Ein seltsames Völkchen, die Schweizer. Im Herzen Europas gelegen und doch so abseitig. Deutschland so nah und dabei so fern. Davaschtahschtkäswotvo, sagt der Eidgenosse Oliver Maurmann. Da verstehst Du kein Wort von. So ginge es allen Fremden, wenn er in der Art seiner Landsleute zu ihnen spräche. Oder gar sänge, ja, da besonders.

Deshalb singt, spricht, tickt seine Band, die Aeronauten, auf Hochdeutsch. "Schweizer musizieren ziemlich viel im Dialekt", sagt Maurmann, genannt Olifr M. "Und das interessiert außerhalb niemanden so recht." Sogar die verständlichen Texte, die zwischen Genfer- und Bodensee gesungen werden, stoßen jenseits der Alpen auf Ablehnung. Wie überall auf der Welt hockten auch in seiner Schweizer Nachbarschaft Hunderte von Bands in ihren Übungsräumen, sagt Oliver Maurmann. "Aber mir fällt einfach nichts ein, was wirklich hängen bleibt."

Da ist es reine Bescheidenheit, dass er die Aeronauten nicht zur Ausnahme erklärt. Die sechs Fastfünziger aus Schaffhausen und Zürich machen seit 20 Jahren einen Sound, der seinesgleichen sucht. Eine Art Bigbandrock mit viel Funk, ein wenig Ska, etwas Schlager, dazu Restpunk aus früheren Tagen und doch weit mehr als bloß Pop. Die Aeronauten sind kosmopolitisch, weltläufige Landeier, Unikate mit Stil. Kaum verwunderlich, dass sie einst vom Label der Hamburger Schule, L'Age D'Or, entdeckt wurden.

Zwar reicht ihr siebtes Studioalbum Hallo Leidenschaft nicht an Gegen Alles (1995) heran. Oder an Hier (2006), das klang, als hätte das Sextett seiner gereiften Lässigkeit eine Frischzellenkur verordnet. Aber die neue Platte zeigt, was die Aeronauten abhebt vom deutschsprachigen Indiepop: Selten wird Gitarrenmusik so elegant von schmissigen Bläsern flankiert. So viel Humor verbirgt sich höchstens in den politisch wachsamen Texten mancher Songs der Ärzte. So viel juvenile Seriosität entwickelt unter Gleichaltrigen nur Bernd Begemann. Das ist konsenstauglich im besten Sinne, nie anbiedernd, sehr eingängig. Das Böseste, was man über die Aeronauten sagen könnte, ist: Bitte wer?


Womit wir beim Dilemma unabhängiger, also mainstreamferner Musik wären. Denn während mediokre Schweizer Landsleute – vom Kirmeskönig DJ Bobo bis zum Casting-Produkt Stefanie Heinzmann – mit Retortensauce Erfolg haben, ist die Kreativität der Aeronauten ein Ladenhüter. Jammerschade, aber kein Grund zur Trübsal. "Wir haben den Traum vom moderaten Reichtum und vollen Stadien beerdigt", sagt Maurmann. Unter dem Namen Guz ist er auch als Solist finanziell erfolglos, aber glücklich. Die Aeronauten sind tattoofreie Familienväter ohne Allüren. Sie musizieren in ihrer Nische, geben Konzerte in heimeligen Clubs vor textsicheren Fans. Ist doch schön.

 

Eigentlich, seien wir ehrlich, stellt man sich die eidgenössische Kulturlandschaft genau so vor: ein erhabenes Land, wirtschaftlich auf Steuerflucht und Schokolade reduziert, politisch auf Neutralität und Plebiszit, gesellschaftlich auf Paola und Kurt Felix. Und klanglich? Ja, Sophie Hunger geht ihren Weg. Aber abgesehen von ihr und den Hardrocklegenden Krokus, Gotthard und Celtic Frost ist die Schweiz musikalisch beinahe eine Terra Incognita. "Ein Ort ohne Rhythmus", sagt Boris Blank.

Sein Projekt Yello ist das einzige von weltweiter Bekanntheit. Die Organisation internationaler Plattenproduzenten IFPI hat Ihren Sitz in Zürich, während der Staat ringsum nur 32 Mitglieder zählt. Musikmachen scheint abseits vom Jodeln kein allzu einträgliches Geschäft zu sein. Bekanntheiten von Hazy Osterwald über Stephan Sulke und Patrick Nuo bis Six4One sind ja auch tot, vergessen, emigriert oder langweilig. Die nationale Szene, sagt Jaël Krebs, die Sängerin der respektablen Rockpopband Lunik, bringe konstant schlechte, erfolglose Gruppen hervor. "Es ist wirklich traurig."


Ist es das? Emorock wie von Züri West, Jungsrock wie von Gölä, Funrock wie von Bligg, Ulkrock wie von Los Dos mögen in ihrer provinziellen Mundartigkeit exportuntauglich sein; daheim bringen sie große Hallen zum Kochen. Auf dem Sampler Initiative Rockdown tönten vor vier Jahren 38 Bands gegen Rechts – von Hip-Hop über Freejazz bis Technochanson. The Raveners transponieren Amy Winehouse sehr versiert in ihren Psychobeat.

Und die spannende Talking-Heads-Reminiszenz von The Bianca Story ist ein kleines Klangereignis inmitten der Berge. Die vier Baseler suchten sich sogar neue Vertriebswege. Zunächst standen ihre Lieder im Netz zum freien Download. Anschließend ließen sie das einzige haptische Exemplar ihres Albums in Form eines begehbaren Hörkubus' in einer Kunstgalerie versteigern. Der reichste Erbe ihrer Heimatstadt kaufte es für rund 7000 Euro.

Ist das nun typisch schweizerisch? Oliver Maurmann glaubt, das Typische an seinen Aeronauten sei ihr "fröhlicher Pessimismus". "Die andern hängen auf dem Fenstersims und warten weiter auf die Naziskins", singt er im Gassenhauer seiner Band, "doch ich möchte lieber eine Freundin". Solch uneitle Poesie wächst aus Verschrobenheit, Demut und Realitätssinn. Von alldem gibt es genug in der Schweiz. Auch wenn es Fremden nicht so leicht verständlich ist.