ZEIT ONLINE: Frau Prohaska, an der Berliner Staatsoper geraten Sie als Poppea in Händels Oper Agrippina in ein Netz aus Intrigen, am 4. Februar ist Premiere. Lieben Sie durchtriebene Charaktere?

Anna Prohaska: Ich bin ein großer Fan der alten Römer und tauche immer gern in deren Welt ein. Mich interessiert natürlich auch die Entwicklung, die Poppea in dieser Oper durchmacht. Ihre Hinterhältigkeit kommt erst richtig zum Vorschein, als sie sich von Kaiserin Agrippina löst und selbst ein Komplott anzettelt. Poppea ist meine bisher umfangreichste Opernrolle. Es reizt mich sehr, meine Energien auf der Bühne auszutesten.

ZEIT ONLINE: Barockmusik spielt in Ihrem Repertoire eine wichtige Rolle.

Prohaska: Mir gefällt diese Musik, weil sie mir als Sängerin viel Raum für Kreativität lässt. Ich kann Verzierungen frei gestalten und auch sonst eigene Interpretationen einfließen lassen. Wenn man mit verschiedenen Dirigenten arbeitet, fällt einem auf, wie viele unterschiedliche Sichtweisen es gibt. Barockmusik ist sehr emotional und hat eine besondere Dramatik, die ich mit meiner Stimme sehr gut ausschöpfen kann, ohne mich verbiegen zu müssen. So ein breites Repertoire finde ich nicht in jeder Epoche. Ich singe beispielsweise gern Lieder aus dem 19. Jahrhundert. Große Verdi- oder Wagner-Partien würden mir dagegen weniger liegen.

ZEIT ONLINE: Ihre Partie in Agrippina singen Sie auf Italienisch. Welche Sprache ist Ihnen auf der Bühne am liebsten?

Prohaska: Italienisch mag ich wirklich sehr. Man sagt ja, das sei die ideale Sprache für den Gesang. Mit Englisch komme ich aber auch ausgezeichnet zurecht, weil ich zweisprachig aufgewachsen bin. Außerdem finde ich es spannend, mir russisches, tschechisches oder polnisches Repertoire zu erarbeiten. Beim Einstudieren von Dvořáks Oper Rusalka habe ich den Text zunächst Silbe für Silbe auswendig gelernt. Eine Rolle auf Ungarisch wäre noch eine riesige Herausforderung, da könnte ich ebenfalls nur vom reinen Klang der Sprache ausgehen. Aus heutiger Sicht ist die Sprache in Agrippina übrigens auch ziemlich verschwurbelt.

ZEIT ONLINE: Das Publikum stellt heute ganz andere Erwartungen an Oper als früher.

Prohaska: Die Leute hatten damals mehr Zeit und konnten deshalb ohne Probleme ab und zu fünf Stunden im Opernhaus verbringen. Sie haben allerdings nicht immer aufmerksam zugehört. In den Logen wurde gegessen, getrunken, geredet und Schach gespielt. Das erlebt man heute eher im Kino, wo die Zuschauer Popcorn knabbern, sich unterhalten und manchmal sogar telefonieren. Im Opernhaus und im Konzertsaal geht es strenger zu.

ZEIT ONLINE: Bei einem Ihrer Liederabende haben Sie Henry Purcell mit George Crumb kombiniert. Barock trifft auf Gegenwart – wie passt beides zusammen?

Prohaska: Inzwischen kann ich mir kaum noch das eine ohne das andere vorstellen. Fließende Übergänge waren mir dabei sehr wichtig. Ich bin von Crumbs Komposition Apparition ausgegangen und habe dazu Purcell-Stücke ausgesucht. In der Melodik erkenne ich viele Parallelen, es passt alles sehr gut zusammen.