Echo-VerleihungRitter Loch vom Orden des Jazz

Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr einen Echo für Jazzmusiker. Als beste Plattenfirma wird Siggi Lochs Label ACT ausgezeichnet. Völlig zu Recht. von 

Im August wird er 70: Siggi Loch

Im August wird er 70: Siggi Loch  |  © Barbara Eismann

Dem Musikpreis Echo haftet, wie so vielen Preisen der Branche, ein gewisser Geruch an. Man könnte ihn wohlwollend Stallgeruch nennen: Die Auszeichnung vergibt die Deutsche Phono-Akademie – und die ist das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie. Ganz, ganz kurz gefasst, vergibt die Musikindustrie also Preise an sich selbst.

Das tut sie in diesem Jahr erstmals auch in der Sparte Jazz, dem nunmehr "dritten Standbein von Deutschlands bekanntester Musik-Entertainment-Marke" (Echo Jazz über Echo Jazz), nach dem Echo Klassik und dem Echo ohne Zusatz. Bisher war der Jazz letzterem als eine Kategorie unter vielen zugeordnet – neben Pop, Hip-Hop, Schlager, Comedy oder auch Marketing und Handelspartner. In den Jahren 2007, 2008 und 2009 hieß der Preisträger Till Brönner, als gäb's sonst keinen preiswürdigen Jazz in Deutschland.

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Für den neuen Preis, der während einer Gala in der Bochumer Jahrhunderthalle vergeben wird, haben sich die Macher immerhin 31 Kategorien für nationale und internationale Künstler einfallen lassen. Zu verteilen hatte die Preise eine zwölfköpfige Jury, "Persönlichkeiten aus Kultur, Medien und Musikwirtschaft", sagt die Echo-Pressemitteilung. Und die Show, die vom WDR-Fernsehen aufgezeichnet wird, moderiert – Till Brönner.

Ja, das klingt eher nach Inzucht als nach Innovation. Aber zwei der Preise immerhin vergibt das Publikum: Per Online-Abstimmung auf jazzthing.de entschieden laut Veranstalter rund 11.000 Jazzfans sich für die Band Quadro Nuevo als "Live-Act des Jahres" und die Plattenfirma ACT als "Jazz-Label des Jahres". Mehrere Künstler der Plattenfirma erhalten zudem eigene Preise: Das Vijay-Iyer-Trio als "Bestes Ensemble international", Michael Wollny als "Bester Pianist national", Wolfgang Haffner als "Bester nationaler Schlagzeuger" und Helge Sundes Ensemble Denada als "Beste Big Band".

ACT schreibt sich zwar in Großbuchstaben, ist aber keine Abkürzung, sondern Englisch: für Aktion, Auftritt oder auch Künstler – für einen Act eben. Das Label gründete der als Musikmanager zu Wohlstand gekommene Siegfried Loch , genannt Siggi, 1992 quasi als Hobby.

Loch, in Pommern geboren, begann in den sechziger Jahren als Vertreter für Elektrola, produzierte dann für Philips und andere Labels im Hamburger Star Club auftretende Beat- und Blues-Bands aus Großbritannien und den USA, entdeckte Katja Ebstein und die Rattles, Amon Düül und Can, Heinz Rudolf Kunze und Marius Müller-Westernhagen.

Im Alter von 52 Jahren hatte Loch genug. Er hatte es bis zum Europa-Präsident des US-Konzerns Warner gebracht und war finanziell aus dem Gröbsten raus. Außer in die Gemäldesammlung (Georg Baselitz, Sigmar Polke) in der Villa am Starnberger See steckte Loch sein Geld in die Erfüllung eines Traums: eine eigene Plattenfirma.

Es sollte ein Jazz-Label sein, denn spätestens seit einem Konzert von Sidney Bechet in Hannover 1955 war der Jazz seine Leidenschaft. Mit Musikern wie Klaus Doldinger (der einen Echo Jazz als "Saxofonist des Jahres" erhält), George Gruntz, Ingfried Hoffmann, Klaus Weiss und Attila Zoller arbeitete Loch in seinen ersten Berufsjahren zusammen, bevor ihn seine Wege in weniger jazzige Gefilde führten.

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