Techno von Pantha du Prince : Handfest ätherisch

Techno kann so viel mehr sein als Tanzmusik: Hendrik Weber alias Pantha du Prince schöpft aus dem Geist der Romantik und lässt Klänge Geschichten erzählen.

Es begann unterm Flügel. Dort saß Hendrik und ließ Töne auf seinen Kopf tropfen. Mozart, Bach, Liszt, Schubert. Die Klavierschüler seiner Mutter spielten, was das Repertoire hergab. Sie versuchten eine Melodie, stockten, schon sehr schön, aber bitte noch mal von vorn, auf die linke Hand achten. Wieder und wieder dieselben Phrasen, und mittendrin zerbröckelten die Klänge. Hendrik fing sie auf und setzte sie wieder zusammen, spielte die Melodien und Harmonien zu Ende. Das konnte niemand hören, es war in seinem Kopf.

Heute kann jeder hören, wie er das macht. In dunkler Kleidung steht Hendrik Weber auf der Bühne, unter seinem DJ-Pult tanzen die Menschen in Dunst und Schatten. Bässe durchdringen den Nebel. Vier feste Schläge pro Takt, darüber ein Schleier aus Echos. Feine Glockentöne, erst einzeln, dann in losen Gruppen, bald als Melodie, dann wieder zerlegt in die Einzelteile. Mal verschwindet der Beat und überlässt einem fließenden Nichts den Raum. Hier pfeift einer auf die strengen Regeln der Clubmusik und lobt den Schwebezustand. Manche verstehen das als Techno, anderen ist es eine Andacht, Hendrik Weber nennt es Pantha du Prince .

Eine Idee von rauschhafter Tanzmusik, selbstvergessener Hingabe an den Rhythmus, beseelt von romantischer Weltflucht. Pantha du Prince, das kann man nicht übersetzen, nicht wörtlich, nicht in Club-Effizienz im 4-8-16-Schema. Da schwingt etwas Größeres mit. Und das Große steckt im Kleinen. Es ist Webers sorgsamer Umgang mit dem Material, dem einzelnen Ton oder Geräusch, der seine Musik so besonders macht. Er vertraut auf die Aura des Originals. Jeder Klang kann eine Geschichte erzählen.

Die Klänge für sein neues Album Black Noise fand er in den Schweizer Alpen. Atzmännig, der raue Name des Örtchens, in dem er seine Feldaufnahmen machen wollte. Auch dieser Flecken hat eine Geschichte: Vor fast 200 Jahren begrub hier ein Erdrutsch ein ganzes Dorf. Bisher berichteten nur die Anwohner, die Warnschilder und die tiefen Felsspalten vom Unglück. Nun sind die Zeugen zu Musik geworden. Weber hat die Landschaft ins Mikrofon sprechen lassen, knirschende Kiesel, knisterndes Geäst.

Zuhause in Berlin trug er die Proben in sein Studio, speiste sie ein in den Computer, und die Mikroskopie begann: Knirschen und Schaben, Wispern und Rauschen, alle gesammelten Klänge erschienen nun am Bildschirm als Schwingungen, die sich synthetisch nachbilden und verfremden ließen. Hinzu kamen ein paar Instrumente. Und ganz allmählich, nach vielen, vielen Arbeitsschritten, schälten sich Rhythmen, Harmonien und Melodien aus den Geräuschen.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Genres II

Freunde elektronischer Tanzmusik scheinen sehr auf ihre Kategorien fixiert: Nein das ist kein Techno, auch kein wirklicher Trance, vielleicht geht das in Richtung Goa, aber dann doch eher minimal Goa, ein wenig ambient natürlich und Spuren des Contratempos sind auch darin zu finden.

Autorentechno hingegen find ich persönlich einen sehr schönen Begriff.