Sopranistin Anna Prohaska"Heavy Metal kommt der Oper nahe"Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Im März führen Sie beim Lucerne Festival mit Claudio Abbado und dem venezolanischen Simón Bolívar Jugendorchester Sinfonische Stücke aus Alban Bergs Oper Lulu auf.

Prohaska: Darauf freue ich mich riesig. Lulu ist eine der Traumrollen, die ich später einmal singen möchte. Es ist eine große Ehre, dass mich Claudio Abbado als Solistin für sein Konzert ausgesucht hat. Im Februar reise ich nach Venezuela, um mit ihm und den Musikern zu proben. Mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern habe ich bereits Lieder von Anton Webern aufgeführt. Mich reizt es, Werke der Zweiten Wiener Schule einem größeren Publikum nahezubringen. Diese Musik gilt zu Unrecht als total verkopft. Dabei sind die verwendeten Texte oft hochemotional und expressionistisch.

ZEIT ONLINE: In Venezuela hat das staatliche Jugendorchestersystem die Gesellschaft verändert. Bei uns scheint diese Botschaft aber noch nicht ganz angekommen zu sein.

Prohaska: Ich ärgere mich immer, wenn ich höre, dass hier an Schulen der Musikunterricht gekürzt wird. Zum Glück bin ich auf ein musisches Gymnasium gegangen, wo viele Mitschüler im Schulorchester spielten und keinerlei Vorurteile gegen klassische Musik hatten. Als wir aus Wien nach Berlin zogen, war ich aber kurzzeitig auf einer anderen Schule. Da haben mich die anderen Kinder ausgelacht, als ich auf einem Ausflug eine Kassette mit Opernmusik hörte. In dem Alter ist das keine schöne Erfahrung.

ZEIT ONLINE: Sie mögen aber auch noch ganz andere Musik, etwa Heavy Metal.

Prohaska: Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Durch seine Dramatik und Emotionalität kommt Metal den Opern und Sinfonien oft sehr nahe. Viele Metal-Bands arbeiten deshalb längst mit klassischen Orchestern zusammen. Techno und Elektropop sind davon viel weiter entfernt.

ZEIT ONLINE: Welche Bands sind Ihre momentanen Favoriten?

Prohaska: Früher habe ich viel Metal und Industrial Rock gehört, zum Beispiel die norwegische Band Dimmu Borgir, Rammstein und Einstürzende Neubauten. Inzwischen bin ich aber eher auf dem Blues-Trip. Ich mag die Band Calexico, die US-Countryrock mit mexikanischen Rhythmen mischt. Oder ich höre Afro Celt Sound System, die afrikanische Musik mit keltischen Instrumenten kombinieren. Weltmusik kann die Kluft zwischen Klassik und populärer Musik wunderbar überbrücken. Der bretonische Harfenist Alain Stivell, den ich sehr schätze, spielt auf einem seiner Alben nicht nur traditionelle keltische Weisen, sondern auch Stücke von Händel.

Das Gespräch führte Corina Kolbe.

Georg Friedrich Händels Oper "Agrippina" in der Inszenierung von Vincent Boussard hat am
4. Februar in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin Premiere. René Jacobs dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin.

Bei der
Langen Nacht der Opern und Theater tritt Anna Prohaska am 10. April im Berliner Schillertheater mit Liedern von Henry Purcell und George Crumb auf.
 

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    • Schlagworte Claudio Abbado | Anton Webern | Metal | Oper | Opernhaus | Rammstein
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