Vor einiger Zeit habe ich in der Badewanne eines Hotels Chopin gehört, die Préludes op. 28. Ich stieg aus der Wanne, zog den Stöpsel und schaute zu, wie das Wasser ablief. Zufällig erklang genau in dem Moment, als sich die Wasseroberfläche kräuselte und sich ein Trichter über dem Abfluss bildete, das mehr als rätselhafte Prélude in es-moll.

Die Übereinstimmung von Bild und Musik war frappant: Das nur 30 Sekunden kurze Stück schraubt sich, vollkommen unmotiviert aus dem Nichts kommend und im Nichts wieder verschwindend, als amorph kreiselnde Spiralbewegung zwischen das vorangegangene, ruhig und gleichsam auf glatter Wasseroberfläche vor sich hin singende Prélude fis-moll und das nachfolgende, ebenfalls gefasste Des-Dur-»Regentropfen«-Prélude.In den wenigen Sekunden, in denen sich das es-moll-Prélude plötzlich als spukhafte musikalische Erscheinung dreht, scheint jeder Halt verloren. In tiefer Lage gurgelnd, zieht es die Musik hinab in Richtung eines dunklen Abgrunds. Man vernimmt Horrormusik.

Chopins Œuvre ist voll von solchen Momenten, in denen sich vermeintlich ornamentale oder harmlos überleitende Figurationen zum gefährlichen Sog verdichten und einen Strudel im Schönen auslösen, der Angst einflößt. Man muss mit allem rechnen, wenn Chopin den Stöpsel zieht. Claus Spahn