Pop & Migration Raus aus Afrika

Viele Afrikaner leben in Armut, Illegalität und der Diaspora, weil sie ihren Kontinent verlassen haben. Einige machen Pop draus und singen über Migrationsklischees.

Afrikan Boy blickt aus London nach Nigeria und singt den "Lidl"-Song

Afrikan Boy blickt aus London nach Nigeria und singt den "Lidl"-Song

Voller Erstaunen berichten Journalisten dieser Tage von dem Widerspruch zwischen Armut und Lebensfreude in Afrika. Sie sprechen von Vielfalt – und spekulieren dann über den Heimvorteil ghanaischer Fußballer am Kap. Als hätten die Spanier den in Polen.

Dass Afrika ein Kontinent der Gegensätze ist, wird meist gerade noch deutlich. Da gibt es viele Menschen, die nichts besitzen – und manche, die sich alles leisten können. Da gibt es welche, denen spült ein Ereignis wie die Fußball-WM Geld in die Taschen, und sehr viele, denen bringt die Veranstaltung gar nichts. Was Südafrika und was dem Kontinent als ganzem von dem Medienereignis am Ende bleibt? Warten wir es ab, viel wird es wohl nicht sein.

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Vielleicht immerhin dies: Die Aufmerksamkeit für jegliche afrikanische Musik ist gestiegen in den vergangenen Jahren, und noch einmal in den letzten zwei Wochen. Vor allem manch kleiner Plattenfirma, die sich schon lange um Musik aus Afrika bemüht, wird nun der Ruhm zuteil, den sie verdient. Da kommen viele Schätze zu Tage, rohe wie geschliffene, uralte wie nagelneue. Auch musikalisch ist der Kontinent reich an Rohstoffen.

Da erklingt nun auch bei uns Musik, der wünscht man, dass sie ganz genau gehört wird. Weil sie gut ist, weil sie dem weltmusikalischen Klischee Afrikas widerspricht, weil sie klug ist. Outhere Records in München etwa, seit ein paar Jahren verdienstvolle Verbreiter vor allem west- und ostafrikanischer Klänge, haben fünfzehn Lieder zusammengestellt, HipHop und Kwaito, Funaná und Pop. Sie alle handeln vom Verlassen des Kontinents.

Ein heikles Unterfangen, denn die Stereotype afrikanischer Migranten sind simpel. Sie kommen in Wellen und Strömen, sie sitzen in Lumpen gehüllt im Gepäckraum einer Boeing und in seeuntüchtigen Kuttern , werden von der Marine gerettet – oder auch nicht. Sie gelten als Bedrohung oder als Opfer. Dabei beabsichtigen die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen gar nicht, ihren Kontinent zu verlassen.

Die Kompilation Songs About Leaving Africa schlägt andere Töne an. Es erklingen die Stimmen derer, die erlebt haben, wie hochgerüstet Europas Grenzen sind und welche Gefahr das illegalisierte Leben birgt. Sie erzählen vor allem von den Geografien der Migration, vom Hier und vom Dort und den vielen Meilen dazwischen. Ein jeder soll es hören, und so wird wild drauflos geplappert, oft verständnislos, bitterböse und humorvoll.

Vom Glänzen und Glitzern Europas etwa berichtet der nigerianische Rapper Rapturous in Money Talk . Und davon, dass der Traum von Europa nicht einfach nur der eines sorglosen Lebens ist, sondern der von Ruhm und Glück. In der globalen Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit wirken Europa und Nordamerika wie Magneten, eigentlich ist es erstaunlich, dass vergleichsweise wenige die Migration wagen.

Im globalisierten Kapitalismus ist jeder Ort sichtbar, aber längst nicht erreichbar. Das Fernsehen und – viel mehr noch – das Internet zeigen schillernde Vexierbildchen des Lebens. Songs About Leaving Africa scheint die Utopie der freien Wahl eines Lebensraumes befeuern zu wollen. Yes We Can ist der Untertitel der Zusammenstellung.

Andere Lieder auf dem Sampler erzählen vom Dazwischen, vom Fremdsein in einer westlichen Gesellschaft, und von den vielfältigen Beziehungen zwischen Diaspora und Heimat, zwischen Gegangenen und Gebliebenen. Oftmals sind Geldtransfers die Verbindung: Daara J Family aus dem Senegal etwa hat es am eigenen Leib erfahren, mit welchen Erwartungen die Migration eines Familienmitglieds verbunden ist: "Ich komme aus dem Senegal, bin in einer Piroge gepaddelt. Seit ich angekommen bin, muss ich der Familie zu Hause jeden Monat etwas schicken. Sie wissen nicht, wie ich an das Geld komme, sie haben ihre Freude dran. Und ich bin hier, verstecke mich vor der Polizei und schwitze Blut." Diese Schulden sind real, vielen wäre die Migration ohne die Unterstützung von Familien und Freunden unmöglich gewesen.

Daran verdienen vor allem Unternehmen wie Western Union, die in mancher afrikanischen Gegend die einzige Infrastruktur bilden und ihren Zehnten von diesen Heimüberweisungen abzweigen. Dass die kleinen Geldbüros vielen dennoch der Anschluss an den paradiesischen Westen zu sein scheint, führt K’Naan in 15 Minutes Away vor. Er singt vom Warten, von neunstelligen Zahlenfolgen, von einem Ritual, dass vielen Afrikanern vertraut ist. Da liegt zwischen Amerika und Afrika gerade mal eine Viertelstunde.

K’Naan zog mit seiner Familie vor fast zwanzig Jahren nach Kanada – wie Hunderttausende Somalis floh er vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat. Er hat sich Ruhm ersungen, spielte mit Mos Def und  Nelly Furtado und trat bei Live8 auf, sein schon älteres Wavin' Flag begleitet derzeit mächtig aufgeblasen die Werbekampagne von Coca Cola zur Fußball-WM.

Bei aller Anklage: Die Künstler auf Songs About Leaving Africa haben das Heft in die Hand genommen, sie sind Handelnde, keine Opfer. Und wie gut sich der HipHop macht. Wie pointiert und humorvoll der Zynismus europäischer Grenz- und Einwanderungspolitik, Schengen, Immigration und Frontex angeprangert werden. Das ist wirkliche Weltmusik.

"Unsere Augen und Ohren verseuchten unsere Worte", rappt der in der Schweiz lebende Kameruner Martin Pecheur in Blablabla – der Mund sei eine Waffe, die unsichtbare Bomben werfe. Und auch wenn er es gar nicht möchte, soll sein Lied ruhig eine von fünfzehn kleinen Bomben auf die europäischen Grenzen und die Stereotype von Migration sein.

"Yes We Can – Songs About Leaving Africa" ist bei Outhere Records erschienen.

 
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