Irgendwann geht der Dialog in der Musik unter. Der Telenovela-Darsteller João wird von einer seiner vielen Liebschaften angekeift, die Musik tritt aus dem Hintergrund und wird laut und lauter. In diesem Moment versteht man: Die Liebe im wahren Leben, die ist viel abgründiger als jede Telenovela. Man ahnte es ja.

Sechs Liebesgeschichten erzählt Thomas Woschitz in seinem Film Universalove. Sie spielen an verschiedenen Enden der Welt und haben kaum einen inneren Zusammenhang. Und doch sind sie ineinander verschlungen wie die Charaktere ins wüste Geflecht ihrer Beziehungen. Ob Julie und Rashid auf den Hügeln über Marseille, Luc und Ben in einem luxemburgischen Schwimmbad, Milja und Dusan am Ufer der Donau, sie alle rennen und ringen. Wirklich geliebt wird selten.

Die Geschichten fließen kunstvoll ineinander, von Rio nach Belgrad, über Marseille nach New York, zurück nach Rio und weiter nach Tokio, in Windeseile. Ein paar Minuten hier, ein paar Minuten dort, vor und zurück. Durch dezente Kniffe verbindet Thomas Woschitz die vielen Lieben und Kämpfe. Da ist etwa die schmierige Telenovela, die in allen Episoden über irgendeinen Bildschirm flimmert – und deren Produktion schließlich Teil des Films wird.

Im Hintergrund spielen weitere Geschichten. Eine etwa, die im österreichischen Klagenfurt beginnt. Oliver Welter lernt dort Thomas Woschitz kennen, da sind sie noch Kinder. Der eine wird Musiker, der andere geht nach Rom und wird Regisseur. Mitte der Neunziger treffen sie sich wieder. Welter komponiert Musik zu Woschitz' Filmen, Woschitz dreht später Musikvideos für Welters Band Naked Lunch. Regisseur und Band arbeiten schließlich gemeinsam an dem Musikfilm Sperrstunde, der bildlichen Umsetzung von Naked Lunchs Album Songs For The Exhausted. Im Jahr 2005 ist das. Die Band spielt Konzerte zum Film, es funktioniert. Warum nicht einen Langfilm gemeinsam drehen?

Universalove ist nun dieser gemeinsame Film. So ist der Einsatz der Musik die zweite Besonderheit neben seiner extravaganten Erzählweise. Musik und Film sind so verwoben wie die Geschichten, sie sind präzise aufeinander zugeschnitten. Das sei von Anfang an so geplant gewesen, beides parallel entstanden, sagt Thomas Woschitz: "Wir haben die Musik immer mitgedacht, nicht als normalen Score, sondern als Symbiose zwischen Popmusik und Film."

Die Symbiose funktioniert, es lässt sich eine erfreuliche Geschichte auch aus dem Hamburger Kampnagel zu erzählen: Hier spielen Naked Lunch ihre Musik live zum Film, auf der Bühne die Instrumente, darüber die Leinwand. Auch diese Art der Aufführung sei von Beginn an beabsichtigt gewesen, sagt Oliver Welter. Sind wir im Kino oder im Konzert? Schwierig, diesem Zusammenspiel einen Namen zu geben.

Welch ein Beginn schon: Fahles Licht, die Brüste einer Frau drücken sich durch ärmelloses Feinripp, Herzklopfen – dann bricht unerwartet die Band los. Oh, Schreck! Dem Zuschauer flackern Tausende Watt in die Augen, es blitzt und poltert. Aufblende, eine junge Frau (wir erfahren später, dass sie Julie heißt und wir uns in Marseille befinden) jagt auf ihrem Mofa eine kurvige Straße hinauf, angefeuert vom zügellosen Stakkato der Band.