"Unser Star für Oslo"Das Popmodellduell

Im Finale von "Unser Star für Oslo" geht es nicht nur um Lena oder Jennifer. Es treten auch zwei Konzepte gegeneinander an: Mainstream gegen Aufbruch. von 

Wer erfolgreichen Pop machen will, hält sich an das Altbekannte und verpasst ihm einen neuen Ton. Anastacia, Melissa Etheridge oder Avril Lavigne haben viel Geld mit diesem Prinzip verdient, weil ihr Poprock einem großen Publikum gefällt, weil er niemanden überfordert, aber auch niemanden überrascht. Starke, erfolgreiche Sängerinnen wie diese sind die Vorbilder der 18-jährigen Jennifer Braun aus dem Fleckchen Eltville im Rheingau. Schon oft hat sie ihre Lieder gesungen, auf Stadtfesten, Weinfesten, Schulfesten.

Heute Abend betritt sie die große Bühne der ARD und bewirbt sich im Finale von Unser Star für Oslo als deutsche Vertreterin im Eurovision Song Contest. Ihre Gegenspielerin Lena Meyer-Landrut ist ebenfalls 18 und Schülerin, sie kommt aus Hannover. Unter Pop versteht sie etwas ganz anderes. Ihre Auftritte sind überraschend und mitreißend. Sie singt Lieder von Kate Nash, Adele oder The Bird And The Bee, die in Deutschland nur wenige kennen. Sie trägt die Zuschauer zu neuen Horizonten, und die danken ihr dafür.

Das Publikum liebt Lena, weil sie Eigenschaften verkörpert, mit denen sich Deutschland bisher nicht schmücken konnte. Sie ist charmant, aufgeweckt, eigenwillig, ausdrucksstark, eine Botschafterin, auf die das Land stolz wäre. Aber warum sollten sich unsere Nachbarn, die am 29. Mai in Oslo abstimmen, für deutsche Eitelkeiten interessieren? Sie honorieren nette Popsongs, die dürfen kuschelig oder auch mal fetzig sein. Solche, wie Jennifer sie mag. 

Es treten im Finale des Vorentscheids zwei unterschiedliche Konzepte gegeneinander an – und damit sind nicht nur Mainstream-Pop und Indie-Pop gemeint. Die beiden Kandidatinnen spiegeln einen Dualismus, in dessen Spannungsfeld die ganze Show vibriert. Denn worum geht es hier eigentlich? Glaubt man dem Sendungstitel, wird Unser Star für Oslo gesucht, ein Interpret, der beim Eurovision Song Contest im internationalen Vergleich glänzen kann. Einer, der es unter die ersten Zehn, vielleicht sogar aufs Siegertreppchen schafft, um die Schmach der vergangenen Jahre vergessen zu machen.

Leserkommentare
  1. warum werd ich das Gefühl nicht los, dass eigentlich schon feststeht LML gewinnt? Mehr Werbung ist in den Medien ja kaum noch möglich für die Dame. Also abschalten und ne gute CD hören.

    • M.M.
    • 12. März 2010 10:23 Uhr

    Vorneweg: Lena Meyer-Landrut ist meine Favouritin, da sie dem deutschen Klischee NICHT entspricht, denn die Massengeschmackpopmusik ist, weltweit überigens, doch nicht mehr als Muzak, also glattgebügelt ohne besondere herausragende Merkmale.
    Ob sie in Oslo etwas bewirken kann, wage ich aber zu bezweifeln,da dort eben Muzak hochnotiert (verlangt ?!) wird und da gehört sie ja nicht zu.
    Allerdings hat sie ihren eigenen Stil und könnte zu einem Achtungserfolg kommen, eben weil sie NICHT dem Massengeschmack folgt.
    Zuguterletzt zeigt ihr Beispiel (und das der anderen Mitbewerber bei USFO ), dass es unverbrauchte Talente jenseuts des DSDS-Gedröhnes gibt, die unbedingt zu fördern sind.
    Wie auch immer: Lena sollte man sich merken. Hoffentlich fällt sie nicht den Marktstrategen der Musikindustrie und deren Renditegeilheit in die Hände.

  2. 3. Nanu?

    "und damit sind nicht nur Mainstream-Pop und Indie-Pop gemeint."

    Es gibt INDIE-Pop?! Ist das nicht ein absoluter Gegensatz in sich?

    • Levar
    • 12. März 2010 10:54 Uhr

    Toll, dass sogar die ZEIT sich, sozusagen in letzter Minute, des Themas annimmt. Genauso wie Sie schreiben, ist es. Endlich mal nach SPIEGEL, Süddeutsche und FAZ ein Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft. Übrigens vielleicht für Sie als ZEIT interessant: Ich vergleiche Lena Meyer-Landrut gerne mit Wolfgang Siebeck. Er hat den Deutschen das gute Essen "beigebracht", und Lena bringt den Deutschen die gute Musik bei. Das hat alles viel mit Identität zu tun. - Hoffentlich klappt's heute Abend.

  3. Dieser Artikel lehrt viel über redaktionelle Zwänge. Hier wird ein Thema ausgegraben, nur um den Artikel zurechtfertigen. Aber so ist es nunmal auch die Zeit ist nicht frei von Zwängen.So wird aus einer Mücke ein Elefant

  4. 6. L M-L

    Ich glaube das größte Problem für Lena Meyer-Landrut wird das Konzept der Show sein.

    Ich halte spätestens seit dem Halbfinale alle Kandidaten für tatsächliche Entdeckungen die es verdient hätten Deutschland zu vertreten. Mein persönlicher Favorit wäer zwar auch eine björkige L M-L aber auch Jennifer hat mich (der bisher von deutschen Castingshows überhaupt nichts hielt) mittelschwer begeistert.

    Das problem mit allen polarisierenden Dingen wie zb. auch Lena ist dies. Das sie aus einer Gruppe von 4 oder 5 heraus sicher die einfache Mehrheit der Stimmen hinter sich bringen könnte der Rest verteilt sich gleichmäßig auf das weniger provokante, neue, besondere Programm.

    In einem Finale mit nur zwei Finalisten fürchte ich wird nicht unbedingt der Gewinnen, der die meisten Stimmen für sich gewinnt, sondern der, der die wenigsten Stimmen gegen sich hat. Das ist ein Unterschied.
    Beiden gönne ich die Reise nach Norwegen, hoffe von 4-5 Kandidaten der Show auch mal was auf dem Musikmarkt zu bekommen und wünsche uns allen den Mut mal das Progressive, Ausgefallene, ganz Eigene zu wählen.

    • Levar
    • 12. März 2010 11:16 Uhr

    Aber sie hat, zumindest nach den Umfragewerten, als es noch Gruppen von vier bis fünf Kandidaten waren, nicht die einfache Mehrheit hinter sich gebracht, sondern sogar da schon die absolute.

  5. Ihr Artikel suggeriert, dass Jennifer Braun in Olso eine größere Chance auf eine gute Platzierung hat als Lena Meyer-Landrut. Das halte ich für eine gewagte These: Jennifer hat ohne Frage eine tolle Stimme und kann sehr gut singen, man merkt ihr an, dass sie mit einer Coverband ganze Weinfeste zum moussieren bringt. Allein, die europaweite Veranstaltung mit einem Weinfest zu vergleichen trifft es einfach nicht. Hier geht es nicht darum, den ganzen Abend mit erträglichem, unauffälligem Rockpop zu untermalen, sondern hier hat man genau drei Minuten Zeit, einen Kontinent zu beeindrucken. Hier muss man auffallen, überraschen, begeistern! Das wird Lena, da sie heute Abend zum Glück gewinnen wird, deutlich leichter fallen als Jennifer. Mit Jennifer in Olso kommt Deutschland wieder unter die letzten drei, Lena könnte unter die ersten fünf kommen, eben weil sie anders ist als das, was man aus Deutschland erwartet. Mit ihrer björkigen Stimme sind 12 Punkte aus Island drin, mit dem very british accent kommen weitere 12 aus England. Schon damit hätten wir unser Vorjahresergebnis übertrumpft!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Lena Meyer-Landrut | Stefan Raab | Avril Lavigne | Topmodel | Oslo | Casting-Show
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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