Pop & Migration Raus aus AfrikaSeite 2/2
Andere Lieder auf dem Sampler erzählen vom Dazwischen, vom Fremdsein in einer westlichen Gesellschaft, und von den vielfältigen Beziehungen zwischen Diaspora und Heimat, zwischen Gegangenen und Gebliebenen. Oftmals sind Geldtransfers die Verbindung: Daara J Family aus dem Senegal etwa hat es am eigenen Leib erfahren, mit welchen Erwartungen die Migration eines Familienmitglieds verbunden ist: "Ich komme aus dem Senegal, bin in einer Piroge gepaddelt. Seit ich angekommen bin, muss ich der Familie zu Hause jeden Monat etwas schicken. Sie wissen nicht, wie ich an das Geld komme, sie haben ihre Freude dran. Und ich bin hier, verstecke mich vor der Polizei und schwitze Blut." Diese Schulden sind real, vielen wäre die Migration ohne die Unterstützung von Familien und Freunden unmöglich gewesen.
Daran verdienen vor allem Unternehmen wie Western Union, die in mancher afrikanischen Gegend die einzige Infrastruktur bilden und ihren Zehnten von diesen Heimüberweisungen abzweigen. Dass die kleinen Geldbüros vielen dennoch der Anschluss an den paradiesischen Westen zu sein scheint, führt K’Naan in 15 Minutes Away vor. Er singt vom Warten, von neunstelligen Zahlenfolgen, von einem Ritual, dass vielen Afrikanern vertraut ist. Da liegt zwischen Amerika und Afrika gerade mal eine Viertelstunde.
K’Naan zog mit seiner Familie vor fast zwanzig Jahren nach Kanada – wie Hunderttausende Somalis floh er vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat. Er hat sich Ruhm ersungen, spielte mit Mos Def und Nelly Furtado und trat bei Live8 auf, sein schon älteres Wavin' Flag begleitet derzeit mächtig aufgeblasen die Werbekampagne von Coca Cola zur Fußball-WM.
Bei aller Anklage: Die Künstler auf Songs About Leaving Africa haben das Heft in die Hand genommen, sie sind Handelnde, keine Opfer. Und wie gut sich der HipHop macht. Wie pointiert und humorvoll der Zynismus europäischer Grenz- und Einwanderungspolitik, Schengen, Immigration und Frontex angeprangert werden. Das ist wirkliche Weltmusik.
"Unsere Augen und Ohren verseuchten unsere Worte", rappt der in der Schweiz lebende Kameruner Martin Pecheur in
Blablabla
– der Mund sei eine Waffe, die unsichtbare Bomben werfe. Und auch wenn er es gar nicht möchte, soll sein Lied ruhig eine von fünfzehn kleinen Bomben auf die europäischen Grenzen und die Stereotype von Migration sein.
"Yes We Can – Songs About Leaving Africa" ist bei Outhere Records erschienen.
- Datum 29.06.2010 - 11:11 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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