Steffen Möllers "Vita Classica" "Klassikhören ist doch skandalös"Seite 2/2
ZEIT ONLINE: Wie steht's um Rock und Pop?
Möller: Pathos gibt es natürlich auch in der Rockmusik. Sie lebt sogar viel mehr davon als die Klassik. Aber im Rock ist das Pathos oft eine Pose. Und hinter dieser Pose ist Leere, und man hat das Gefühl, es geht doch nur um den Verkauf möglichst vieler Platten.
ZEIT ONLINE: Sie unterscheiden also gewissermaßen das U- vom E-Pathos.
Möller: Ich möchte das mal so veranschaulichen: Die 9. Sinfonie von Beethoven propagiert ein Pathos, das eigentlich gar nicht zur Klassik passt. Hier äußert sich ein kollektives Pathos, das ich viel eher der Rockmusik zuschreibe. Ich war erst im August wieder beim Pearl-Jam-Konzert in Berlin. Tausende von Menschen recken die Hände nach oben und schreien. Das gibt es in der Klassik nicht. Klassik wirft den Hörer auf sich selbst zurück und macht ihn melancholisch, wie auf dem berühmten Kupferstich von Dürer. Beethoven hat mit dem Schlusssatz der Neunten versucht, diese Vereinzelung gewaltsam zu durchbrechen.
ZEIT ONLINE: Ist die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik nicht ohnehin längst obsolet?
Möller: Ich denke, damit verhält es sich ähnlich wie mit dem Thema weiblicher Orgasmus in den Frauenzeitschriften. Es gibt Probleme, die sind im Feuilleton schon lange geklärt, aber in der Realität bestehen sie unverändert weiter. Gehen Sie in ein CD-Geschäft und Sie finden die Unterteilung zwischen U und E überall! Oder hören Sie, was junge Pianisten so spielen. Die spielen kein Crossover. Crossover ist eine Sache von wenigen Auserwählten wie David Garrett und Nigel Kennedy. Aber ein junger Pianist wie zum Beispiel Rafal Blechacz, der in den Klassikmarkt einsteigt, kann sich das nicht erlauben. Er muss seinen Ruf aufbauen als ernstzunehmender klassischer Musiker.
ZEIT ONLINE: Muss sich der Konzertbetrieb ändern?
Möller: Ich bin der Meinung, dass in Konzerten durch diese steife Art viel vom Pathos der Klassik verloren geht. Deswegen bin ich gegen das bürgerliche Sitzkonzert. Ich habe ein Klassikkonzert im Berliner Techno-Klub Berghain erlebt, da haben die Leute gestanden. Erst kam Musik aus den Boxen, dann wurde sie Live gespielt. Es war wie bei einem Rockkonzert, man konnte sich bewegen, was trinken, Szenenapplaus geben. Ich bin auch gegen Einheitskleidung bei Orchestermitgliedern. Aber sagen Sie das mal eingefleischten Klassikmenschen, da werden die aggressiv.
ZEIT ONLINE: Wie kann sich die Klassik besser verkaufen?
Möller: Wir brauchen ein neues Klassikmarketing, nicht das der weichgespülten Klassiksender, die versuchen das Pathos der ernsten Musik herunterzukochen. Die wollen den Leuten den Eindruck vermitteln, Klassik sei vor allem erotisch und witzig. Aber das ist nur eine Viertelwahrheit. Das wahre Kapital der Klassik ist – ihr Pathos! Das unterschlagen diese Sender, und das ist ihr Fehler. Denn den echten Rockfan kriegt man nicht über Kuschelrock. Der will nicht zuhause Gianna Nannini hören, der hört sich die ganz harten Sachen an. Warum? Weil auch er das Pathos sucht, genau wie ich. Und wenn man ihm zeigt, was es in der Klassik zu entdecken gibt, wie etwa die Pathétique von Tschaikowski, dann macht er die Ohren auf, weil er plötzlich das Gefühl hat, das wird genauso ernst genommen wie seine Lieblingsmusik. Und das ist das neue Marketing. Das Klassikpathos muss noch viel mehr herausgestellt werden.
Das Interview führte Burkhard Schäfer
- Datum 12.01.2010 - 18:56 Uhr
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Vielleicht sollte Herr Möller mal ausdrücklich erklären, was er mit "Pathos" konkret meint.
Ich für mich erlebe das so: Töne und Tonfolgen sind "codiert", also sie suggerieren bestimmte, vom Komponisten geplante Gefühle und Bilder. Daß Rockmusik oder gar Schlager andere Bilder und Gefühle suggeriert als Klassik ist klar, und auch innerhalb von Klassik gibt es große Unterschiede.
Man verfolge mal die Veränderungen der Beatles: vor ihrem Indienbesuch haben sie völlig anders komponiert als hinterher, und das war Lennon sehr bewußt, was er da tat, sagte er zumindest.
Gerade an Kirchenmusik kann man erleben, wie stark die Suggestionen sein können, die dadurch hervorgerufen werden. Die Menschen, die in der Gruppe oder gar Masse Musik hören, werden regelrecht hypnotisiert dadurch. Das spricht niemand gerne aus und es ist in der offiziellen Wissenschaft ein Tabu, aber Massenhynotisierungen sind eine einfach anzuwendende Art, Menschen dazu zu bringen, daß sie für den Redner/Musiker eingenommen sind. Ohne die zur gleichen Zeit stattfindenden Kirchgänge mit den entsprechend starken Gesängen wäre es niemals möglich gewesen, so ein großes Reich wie das Russische Reich zu regieren.
Militärmusik (z.B. Marschmusik, Dudelsackmusik etc.) ist jahrhundertelang zu ganz bestimmten Zwecken eingesetzt worden, nämlich den Gegner einzuschüchtern und die eigenen Leute zu stärken und in der Massenhypnose gleichzuschalten.
Der Begriff Phatos greift zu kurz. Es ist nicht nur der Phatos, den ich in klassischer Musik suche, sondern das tranztenzielle Erlebnis. Der Phatos der Musik hilft dieses zu vermitteln. Gutes Beispiel ist Bethovens neunte Sinfonie. Und es hilft, wenn man die Musik live erleben darf, mit Chor und Orchester. Spätestens wenn der Chor zu "Freude schöner Götterfunken" ansetzt, fühle ich mich als Individuum transzendiert, in etwas Größeres eingebunden zu sein. Wundervoll sind auch Bachs Kantaten und Oratorien, die ich in der Thomaskirche zu Leipzig, vorgetragen vom Thomanerchor geniessen konnte.
Sie schreiben:
"Es ist nicht nur der Phatos, den ich in klassischer Musik suche, sondern das tranztenzielle Erlebnis."
Ich biete:
Es ist nicht nur das Pathos, das ich in klassischer Musik suche, sondern das transzendente Erlebnis.
Den Fatos würde ich eher bei den unanständigen Körpergeräuschen suchen ;-)
Nichts für ungut.
Sie schreiben:
"Es ist nicht nur der Phatos, den ich in klassischer Musik suche, sondern das tranztenzielle Erlebnis."
Ich biete:
Es ist nicht nur das Pathos, das ich in klassischer Musik suche, sondern das transzendente Erlebnis.
Den Fatos würde ich eher bei den unanständigen Körpergeräuschen suchen ;-)
Nichts für ungut.
Interessanterweise gibt es in München seit ca. 3 - 4 Monaten eine Tendenz/Phänomen, die hier nicht unbesagt gelassen sein sollte.
Mittlerweile gilt es als trendig, in angesagten Nachtclubs (in welchen sonst Soundrichtungen wie DeepHouse, Flatbeat, Electrock, Triphop, Cascadebass, etc.etc. laufen) zu später Stunde Klassik pur zu spielen.
Knallvolle Tanzflächen und Beethoven schallt im Ohr!
Das mag für Leute, die sich explizit damit auskennen, übel klingen, aber eigentlich ist es doch gut, wenn sich jüngere Zielgruppen dafür begeistern können ... auf ihre - zeitgemäße - Art und Weise.
Und mir soll keiner erzählen, daß gewisse Komponisten nicht auch `Pop´-Musiker waren.
Die Leute stehen wieder drauf, ganz einfach weil das essenzhaltige Musik ist, und Viele die Nase voll haben vom Clubsound-Klamauk und Konservenmusik der `letzten Zeit´.
Ich empfehle mal einen Besuch in einer Szenedisco Münchens.
Da stehen 20jährige mit Kippe und Wodka, und lauschen Händel, Chopin und und und..
Einige konzeptsuchende Club/DiscobetreiberStrategen hier springen gerade auf diesen Zug auf.
Ich meinte mit Szenedisco übrigens ganz gängige, teilweise subkulturhafte Diskotheken, in denen abseits vom Mainstream neue Trends entstehen. Aber auch namhaftere ´Läden`.
Rock oder Hiphop will kein Mensch mehr hören. Zum Glück.
Mit Szenedisko meine ich schlicht: eine Disco, in die die Leute wegen der Musik gehen, und nicht um sich irgendwo irgendwie zu treffen.
alles äußerst einfach ausgedrückt,.. aber mir fehlt gerade die Geduld für dieses komplexe Themengebilde.
@derparanaut
Könnten Sie vielleicht ein paar Beispielclubs nennen? Würde mir das doch zu gerne anschauen, denn bisher habe ich das noch nicht erlebt.
Als aktiver Musiker bin ich schon früh mit klassischer Musik in Verbindung gekommen (ab dem Alter von 10 Jahren). In der Freizeit höre ich zwar eher selten klassische Musik, aber doch "mehr als die ersten hundert Menschen, die man auf der straße trifft" (um es nach Charles Bukwoski zu halten) Trotzdem glaube ich nicht, dass diese Musik generell ablehnend aufgenommen wird. Wenn ich jemandem Klavierstücke von Chopin zeige oder vorspiele, wenn in Filmen Werke von Beethoven gebraucht werden,(wie so häufig der 2. Satz der 7. Symphonie, oder die 9. Symphonie) dann wird in meiner Gegenwart häufig Interesse gezeigt und der Musik mit oder ohne semantische Verknüpfung zum Bild athmosphärische Tiefe bescheinigt, die wunderbare Emotionen auslösen oder aufnehmen können. Vorurteile erschließen sich häufig durch Darstellung der klassischen Musik in Medien, (meist Fernsehen) in denen sie höchstens als absonderlich und elitär abgetan wird, die in einer Art Paralleluniversum existiert, nicht aber in einer Welt der Castingshows und leichten Unterhaltung durch Oberflächlichkeiten. Durch das Internet und Youtube ist dieser Zugang allerdings erfreulich erleichtert geworden. Neugierverhalten wird erweckt und auch in den Kommentaren zu Videos, die klassische Musik beeinhalten, finden sich generell alle Altersklassen.
Ich schließe mich der Frage des vorherigen Kommentars nach den Beispielclubs in München an. Vor kurzem bin ich auch zufällig auf Werbung für Klassikkonzerte im Cocoon in Frankfurt/Main gestoßen, in das ich übrigens auch sonst gehe, auch wenn normalerweise House, Electro, usw. läuft. ;)
Über dieses Thema ließe sich soviel sprechen.
Für mich sind Klänge dasselbe wie Farben, ich kann das irgendwie nicht auseinanderhalten. Will ich eigentlich auch gar nicht.
Ich wollte mal als Kind Geige spielen lernen, lernte stattdessen aber das Klavierspiel. Wobei ich feststellte, daß aus der Katze der Klavierlehrerin ebensoviele lustige Töne hervorzubringen sind; z.B. indem man sie ins Ohr kniff.
Hm. Schlussendlich ist ein Mensch auch ein Instrument. Mit Eigenleben. Ha! Ne.
Irgendwie finde ich den Klang einer Geige obszön.
Und jeder Buchstabe, den ein Mensch handschriftlich vollführt, erklärt einen Ton.
Alles ist Eins. :)
Es gibt auch erstaunlich subjektiv wahrnehmbare Klänge, z.B. wenn man einer ausserordetlich schönen Dame den BH öffnet.
Eigentlich könnte man Sex auch als Sinfonie bezeichnen. Also Klangmäßig. Darauf ist übrigens Tekkno aufgebaut (nicht zu verwechseln mit Techno).
Eigentlich jede Musikrichtung.
Aber das gleitet jetzt in andre Themenrichtungen ab.
@anticlimacus: Namen nennt man nicht. Die Nacht ist dazu da, dem Zufall einen großen Platz einzuräumen.
Musikrichtungen können so verspulte Wellen in sich tragen, daß man sich fragt, ob man ein Segel benötigt, um darauf zu surfen, oder Diesel, um als Tanker durchzubrechen.
Vermutlich ist auch die jeweils gegenwärtige Hirnfrequenz vom Ohr des.. Hörenden abhängig.
Also eigentlich .. Auge des Betrachters, ein Paradoxon; egal.
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