Nachhaltige Festivals Grün hinter den Zelten
Musikfestivals, jetzt solarstromgekühlt: Im dänischen Roskilde werden die Besucher für ökologisches Benehmen belohnt. Und das Melt! bei Dessau bremst den Autoverkehr aus.
© Jens Dige

Wer feiern kann, muss auch aufräumen: Das Roskilde Festival will seine Besucher ökologisch erziehen
Zum Beispiel Marburg. Die Universitätsstadt an der Lahn hat rund 80.000 Einwohner. Im Jahr werden hier 900 Tonnen Müll von den Straßen gefegt. Roskilde auf der dänischen Insel Sjaelland produziert dieselbe Menge Abfall, in nur einer Woche.
Jeden Sommer kommen 75.000 Festivalbesucher dorthin, um ein paar Tage lang ihre Lieblingsbands zu feiern. Von heute auf morgen wird aus einem Flecken eine Kleinstadt, in der Zehntausende schlafen, essen, trinken und sich erleichtern. 25.000 Freiwillige halten die Dauerparty am Laufen. Wenn man so will, ist das Roskilde Festival Dänemarks siebtgrößter Arbeitgeber während dieser einen Woche. Dass das nicht nur ein logistisches, sondern vor allem ein ökologisches Problem ist, liegt auf der Hand.
Die Organisatoren des Festivals versuchen seit Jahren, ihre Veranstaltung nachhaltiger und umweltfreundlicher zu machen. Green Footsteps nennen sie ihr Öko-Konzept, es ist vielen anderen Festivals ein Vorbild. Hier weht ein frisches Lüftchen, auch weil es den Machern nicht um Profit geht. Der Überschuss aus den Einnahmen fließt wohltätigen Zwecken zu. "Wir können es uns leisten, aus philanthropischen Gründen grün zu sein", sagt Esben Danielsen, der Entwicklungsleiter des Festivals. "Tatsächlich verursachen diese Projekte hohe Mehrkosten, nicht zuletzt, weil wir Vorreiter sind. Aber auf lange Sicht werden sie sich auch finanziell lohnen."
Im vergangenen Jahr wurde die Hauptbühne umgerüstet: alte Birnen raus, LED-Lampen rein. Da strahlen 775.000 Watt. Aus Windenergie, versteht sich. Für Licht und laute Musik ist also gesorgt. Und damit es den Besuchern an nichts anderem mangelt, verkaufen Buden vegetarisches und organisches Fast Food, fairgehandelten Kaffee, solarstromgekühltes Eis oder nachhaltige Kleidung. Ökologischer Konsum ist mittlerweile durchaus angesagt .
Das alles klingt sauber – wenn nur der Müll nicht wäre. Jeder Festivalbesucher hinterlässt 23 Kilogramm in Roskilde. Etwa 20.000 Campingzelte bleiben am letzten Abend einsam auf der Wiese stehen, 12.000 Schlafsäcke haben die Organisatoren in den vergangenen Jahren an Obdachloseneinrichtungen gespendet.
Wie kann man also die Besucher zu mehr Umweltbewusstsein erziehen? Esben Danielsen und seine Kollegen versuchen es mit einem Belohnungssystem. Wer sich besonders ökologisch benimmt, darf auf einen abgetrennten Zeltplatz, kann eine heiße Dusche oder zusätzliche Eintrittskarten gewinnen.
Die CO2-Bilanz des Festivals wird aber vor allem vom An- und Abreiseverkehr der Gäste bestimmt. Man stelle sich das vor: 70.000 Menschen aus Nordeuropa migrieren in 35.000 Autos gen Sjaelland. Dicke Luft! Deshalb ermutigen die Organisatoren ihr Publikum, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen. Busunternehmen bündeln den Andrang aus Schweden, Norwegen und Deutschland, es gibt einen Bahnhof direkt am Festivalgelände. Und wer doch nicht aufs Auto verzichten mag, kann wenigstens noch ein paar Leute mitnehmen, die sich in der Mitfahrzentrale gemeldet haben.
Dass der Publikumsverkehr die größte Herausforderung auf dem Weg zu nachhaltigem Feiern darstellt, haben auch die Macher des
Melt! Festivals
bei Dessau verstanden. Es liegt, wie viele Open Airs, etwas ab vom Schuss, war bisher nur mit dem Auto bequem zu erreichen. Das soll sich in diesem Jahr ändern: Die Organisatoren haben zusammen mit der
Green Music Initiative
und der Deutschen Energie-Agentur DENA einen Verkehrsplan entworfen. "Im Bereich An- und Abreise gibt es europaweit noch keine Untersuchung zum Thema. Dies ist eine Pilotstudie für die Festivallandschaft", sagt Finja Götz, Projektleiterin beim Melt!. Wissenschaftler und Mobilitätsplaner helfen, die Besucherströme zu analysieren. "Das Melt! ist ein kleines Festival mit 22.000 Gästen", sagt Jacob Bilabel von der Green Music Initiative. "Aber etwa ein Drittel reist nicht aus Deutschland an, 38 Prozent fahren weiter als 450 Kilometer hierher." Da kommen schon ein paar Tankfüllungen zusammen.
Diesmal wird es dem Publikum leicht gemacht, das Auto zu Hause zu lassen. Das Melt! organisiert eine Radtour von Berlin zum 130 Kilometer entfernten Festival. Das Unternehmen Deutsche Bus stellt Omnibusse, die die Besucher selbstständig mit Mitreisenden füllen können, man verabredet sich in sozialen Netzwerken. Und in Köln fährt ein Hotelzug ab, in dem man schließlich nahe dem Gelände übernachten kann. Er ist drei Wochen vor Festivalbeginn schon fast ausgebucht. Kein Wunder, ist dieses Angebot doch umweltbewusst, sauber und vor allem bequem.
"Hotelzug, Müllsparen, vernünftig sein, pah, was hat das mit Rock'n'Roll zu tun!" mag manch Festivalbesucher alter Schule denken, dem es vor allem auf die krachende, hemmungslose Party ankommt. Nun, ökologischer Benimm ist vielleicht nicht jedem so schnell beizubringen. Unter Alkoholeinfluss arbeitet der Geist bekanntlich etwas langsamer. Aber an eines sei erinnert: Als der Rock'n'Roll geboren wurde, verbrauchten Autos auch noch 20 Liter Benzin auf 100 Kilometern.
- Datum 30.06.2010 - 15:48 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Man titelt...Und das Melt! bei Dessau bremst den Autoverkehr aus. ...
Davon lese ich im Artikel dann aber nichts. Da ist von Pilotstudie und Öko-Anreise-Angeboten für einige hundert Besucher (wohl 2-3% des Gesamtzahl) die Rede.
Ausgebremst ist was anderes.
... ist was anderes: z.B. teure kostenpflichtige Parkplätze weit weg vom Festivalgelände einrichten...
Aber dann bestände ja die Möglichkeit, daß manch potentieller (autogeiler) Besucher einfach zuhause bleibt...
... ist was anderes: z.B. teure kostenpflichtige Parkplätze weit weg vom Festivalgelände einrichten...
Aber dann bestände ja die Möglichkeit, daß manch potentieller (autogeiler) Besucher einfach zuhause bleibt...
... ist was anderes: z.B. teure kostenpflichtige Parkplätze weit weg vom Festivalgelände einrichten...
Aber dann bestände ja die Möglichkeit, daß manch potentieller (autogeiler) Besucher einfach zuhause bleibt...
Um ein Festival wirklich umweltfreundlich zu gestalten, muss es vor allem verkehrstechnisch gut erreichbar sein. die meisten Festivalorte liegen so weit ab vom Schuss, dass kaum jemand freiwillig mit der Bahn anreist. Warum gibt es keine Sonderzüge, die mit Festivalkarte kostenfrei benutzt werden können? Die würden dadurch ja von den Autofahrenden Besuchern mitfinanziert werden,
Dazu braucht es gute und vor allem preiswerte Verpflegungsmöglichkeiten - wer sich vor ort bequem und zu den gleichen Preisen wie zu Hause mit Bier und Grillzeug eindecken kann, muss nicht sein halbes Auto damit volladen.
Auch könnte man vor Ort gegen Pfand und eine geringe Gebühr einfache (sponsorenfinanzierte) Zelte verleihen - auch das sorgt für weniger Gepäck und hält die Besucher von der Auto-Anreise ab.
Die Bühne mit Ökostrom zu betreiben ist ist allerdings bloße Image-Aufbesserung, die Umweltschäden für das Gelände und das Grundwasser, sowie die enorme Müllmenge sind das viel größere Problem als der Stromverbrauch.
Schafft doch diese Festivals einfach ab!
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