Sounds No WallsMusik über Stacheldraht hinweg

Südafrika ist in Berlin: Das Festival Sounds No Walls zeigt, wie wichtig der Jazz für die Freiheit des Landes war und bringt die Gründergeneration der Szene zusammen. von Maxi Sickert

Hugh Masekela aus Südafrika (* 1939) bekam eine Trompete von Louis Armstrong. Jetzt spielt er in Berlin

Hugh Masekela aus Südafrika (* 1939) bekam eine Trompete von Louis Armstrong. Jetzt spielt er in Berlin  |  © Sounds No Walls

Die Stühle im Büro des südafrikanischen Kulturministers sind mit hellgelber Seide bezogen. Er lässt sich Tee servieren, der Blick aus den Fenstern ringsum geht über Kapstadt bis zum wolkenverhangenen Massiv des Tafelbergs. Zwanzig Jahre nach der Überwindung des Apartheid-Regimes ist die Aufbruchstimmung der Erkenntnis gewichen, dass es mehr Zeit braucht, um ein gespaltenes Land zu versöhnen.

An dem langen Konferenztisch sitzt auch der Pianist Abdullah Ibrahim, der sich in den dreißig Jahren seines Exils immer wieder für die Befreiung Südafrikas eingesetzt hat. Auch an diesem Tag versucht er, den Minister zu überzeugen, sich für das kulturelle Erbe des südafrikanischen Jazz einzusetzen. Doch verschwommen sind die Erinnerungen an die große Zeit der Anfänge, als Abdullah Ibrahim, damals noch "Dollar" Brand, 1959 mit der Gruppe Jazz Epistles das erste Jazzalbum Südafrikas aufnahm. Auch die Jugendlichen, die er an der von ihm gegründeten Schule einmal in der Woche unterrichtet, kennen die Namen der einstigen Stars des südafrikanischen Jazz nicht mehr: Die Großen des Landes sind nach dem Massaker von Sharpeville 1960 aus Südafrika geflohen. Unter ihnen auch der Trompeter Hugh Masekela, der Schlagzeuger Makaya Ntshoko, Abdullah Ibrahim und der Schlagzeuger Louis Moholo, in seinen Anfängen Mitglied der legendären Band Blue Notes.

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Z. Ngqawana

Der Saxofonist Zim Ngqawana wurde 1959 in Port Elisabeth, Südafrika geboren und gehört zu den aktuell einflussreichsten südafrikanischen Musikern. Als er begann, sich für Jazz zu interessieren, waren die südafrikanischen Jazzmusiker bereits im Exil. Er orientierte sich zuerst an amerikanischem Jazz, bevor er nach seiner Rückkehr 1990 die Wurzeln recherchierte. Heute begreift er sich als Erbe der Blue Notes von Louis Moholo.

Konzert: Freitag, 21. Mai, 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal

H. Masekela

Der Trompeter Hugh Masekela wurde 1939 in Witbank in der Nähe von Johannesburg geboren. Er studierte bei dem Bürgerrechtler und Anti-Apartheid Aktivisten Trevor Huddleston und nahm 1959 mit der Band Jazz Epistles die erste südafrikanische Jazzplatte auf. Später floh er nach London und kurz darauf in die USA, wo er mit Miriam Makeba verheiratet war. Seit seiner Rückkehr 1990 engagiert er sich unter anderem in einem Antidrogenprogramm für Musiker.

Konzert: Samstag, 22. Mai, 22.00 Uhr, Berlin – Quasimodo

A. Shepp

Der Saxofonist Archie Shepp wurde 1937 in Florida geboren. Er begann 1960 mit Cecil Taylor zu spielen und nahm mit John Coltrane das Album Ascension auf. Er engagierte sich in der Bürgerrechts- und Anti-Apartheid-Bewegung und unterrichtete Zim Ngqawana an der Universität von Massachussetts. Heute lebt er in Paris.

Konzert: Freitag, 21. Mai, ab 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal

A. Ibrahim

Der Pianist Abdullah Ibrahim wurde 1934 in Kapstadt geboren und zählt mit seinem einzigartigen lyrisch erzählerischen Improvisationstalent zu den bedeutendsten Pianisten der Welt. Mit Hugh Masekela war Teil der Jazz Epistles. In seinem Exil in Zürich wurde er in den Sechzigern von Duke Ellington entdeckt. Bis zu seiner Rückkehr 1990 lebte er mit seiner Frau, der weißen südafrikanischen Jazzsängerin Sathima Bea Benjamin, im Chelsea Hotel in New York.

Konzert: Sonntag, 23. Mai, 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal

L. Moholo

Der Schlagzeuger Louis Moholo war Teil der Band Blue Notes des weißen südafrikanischen Pianisten Chris McGregor, der ins Gefängnis musste, weil er mit schwarzen Musikern spielte. Gemeinsam flohen sie ins Exil nach London und gründeten die Free Jazz Bigband Brotherhood of Breath. Louis Moholo ist der einzige Überlebende der Blue Notes.

Konzert: Freitag, 21. Mai, ab 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal

Jazz war die musikalische Stimme der südafrikanischen Freiheitsbewegung unter Nelson Mandela, bei dessen Amtseinführung 1994 Abdullah Ibrahim spielte. Auf die amerikanische Szene blickend erinnert sich Hugh Masekela: "Jazz zeigte uns damals das außergewöhnliche Talent eines versklavten und diskriminierten Volkes. Die schwarzen amerikanischen Jazzmusiker repräsentierten Triumph trotz Unterdrückung. Als ich aufwuchs, war es in Südafrika nur möglich zu überleben durch die Inspiration dieser Jazzmusiker, denen wir uns verbunden fühlten." Die englische Journalistin Gwen Ansell schrieb 2004 in ihrem Buch Soweto Blues. Jazz, Popular Music & Politics in South Africa als erste eine Geschichte des südafrikanischen Jazz als Ausdruck von Hoffnung in einer von Rassismus und politischer Gewalt geprägten Gesellschaft.

Der Leipziger Publizist Bert Noglik, der die Musiker bereits in den siebziger Jahren interviewte und porträtierte, hat die Gründergeneration des südafrikanischen Jazz jetzt zu dem Festival Sounds No Walls nach Berlin geladen. Es ist das erste Mal, dass die letzten Mitglieder der Jazz Epistles wieder bei einem Festival zu hören sind, auch wenn sie nicht gemeinsam auftreten werden. Louis Moholo, der in London Mitglied der einflussreichen Bigband Brotherhood of Jazz war und in Zürich mit der Pianistin Irène Schweizer Konzerte und Protestmärsche gegen die Apartheid organisierte, kommt ebenfalls nach Berlin. Als sich Moholo 2005 entschloss, nach Südafrika zurückzukehren, spielten sie ihr letztes gemeinsames und sehr emotionales Konzert beim Total Music Meeting in Berlin. Bei Sounds No Walls treten sie wieder gemeinsam auf.

Der Festivalleiter Noglik versteht die Fußball-WM 2010 in Südafrika als Beitrag zu einem positiven Selbstwertgefühl des Landes. Am Pfingstwochenende möchte er den Blick kurz vom Sport ablenken hin zur südafrikanischen Kultur, speziell auf den Jazz, in seiner Differenziertheit und Widersprüchlichkeit.

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