Nennen wir sie Lara. Sie ist 15 und gibt den Großteil ihres Taschengeldes für Musikdownloads und Konzertstreaming-Abos aus. Schminken tut sie sich auch gern, aber nur mit Produkten, die ohne Tierversuche hergestellt wurden. Die Natur solle ihretwegen nicht leiden, sagt Lara, deshalb isst sie vegetarisch und fährt mit dem Rad zur Schule. Sie kauft sich regelmäßig die Bravo, obwohl die auf Papier gedruckt ist, aber ein bisschen Papier muss sein: Poster dürfen im Jugendzimmer nicht fehlen. Gerade steht die Boygroup Future4U hoch im Kurs, "die sind so süß, können toll singen und denken dabei auch noch an die Umwelt", sagt Lara.

So könnte es aussehen, in ein paar Jahren, wenn die Unterhaltungsbranche ihr Umweltbewusstsein geschärft hat. Noch sind Lara und Bands wie Future4U Zukunftsmusik. Noch gehört es zum Klischee von individuellem Freiheitsdrang und erwachsener Männlichkeit, mit benzinsaufenden Riesenautos durch Videoclips zu brettern, wie es Tokio Hotel tun. Noch haben viele Musiker und Manager nicht verstanden, dass ökologisches Bewusstsein gemeinnützig und rentabel zugleich ist. Und dass die Unterhaltungsindustrie einen großen Beitrag leisten kann, um bis 2020 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent zu senken und den Klimawandel aufzuhalten.

Schon 2007 hat eine Studie der Oxford University ergeben, dass die britische Musikwirtschaft jedes Jahr 540.000 Tonnen Kohlendioxid produziert. Das entspricht dem Ausstoß einer Kleinstadt mit 54.000 Einwohnern. Seither hat sich einiges getan in England. Die Firma Julie’s Bicycle zum Beispiel berät Interessierte aus dem Kreativsektor, wie sie ihren ökologischen Fußabdruck minimieren können. Geld will die Agentur damit nicht verdienen. Sie hilft ihren Kunden lediglich, Energie und somit Kosten zu sparen.

Das geht einfacher als erwartet: Konzertveranstalter können auf grünen Strom und Energiesparlampen umstellen und vormittags ihre Kühlschränke vom Netz nehmen. Plattenfirmen können ihre CDs in Pappe statt Plastik hüllen oder ganz auf physische Veröffentlichungen verzichten. Musiker können ihre Tourneen mit kleinem Team im Biodieselbus anstatt mit großer Entourage im Flugzeug bestreiten.

Das Edinburgh Centre for Carbon Management hat der Band Radiohead im Jahr 2005 vorgerechnet, dass ihre Welttournee zum Album Hail To The Chief (2003) rund 7500 Tonnen Kohlendioxid erzeugt hat. Um diese Menge zu neutralisieren, müssten 50.000 Bäume 100 jahrelang photosynthetisieren. Ihre nächste Konzertreise 2008 nannte die Band dann Carbon Neutral Tour, sie setzte energiesparendes Bühnenlicht ein und pflanzte Bäume. Auch die Rolling Stones, Coldplay oder Pink Floyd gärtnerten gegen den Treibhauseffekt.

Was englische Musiker vormachen, bleibt in Deutschland nicht allzu lange unkopiert. Die Punkpopband Die Ärzte glich die Emissionen ihrer JäzzfästTour (2009) aus. Und Seeed treten nur noch in Hallen auf, die mit grünem Strom betrieben werden.