, die das Pathos scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Die Medien befördern Witz und Humor, deswegen will heute jeder Comedian oder Entertainer werden, ich wollte es auch (lacht). Der Zeitgeist ist gegen das Pathos, ich aber suche diese heiligen Momente und finde sie vor allem in der klassischen Musik wie andere in der Religion.

ZEIT ONLINE: In welcher Musik werden sie fündig?

Möller: Das reine Pathos verkörpern meiner Ansicht nach Anton Bruckner, Gustav Mahler und generell die Musik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Ich finde es aber auch in den Passionen von Bach. Die klassische Musik bietet das meiste Pathos, und zwar eines, das nicht verkaufen will, das frei ist von kommerzieller und psychologischer Manipulation. Dieser Musik kann man sich ohne Bedenken überlassen.