Benjamin Yusupov Mit Musik die Globalisierung beschreiben
Der israelische Komponist Benjamin Yusupov schreibt Konzerte für Klassikstars wie Mischa Maisky oder Maxim Vengerov. Höchste Zeit, ihn kennen zu lernen.

Benjamin Yusupov wurde 1962 in Tadschikistan geboren
Benjamin Yusupov schließt die Augen, sein Körper gleitet in die Musik. Er dirigiert das Israel Chamber Orchestra und versinkt in Bachs Air. Energetisch aufgeladen gibt er hingegen den Takt beim Cello-Konzert mit Mischa Maisky, ein Werk, das Yusupov komponiert und dem Star-Cellisten gewidmet hat. Der israelische Staatsbürger, der 1962 in Duschanbe, dem heutigen Tadschikistan, geboren wurde, ist Dirigent, Pianist und Komponist. Vielseitigkeit bestimmt sein Schaffen und Leben.
Den Kompositionsexperimenten als Kind ließ er ein Studium am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium folgen. "Ich wollte in Noten niederschreiben, was ich fühle.“ Benjamin Yusupov lehnt sich zurück. Er ist schmal und feingliedrig, seine Gesten stecken voller Kraft.
Er liebt die ethnischen Traditionen in der Musik. Ein traditioneller russischer Chor, den er als Kind erlebte, weckte seine große Zuneigung zu diesen Klängen. Dies öffnete ihm eine neue Welt – und stellte ihn vor ein Problem: "Wie erfasst man eine ursprüngliche Emotionalität in einer Partitur? Es war eine tiefgreifende Erfahrung, mich in der ethnischen Musik frei bewegen zu können und zu versuchen, diese Freiheit in die Notation mit einzubringen. Die östliche und westliche Tradition zusammenzuführen, ist mir sehr wichtig und eine große Herausforderung. Denn die meisten europäischen Stücke sind eingesperrt in den vier Vierteln, den Skalen oder den spezifischen technischen Problemen der Tonarten."
Benjamin Yusupov ist erfindungsreich und beschreitet in der Arbeit mit seinen Kompositionen und den Musikern unkonventionelle Wege. "Manchmal nehme ich Naturklänge auf einem Audiogerät auf, damit die Künstler hören können, was ich meine. Dabei lasse ich den Musikern einen Raum zum Improvisieren. Aber hin und wieder verliere ich dabei auch."
Er hat die Aura eines konservativen Gelehrten, mit der silbernen Professorenbrille und dem grauen Haar. Aber seine musikalischen Ideen sind weltoffen und modern. So modern, dass ihm etwa der Einsatz der elektronischen Bratsche in seinem Maxim Vengerov gewidmeten Konzert für Viola und Orchester harsche Kritik von Seiten einiger Traditionalisten eingebracht hat. Benjamin Yusupov sieht dies gelassen, er blickt über den Tellerrand der verschiedenen musikalischen Stilrichtungen hinaus. "Rockmusik gibt den Musikern das Gefühl für die Gesellschaft, da sie den momentanen gesellschaftlichen Puls erfühlen lässt. Ihre Unmittelbarkeit und schnelle Reaktionsmöglichkeit auf Entwicklungen führt uns in gewisser Weise unsere Existenz vor Augen. Deshalb setze ich mich auch mit zeitgemäßen musikalischen Ideen des Rock auseinander. Es gehört zu meiner Philosophie, dass die verschiedenen Musikstile nicht streng voneinander getrennt werden sollen, da man in der großen Welt der Musik alles finden kann."
Mit Polystilismus hätten seine Kompositionen aber nichts zu tun. "Ich möchte eine Globalisierung beschreiben. Ich schätze jede Kultur und verarbeite alle gleichberechtigt." So versucht er, sich in die unterschiedlichsten Landsleute hineinzudenken und ihre Musik soweit wie möglich mit deren Ohren wahrzunehmen. "Das gibt mir neue Inspiration. Ich ändere jedes Mal meine Persönlichkeit dafür. Obwohl es natürlich immer noch Benjamin Yusupov ist, der da zuhört."
Er schöpft aus dem Jazz, aus afrikanischer Musik, aus dem fernöstlichen oder arabischen Klängen und Klezmer. Yusupov ist davon überzeugt, dass sich jeder den verschiedenen Stilrichtungen öffnen und dadurch bereichert werden kann. "Wenn Sie sich selbst erlauben, indische oder arabische Töne an sich heranzulassen, ohne die Hektik des Alltags zu spüren, können Sie das Nirvana fühlen."
Die Hektik des Alltags – ja, da verdunkelt sich seine Miene. Yusupov weiß um die Schwierigkeit, in einer multimedialen Welt auf sein Innerstes zu hören. "Beethoven hat die Tradition geformt, weil er etwas Neues gebracht hat und doch alleine war. Er konzentrierte sich auf seine musikalischen Ideen und seine Kreativität. Das ist auch noch heute am wichtigsten, da die Kommunikationsgewohnheiten und unser Lebensstil kontraproduktiv zum tiefen, innerlichen Prozess des Komponierens stehen. Man muss sehr abstrakt denken, um in seine Seele hineinhorchen zu können."
- Datum 25.06.2010 - 15:49 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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