Alban Berg zum 125. Geburtstag Überströmende Wärme des Fühlens
Der Komponist Alban Berg wackelte am Harmoniegebäude, bröselige Avantgarde ist seine Zwölftonmusik aber nicht! Vor 125 Jahren wurde er in Wien geboren.
Er ähnelte Oscar Wilde und war ein sensibler Grandseigneur, er mied die Menge, aber hochmütig war er nicht, eher selbstironisch. Er habe "den größenwahnsinnigen Eindruck, dass der Wozzeck etwas ganz Großes ist", schrieb Alban Berg seiner Frau vor der Uraufführung. Dass es am 14. Dezember 1925 in der Berliner Staatsoper lauten Beifall gab, irritierte ihn. Konnte man ihn verstanden haben? Die Oper wurde umgehend an so vielen Häusern gespielt, dass der Komponist mit den Tantiemen ein Ford-Sport-Cabriolet bezahlte, von dem er sogar ein Foto an seinen Lehrer Arnold Schönberg schickte. Der wird es mit einem gewissen Zähneknirschen betrachtet haben. Er, der den elf Jahre Jüngeren erst auf den Weg gebracht hatte, war ein weniger umjubeltes Genie. Heute zählt Bergs Wozzeck zu den Höhepunkten des Musiktheaters und zum festen Repertoire der großen Opernhäuser.
Alban Berg, geboren am 9. Februar 1885, kam aus der Familie eines wohlhabenden Exportkaufmanns, Schönberg hatte sich als Sohn eines kleinen Schusters zur Leitgestalt der Avantgarde hochgearbeitet, seine gefürchtete Strenge hat viel damit zu tun. Und Wozzeck war das Werk, mit sich Berg von seinem Lehrer emanzipierte. Er ist sicherlich der romantischste Komponist der so genannten Wiener Schule, aber weder Wozzeck noch andere Werke Alban Bergs sind eine Musik, die man mitpfeifen kann. Das wird zwar auch niemand als Kriterium für gute Musik festsetzen wollen, aber noch immer wagen sich viele gar nicht erst ans Hören, weil ihnen zu Berg ersteinmal "Zwölftonmusik" einfällt, zu der sich zäh die Ansicht hält, sie vergewaltige das natürliche Hörempfinden und sei sozusagen das Grundübel einer Avantgarde, die völlig verkopft vor sich hinbrösele.
Alban Berg bietet die besten Möglichkeiten, jede dieser Annahmen durch ihr Gegenteil zu ersetzen. Was die Zwölftonmusik angeht – im Wozzeck setzt er sie noch gar nicht methodisch ein, dogmatisch tut er es nie; auch Schönberg selbst war da nicht orthodox. Dass entsetzte Kritiker des Wozzeck (die gab es auch) kein "Harmoniegebäude" mehr erkennen konnten, hatte andere Gründe. Das tonale System mit seiner Grundspannung zwischen Tonika und Dominante, ohnehin erst im 17. Jahrhundert einigermaßen stabil, war am Ende des 19. Jahrhunderts bis an die Ränder der Auflösung strapaziert worden, und einige Komponisten beschlossen, sich nicht mehr daran zu halten. Sie schrieben atonal, was nicht schräg heißt, sondern zwanglos. Durakkorde sind erlaubt (es gibt sie sogar in der Zwölftonmusik), alles andere aber auch.
Im Wozzeck hat Berg all das gemacht und dabei größte Klarheit und Tiefe der Konstruktion mit größter Ausdruckskraft verbunden. Es geht um Menschen, deren Ich zerbricht. Was er zu erzählen hatte, brauchte eine neue Musiksprache, denn Berg hat in dieser Oper verarbeitet, was er im Ersten Weltkrieg erlebte. "Unfrei, resigniert, ja gedemütigt" fühlte er sich als Soldat im Ausbildungslager, und der hilflose Soldat aus Georg Büchners Drama Woyzeck war seine Figur für die Deformationen des Krieges. Wenn Wozzecks Frau Marie, die ein grausames Ende ahnt, ihrem Kind prophetisch sagt: "Es war einmal ein armes Kind und hatt' keinen Vater und keine Mutter", dann heben sich dazu spätromantische Harmonien und Hornklagen aus der nichttonalen Umgebung wie ein unerreichbares gestern.
Schon in den frühesten Stücken seines Schülers vernahm Arnold Schönberg eine "überströmende Wärme des Fühlens". Dem Fühlen ist auch die Zwölftonmusik nicht im Wege. Ihr Erfinder Schönberg machte die Demokratie zur Methode: Jeder der zwölf Töne, in die eine Oktave (in der westeuropäischen Musik) geteilt wird, ist gleichberechtigt, ein tonales Zentrum entfällt, die Tonleiter wird durch eine Reihe von zwölf Tönen in frei wählbarer Folge ersetzt, die zugleich das Kernmotiv ist. Als Berg, obwohl glücklich verheiratet, sich während der Wozzeck-Zeit in die Schwester des Schriftstellers Franz Werfel verliebte, bekannte er seine Gefühle in einem Streichquartett, der Lyrischen Suite. Darin komponierte er so zwölftönig wie ungebunden, und im verzweifelten Finale führt er die vier Instrumente zum berühmtesten Liebesakkord der Musikgeschichte, zu Wagners Tristanakkord.
Alban Berg liebte Zitate. Er zitierte auch Volkslieder und Trivialmusik, er liebte es, die Sphären zu verknüpfen, und gerade die stärksten Gefühle brachten ihn zu Verbindungen neuer mit alter Musik wie in seinem Violinkonzert. Er schrieb es in Trauer um Manon Gropius. Die überirdisch schöne Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, dem Architekten, war mit 18 Jahren an Kinderlähmung gestorben. Dem Andenken eines Engels widmete Berg dieses instrumentale Requiem, das sein eigenes werden sollte, und am Ende wird Johann Sebastian Bachs Choralmelodie Es ist genug von der Solovioline angestimmt, zwölftönig und zart von Bratschen und Fagott begleitet.
Man schrieb das Jahr 1935, und es ging Berg nicht gut. Die Nazis hatten in Deutschland seine "entartete Musik" verboten, Tantiemen blieben aus, und in dieser Existenzfraglichkeit nahm er die Furunkulose nicht besonders ernst, an der er nach einem Insektenstich erkrankte. Am 24. Dezember erlag er in Wien der Blutvergiftung, die sich entwickelt hatte. In einem Brief zu seinem 50. Geburtstag hatte ihm sein Lehrer Schönberg, als Jude längst ins kalifornische Exil geflohen, noch das größte Lob seines Lebens gemacht: "Du, der als einziger unserer Sache allgemeine Anerkennung zu gewinnen imstande warst." Es empfiehlt sich, diese Sache mit Alban Berg wieder ganz neu zu entdecken.
- Datum 23.02.2010 - 09:45 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Aufgrund eines technischen Fehlers wird der dritte Audio-Player unvollständig angezeigt. Wir arbeiten dran. Spätestens in 15 Minuten sollte auch der Ausschnitt aus dem Violinkonzert zu hören sein.
Rabea Weihser
Musikredaktion
für diesen Artikel.
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