Cover-Alben An den Klebekanten der PopgeschichteSeite 2/2
Record Club: Cohens "Stranger Song" von Beck Hansen, Devendra Banhart und MGMT.
Dieser Zufälligkeit sind sich die Musiker bewusst, Becks Plattenverein hat sie gar zum Prinzip erhoben. Es scheint, als wählten nicht die Musiker die Alben aus und rechtfertigen anschließend wortreich, weshalb ausgerechnet dieses oder jenes das beste, größte, schönste und deshalb nachspielenswerteste sei. Nein, die Alben suchen sich ihre Musiker. Und die können nichts tun als spielen und verspielen.
Schon die Auswahl der Musik liest sich so: In Becks Record Club fiel die erste Entscheidung angeblich zwischen der Hip-Hop-Platte Sex Packets von Digital Underground und The Velvet Undergrounds Debütalbum – die Ähnlichkeit des Namens ist da der einzige gemeinsame Nenner. Und beim zweiten Mal setzte sich Songs Of Leonard Cohen knapp gegen Happy Nation von Ace Of Base durch. Alle drei nachgespielten Platten sind älter als Beck selbst, aber auch das ist wohl – na klar – Zufall.
Der französische Dichter Lautréamont beschrieb in seinem später von Surrealisten gern gelesenen Roman Chants de Maldoror einen jungen Mann mit den Worten, er sei schön "wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch". Diesen Geist des Absurden, die Umschreibung des Schönen mit offenbar zufällig gefundenen Worten, atmen auch die Lieder von Beck und den Flaming Lips.

Und das Zitieren und Verfremden kennt keine Grenzen. Das Licht, das sich Anfang der Siebziger auf der Plattenhülle noch im Prisma brach, schießt nun regenbogenartig aus den Augen eines Kleinkinds. Das mag man als Hinweis darauf interpretieren, wie sehr ein Werk wie Dark Side Of The Moon längst Teil der Alltagskultur ist und Menschen geprägt hat. Wahrscheinlich haben sich die Flaming Lips aber gar nicht um die Bedeutung geschert.
Auch das ist so schön an dieser Art der Zweitverwertung: Man kann vieles hineindeuten – und sich schließlich doch sicher sein, dass die Künstler sich etwas ganz anderes, wenn nicht gar nichts, dabei gedacht haben.
Becks Record Club zitiert die Originalcover direkter und doch gebrochen. Karge Bleistiftzeichnungen sind es nun, eine krakelige Banane, Leonard Cohens Augenbrauen ein bisschen schräg. Es sieht aus, als habe jemand die Originale auf einen Kopierer mit wunderlichem Eigenleben gelegt. Und so klingen die neuen Versionen ja auch.
Während die Arbeiten des Record Club unverkäuflich sind, gibt es das Album der Flaming Lips exklusiv bei einem einzigen MP3-Händler. L'Art pour l'art ist das nicht mehr, aber wer erwartet das schon im Popgeschäft.
- Datum 16.02.2010 - 16:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










Lieber Jan Kühnemund,
vielen Dank Ihnen für diesen Artikel. Sie sind wahrlich eine Entdecker. Bitte mehr davon! Und wenn Ihre ZEIT-Menschen zuhört, dann sagt bitte der Redaktion, dass Herr Kühnemund mehr schreiben soll und dafür lieber weniger schlechte Videospielkritiken wie die zu Dante's Inferno.
Grüße,
Hellfish
Pink Floyd und Velvet Underground zufällig gesehen. Gelesen und Cover-Versionen gehört. Ganz großes Kino :)
Vielen Dank, Turb
Vor der Vollkommenheit haben wir wohl eher Respekt. Was uns fasziniert ist eher das Unvollkomene, das improvisiert Wirkende. Aufbruchzeiten sind zugleich auch immer die interessanten Jahrgänge.
Woodstock war grandios. Aber eben auch Regen und Schlamm.
Das wirkliche Leben, Jan Kühnemund, da haben Sie recht, ist collagiert. Aber die Fixogum-Flecken verweisen auf eine hohe Authentizität.
Ein sehr gelungener Artikel!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren