Pierre Boulez "Wer moderne Musik ablehnt, ist unkultiviert"

Gerade ist der Dirigent und Komponist Pierre Boulez 85 geworden. Im Interview spricht er über das konservative Klassikpublikum, Musikpaläste und Abo-Systeme.

Am Osterwochenende dirigiert Pierre Boulez zwei Konzerte in Berlin

Am Osterwochenende dirigiert Pierre Boulez zwei Konzerte in Berlin

Frage: Herr Boulez, als Sie vergangene Woche zu Ihrem 85. Geburtstag die Wiener Philharmoniker dirigierten, gaben viele Abonnenten ihre Karten zurück. Empört Sie das?

Pierre Boulez: Ich habe das gar nicht gewusst, und das war bestimmt besser so.

Frage: Auf dem Programm standen Werke von Strawinsky, Debussy, Janacek und von Ihnen selbst. Will das Publikum sich partout nicht "erziehen" lassen?

Boulez: Für mich sind die Institutionen wichtig, mit denen ich arbeite. Und die wollen von mir nun einmal keine gewöhnlichen Programme. Apropos: Was ist an Janaceks Glagolitischer Messe oder an Strawinskys Psalmen-Symphonie so schrecklich? Wer nicht bereit ist, die Tatsache zu akzeptieren, dass in einem Abonnement-Konzert Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingt, der ist in meinen Augen, pardon, nicht kultiviert.

Frage: Ist die Klassik so konservativ wie ihr Ruf?

Boulez: Ich fürchte ja. Schauen Sie, Cézanne oder Monet, unsere viel bewunderten Impressionisten, waren in ihrer Zeit keineswegs akzeptiert! Wobei die Malerei gegenüber der Musik einen entscheidenden Vorteil hat: Sie besuchen eine Ausstellung, das eine Bild gefällt Ihnen nicht – also gehen Sie weiter zum nächsten. Musik aber dauert. Da muss man 20, 30 Minuten lang etwas aushalten, was nicht dem eigenen Geschmack entspricht. Das macht wütend.

Pierre Boulez

Pierre Boulez, am 26. März 1925 in Montbrison geboren, studierte bei Olivier Messiaen. 1952 besuchte er erstmals die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, 1966 debütierte er bei den Bayreuther Festspielen. Boulez leitete u. a. das New York Philharmonic Orchestra und gründete in Paris das IRCAM-Institut für akustische Musik sowie das Ensemble Intercontemporain.

Frage: Werden die Zuhörer heute schneller wütend als vor zehn oder 20 Jahren?

Boulez: Im Gegenteil: Es ist leichter geworden, den Musikbetrieb mit modernen Stücken, sagen wir, zu unterwandern. Aber man braucht die richtigen Strukturen. Ich denke, die großen Institutionen müssten verschiedene Kategorien von Publikum befriedigen, die Konservativen genauso wie die Experimentellen. Die Stammhörer für etwas, das ihnen fremd ist, zu interessieren, gelingt doch viel besser, wenn man mit dem Vorschuss des Vertrauens arbeiten kann. Die Museen haben das erkannt. Ich hoffe, dass uns in der neuen Pariser Philharmonie auch für die Musik ein solches Modell gelingt.

Frage: ... in dem spektakulären Bau von Jean Nouvel, der 2012 eröffnet werden soll ...

Boulez: Da wird es Säle von verschiedener Größe und Variabilität geben, für Barockkonzerte um sechs Uhr, Symphoniekonzerte um acht Uhr und Experimentelles nach 22 Uhr. Die Leute dürfen sich nicht voreinander genieren.

Frage: Persönlich wollten Sie immer wissen ...

Boulez: ... wie die Gesellschaft funktioniert, genau! Es hat sich so ungeheuer viel verändert seit dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert, und selbst wenn wir heute Musik von damals spielen, kann das nicht heißen, dass wir an den Präsentationsformen ewig festhalten. Unser globales Leben wird immer flüchtiger, die Abo-Systeme bröckeln, das muss uns klar sein! Früher gab es in Paris samstags um elf Uhr Generalproben. Warum? Weil man frei hatte. Heute hat Samstagvormittag kein Mensch mehr Zeit. Es sind auch diese praktischen Dinge, auf die wir reagieren müssen.

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Leser-Kommentare
    • BooNoc
    • 03.04.2010 um 16:50 Uhr

    Sehr geehrte Frau Lemke-Matwey,

    Sie zitieren Herrn Boulez eindeutig falsch. Er sagt nicht, dass jeder, der moderne Musik ablehnt automatisch unkultiviert ist, wie es Ihr reißerischer Titel impliziert. Boulez sagt, dass jemand, der Konzertkarten-Abonnent ist und dann Musik des 20. Jahrhunderts ablehnt, nicht kultiviert ist!
    Ob er damit recht hat oder nicht ist sicher diskutabel,
    Sie aber haben jedenfalls sehr falsch zitiert (vielleicht sogar mutwillig?). Auch der Rest des Interviews mit Ihren schwammigen, belanglosen Fragen wirkt dilletantisch.
    Das mindeste, was Sie tun können, ist das Zitat richtigzustellen.
    Das, was Sie hier bieten, könnte nicht weiter von einem guten Interview weg sein und ich wundere mich, dass da keiner von der sonst oft qualitativ eher hochwertig besetzten Zeit-Redaktion drüber gesehen hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und gerade der Satz zu den Abonnenten (den ich für sehr treffend halte), hätte als Ausgangsbasis zu einer interessanten Diskussion dienen können...

    Da muss ich leider widersprechen, Boulez sagt:
    "Wer nicht bereit ist, die Tatsache zu akzeptieren, dass in einem Abonnement-Konzert Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingt, der ist in meinen Augen, pardon, nicht kultiviert. "

    Bedeutet also nur: wenn man nicht akzeptiert, dass Musik des 20. Jhs gespielt wird, dann ist man unkultiviert. Und da würde ich sofort zustimmen. Es geht hierbei nicht um Ablehnung der Musik des 20. Jhs, im Sinne von "gefällt einem nicht", sondern um die Ablehnung des Stattfindens solcher Konzerte. Ob einem die Musik gefällt und man solche Konzerte besucht ist eine ganz andere Frage.

    Ablehnung darf in der Überschrift nicht mit nichtgefallen übersetzt werden, die doppeldeutigkeit scheint aber bewusst angelegt zu sein ;)

    zeit.de ist immer mutwillig, und seit Jahrzehnten ein Bollwerk gegen die Moderne, schon aus Tradition (man informiere sich über Walter Abendroth!) Da muss man nur mal nach "Reizthemen" wie "Zwölftontechnik" auf zeit.de suchen, um eine Hetzschrift nach der anderen zu finden.

    Allerdings ist dieses Boulez-Interview dagegen doch ganz passabel.

    und gerade der Satz zu den Abonnenten (den ich für sehr treffend halte), hätte als Ausgangsbasis zu einer interessanten Diskussion dienen können...

    Da muss ich leider widersprechen, Boulez sagt:
    "Wer nicht bereit ist, die Tatsache zu akzeptieren, dass in einem Abonnement-Konzert Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingt, der ist in meinen Augen, pardon, nicht kultiviert. "

    Bedeutet also nur: wenn man nicht akzeptiert, dass Musik des 20. Jhs gespielt wird, dann ist man unkultiviert. Und da würde ich sofort zustimmen. Es geht hierbei nicht um Ablehnung der Musik des 20. Jhs, im Sinne von "gefällt einem nicht", sondern um die Ablehnung des Stattfindens solcher Konzerte. Ob einem die Musik gefällt und man solche Konzerte besucht ist eine ganz andere Frage.

    Ablehnung darf in der Überschrift nicht mit nichtgefallen übersetzt werden, die doppeldeutigkeit scheint aber bewusst angelegt zu sein ;)

    zeit.de ist immer mutwillig, und seit Jahrzehnten ein Bollwerk gegen die Moderne, schon aus Tradition (man informiere sich über Walter Abendroth!) Da muss man nur mal nach "Reizthemen" wie "Zwölftontechnik" auf zeit.de suchen, um eine Hetzschrift nach der anderen zu finden.

    Allerdings ist dieses Boulez-Interview dagegen doch ganz passabel.

  1. und gerade der Satz zu den Abonnenten (den ich für sehr treffend halte), hätte als Ausgangsbasis zu einer interessanten Diskussion dienen können...

    Antwort auf "Falsch zitiert!"
  2. Schade, dass dieses Interview schon in 5 Minuten gelesen ist. Die Antworten machen Lust mehr zu hören. Zum Konzert, heute, könnte es noch reichen. Nix wie hin, die Aboplätze sind anscheinend nicht allesamt besetzt.

    • toby31
    • 06.04.2010 um 9:38 Uhr
    4. Mauern

    Einerseits spricht Boulez vom "Mauern einreißen" andererseits ist gerade er bzw.war
    ein kräftiger Mauer-Architekt.Vielleicht hat ihn nun die Altersweisheit klüger gemacht aber in seiner Darmstädter Zeit konnte kein lebender Komponist, dessen Musik sich auch nur ansatzweise traditioneller Mittel bediente zur Aufführung kommen(weshalb ja Henze auch klugerweise das Weite gesucht hat und aus diesem elitären Klub geflüchtet ist).
    Diese Mauer,die bis heute nachwirkt(siehe Musikkritik:im Duktus von Boulez wird dann gleich mit Vokabeln wie "epigonenhaft" etc. hausiert)gilt es einzureißen!

  3. Da muss ich leider widersprechen, Boulez sagt:
    "Wer nicht bereit ist, die Tatsache zu akzeptieren, dass in einem Abonnement-Konzert Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingt, der ist in meinen Augen, pardon, nicht kultiviert. "

    Bedeutet also nur: wenn man nicht akzeptiert, dass Musik des 20. Jhs gespielt wird, dann ist man unkultiviert. Und da würde ich sofort zustimmen. Es geht hierbei nicht um Ablehnung der Musik des 20. Jhs, im Sinne von "gefällt einem nicht", sondern um die Ablehnung des Stattfindens solcher Konzerte. Ob einem die Musik gefällt und man solche Konzerte besucht ist eine ganz andere Frage.

    Ablehnung darf in der Überschrift nicht mit nichtgefallen übersetzt werden, die doppeldeutigkeit scheint aber bewusst angelegt zu sein ;)

    Antwort auf "Falsch zitiert!"
  4. zeit.de ist immer mutwillig, und seit Jahrzehnten ein Bollwerk gegen die Moderne, schon aus Tradition (man informiere sich über Walter Abendroth!) Da muss man nur mal nach "Reizthemen" wie "Zwölftontechnik" auf zeit.de suchen, um eine Hetzschrift nach der anderen zu finden.

    Allerdings ist dieses Boulez-Interview dagegen doch ganz passabel.

    Antwort auf "Falsch zitiert!"

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