ZEIT ONLINE: Mrs. Jones, nach Michael Jacksons Freispruch im Jahr 2005 begannen Sie damit, die Berichterstattung über den Prozess kritisch zu beurteilen. Was hat Sie dazu gebracht?

Aphrodite Jones: Ich habe als Gerichtsreporterin den Prozess begleitet. Nach der Urteilsverkündung musste ich mich fragen: Wie konnte eine Jury erkennen, was alle Medienvertreter nicht gesehen hatten? Während ihn die Presse förmlich schon ins Gefängnis hineingeschrieben hatte, waren die Jurymitglieder von seiner Unschuld überzeugt. Deshalb ging ich am nächsten Tag zurück zum Gericht und schaute mir die komplette Beweislage noch einmal an.

ZEIT ONLINE: Was war der Dreh-  und Angelpunkt?

Jones: Das Interview des Klägers Gavin Arvizo. Als er behauptete, er wäre missbraucht worden, wurde mir beim genauen Ansehen klar, dass dieses Kind gelogen hat. Diesen Eindruck hatten auch die Jurymitglieder. Die Polizei hat das Kind gezielt durch tendenziöse Bemerkungen gecoacht und es so dazu gebracht, die Dinge zu sagen, die Staatsanwalt Tom Sneddon hören wollte.

ZEIT ONLINE: Sie haben über den Prozessverlauf und Ihre eigenen Erlebnisse das Buch Conspiracy (Verschwörung) geschrieben. Wieso dieser Titel?

Jones: Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens wissen viele Leute nicht, dass der Staatsanwalt Michael Jackson unbedingt schuldig sehen wollte, egal für welches Delikt. Deshalb konfrontierte er ihn nicht nur mit dem Vorwurf der Kindesmisshandlung, sondern ebenfalls mit einer Anklage wegen Abgabe von Alkohol an Minderjährige und Verschwörung. Man warf ihm vor, den Krebskranken Gavin Arvizo und seine Familie auf Neverland gegen ihren Willen festgehalten zu haben. Verschwörung ist in den USA ein schwerwiegendes Verbrechen. Zuerst gab es zehn Anklagepunkte gegen Michael Jackson, später wurden sie auf vierzehn aufgestockt, in der Hoffnung, dass wenigstens eine Sache greift.

ZEIT ONLINE: Und der zweite Grund?

Jones: Hinter den Kulissen wurden Informationen verbreitet, um in den Medien das Klima zu schaffen, Michael Jackson wäre von hinterlistig böser Natur und somit schuldig. Und wie Sie wissen, funktionierte es. Dieser Schatten des Bösen verfolgte ihn bis zum Ende seines Lebens. Ich finde das sehr traurig, denn während ich den Prozess jeden Tag mitverfolgte, bemerkte ich, dass dieser Mann gerade das Gegenteil davon war.

ZEIT ONLINE: Es gingen Filmaufnahmen um die Welt, die einen Michael Jackson zeigten, der in Handschellen abgeführt wurde…

Jones: Ja, aber er hatte sich zuvor selbst der Polizei gestellt. Es gab also überhaupt keinen Grund, ihm Handschellen anzulegen. Das war auch bloß eine Show für die Öffentlichkeit, mit der die Anklage sagen wollte: Seht her, dieser Mann ist ein Krimineller! Für den Fortgang des rechtlichen Verfahrens war diese Aktion unnötig.

ZEIT ONLINE: Warum wurde ein solch negatives Bild des "King of Pop" geschaffen?

Jones: Weil es Werbezeiten im Fernsehen besser verkauft. Es verkauft Bücher und Filme. Es verkaufen sich damit all die Sachen, die die Medien an den Mann bringen wollen. Viele Medienvertreter wollten Michael Jackson hinter Gitter sehen, weil sie die Reportagen über zu beobachtende Selbstmordversuche, Familien- und Fanbesuche für eine tägliche skandalträchtige und auflagensteigernde Berichterstattung schon in den Schubladen hatten. Es ging dabei um sehr viel Geld.

ZEIT ONLINE: Sie haben viele sogenannte Sensationsprozesse verfolgt. Welche Lehre haben Sie aus dem Fall Michael Jackson gezogen?