Pop-NachwuchsDie Anti-Gagas treten an

Eine Gruppe junger, selbstbewusster Britinnen stürmt die Poplandschaft: Kate Nash, Ellie Goulding, Marina Diamondis, Amy MacDonald und Florence Welch gehen eigene Wege. von Frank Lähnemann

Wie eine Außenseiterin – so fühle sie sich. Wie eine Außenseiterin, die sich gerade irgendwo reingeschlichen hat. Kate Nash, 22-jährige Sängerin aus Nordlondon, ist nicht allein mit diesem Gefühl. Gerade haben sich noch ein paar junge Damen aus England ins Musikgeschäft gemogelt. Sie alle haben weder eine Castingshow gewonnen noch wurden sie von einer Plattenfirma zu einer neuen Popikone zurechtgeschnitzt. Sie verlassen sich ganz auf sich, diese Nachwuchssängerinnen – sie sprühen vor Energie, und sie haben eine starke Ausstrahlung. Sie sind die netten Mädchen von nebenan, die bei einem Schönheitswettbewerb nicht völlig chancenlos wären, aber auf der Straße nicht unbedingt auf den ersten Blick erkannt werden. Geformt haben sie sich alle selbst.

Kate Nash kommt, wie auch ihre Kolleginnen, aus der Independent-Szene. Ihr Pianopop wurde als das große MySpace-Phänomen des Jahres 2006 gefeiert – kein Plattenvertrag, und doch Thema jeden Musikstammtischs. Nashs Debüt musste ein Jahr später aufgrund der großen Nachfrage früher veröffentlicht werden. Ihr neues Album, produziert von Bernard Butler von Suede, schaffte es nun auf Anhieb in die englischen Top Ten. Kate Nash macht auch musikalisch einen großen Schritt nach vorn: My Best Friend Is You (Universal) atmet den Geist der Sixties-Girlgroups und der anarchischen Riot Grrrls.

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Florence Welch nimmt eine ähnliche Vorreiterrolle ein. Bevor ihr Album Lungs (Universal) im vergangenen Sommer erschien und dieses Jahr bei den Brit Awards als bestes der Insel ausgezeichnet wurde, beschallte Kiss With A Fist eine Fernsehwerbung von Vodafone – ein Song, den sie bereits während ihrer Schulzeit geschrieben hatte. Ihrer Musikkarriere zuliebe brach sie das Kunststudium am Londoner Camberwell College Of Arts ab. Florence und ihre Band The Machine lieben es düsterer als Kate Nash, passend dazu spielen sie in den Texten mit Gothic-Symbolik.

Die 23-jährige Sängerin weiß sich ins Feld der jungen Konkurrentinnen einzuordnen: Ihre Musik klänge, als wäre Kate Nash in einem Käfig voller Schlangen im Keller eines Beerdigungsinstituts in Lousiana aufgewachsen. Einfacher, aber genauso zutreffend ist der Vergleich mit Kate Bush. Oder mit Siouxsie Sioux, die einst mit ihren Banshees New-Wave-Geschichte schrieb und das weibliche Selbstbewusstein der Punk-Ära gestärkt hat.

Ihre Kolleginnen, die Florence Welch alle kennt und schätzt (hier herrscht kein Zickenkrieg), zitieren ebensowenig Madonna oder gar Lady Gaga als Vorbild. Denn was sollten sie auch anfangen mit einem Image larger than life? Amy Macdonald, eine 22-jährige Folksängerin aus Glasgow, zurzeit mit ihrem zweiten Album A Curious Thing (Universal) in den deutschen Top 5, sagt dazu: "Würde Lady Gaga tragen, was ich gerade anhabe, wüsste niemand, wer sie ist." Es sind vielmehr Musikerinnen wie Björk, Lene Lovich oder Tracey Thorn, die hier als Leitfigur dienen. Selbstbewusste Frauen, die ihren ganz eigenen Weg gegangen sind, Frauen, die sich nichts haben sagen lassen, sich nicht von Kopf bis Fuß vermarkten lassen.

Leserkommentare
  1. ...klingt wie: Rebellentum pur!

  2. Redaktion

    Ja, Sie haben Recht. Eine interessante Weiterführung des Themas wäre, wie die Majorlabels die augenscheinlich freie Szene inkorporieren. Echten Indie gibt's kaum noch. Die großen Musikkonzerne haben einfach ihr Portfolio durch ein wenig Straßenglaubwürdigkeit erweitert.

    • Big V
    • 07. Mai 2010 23:27 Uhr

    dass es noch echten Indie gibt. Also Musikszenen die fern ab der Majors ihre eigenen Distrubitionswege suchen.
    Mehr denn je ist das aber sicherlich auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit.
    Mir erschließt sich nicht, was hier mit Straßenglaubwürdigkeit gemeint ist.
    Ist das im Bereich der Popmusik nicht von vornherein Mythos?
    Oder wird dieser Begriff in Kontrast zu den vermeintlichen Superstars der Castingshows verwendet?
    Zumindest in Deutschland ist dieser Typus doch für den Tonträgermarkt nicht wirklich relevant.
    Erträge fließen da doch überwiegend durch Werbung und Telefongebühren.
    Das Thema mit den Mädels geistert so ja schon seit einiger Zeit in jeweils leicht veränderter Form in allen möglichen Zeitschriften herum und wird regelrecht aufgeblasen.
    Ich fühle mich an Michelle Branch und Vanessa Carlton erinnert und sehne mich gleichzeitig nach einem Debüt wie von Fiona Apple.
    Nun ja, ich mag hier nicht den nostalgischen Miesepeter spielen (Fiona Apple habe ich erst wesentlich später entdeckt) und Ellie Goulding gefällt mir, da sie mir auch die Interessanteste zu sein scheint, zumindest ein wenig.

    • k2
    • 14. Mai 2010 0:14 Uhr

    Irgendwie Zeitenwende mit den Schwarzhemden an der Fussballweltmeisterschaft.
    "Juanes - La camisa negra"
    "Shakira y Juanes cantarán en la apertura del mundial de Sudáfrica"
    http://www.10musica.com/n...
    Audio-File sofort auf dieser südamerikanischen Web-Seite(?)
    zum testen.

  3. Wird es immer so weitergehen, dass man plötzlich behauptet auf einmal eine "Gegenszene" ausgemacht zu haben?
    Es gab sie schon immer. Ihr bekommt es doch nur mit, wenn sie in die Charts kommen, DOCH es gibt und gab schon immer Leben jenseits der Charts. Das allerdings kann man nur entdecken, wenn man sucht und sich nicht alles mundgerecht servieren läßt.

    Nur schade, dass es immer mehr erschwert wird, neue Entdeckungen zu machen. MySpace z.B. hat seinen alten Index für eine interessengesteuerte Liste geopfert. Ich hasse sie dafür. Einzige Fahnenträger sind noch der überaus exzellente I-net-Radiosender BYTE-FM und Nachwuchsplattformen wie JAMENDO.

    • o-saft
    • 16. Januar 2011 22:25 Uhr

    ...major labels in der top10 vertreten! ich glaub ja nicht was ich hier lese, das sind echte helden!
    ich hab mir do-wah doo angehört. langweilig wir der ganze rest, der im radio hoch und runter gespielt wird. wem es gefällt: bon amusement!

    für den rest: byte.fm

    ein wahrer myspace-held ist meines erachtens übrigens SoKo. durch ihren song "I'll kill her" wurde sie bekannt. sie hatte ausverkaufte konzerte und ist bei großen festivals aufgetreten, das alles ohne überhaupt irgendein label. diein vertragsangebot hatte sie, soweit ich mich erinnere. angenommen hat sie nicht. sie will dieses "larger then life" image wohl wirklich nicht. hauptsache es macht spaß und den leuten gefällts. eine fanbase aus aller welt hat sie jedenfalls.

    aber wie wärs mal mit deutschsprachigem indie? Grand Hotel van Cleef hat ein paar super künstler, wie kettcar oder tomte.
    oder frischen electro von AUDIOLITH?!!

    nun, ist wohl alles geschmack. aber helden??? (weil sie die kassen der majors füllen?)

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