ZEIT ONLINE: Herr Lenz, Sie wollten auf der Loveparade auftreten, haben aber am Unglückstag abgesagt. Warum?

Maximilian Lenz: Ich sollte meinen Abschied dort begehen. Ich muss ungefähr losgeflogen sein, als das Unglück passierte. Gemerkt habe ich es erst an der Unmenge an SMS, die ich bekommen habe.

ZEIT ONLINE: Was wurde Ihnen berichtet?

Lenz: So etwas wie: "Es tut mir so leid, dass Dein Abschied so enden musste." Da habe ich langsam gemerkt, dass etwas Fürchterliches passiert ist. Man hat mich gefragt, ob ich noch spielen möchte. Aber das war mir unmöglich.

ZEIT ONLINE: Haben Sie vorher gewusst, wie das Gelände in Duisburg aussieht? Wussten Sie von der Enge dort?

Lenz: Nein. Ich bin ja auch kein Sicherheitsfachmann. Ich habe auf vielen Partys gespielt, auf denen im Nachhinein eine Menge hätte passieren können. Was die Loveparade angeht, hatte ich immer wenige Bedenken. Bei so einem Millionenevent kann man doch davon ausgehen, dass es sicher ist. Im Gegensatz zu einem illegalen Schuppen sitzen dort Fachleute zusammen, die sich Wochen und Monate vorher ein Konzept überlegen. Da ist ein Panikforscher, da ist die Polizei, da sind die Veranstalter. Niemand sagt auf's Geratewohl: "Hey, wir schmeißen eine Party, kommt mal alle!" Unfassbar, dass so etwas dann doch passiert.

ZEIT ONLINE: Auch in Duisburg scheint man ratlos zu sein.

Lenz: Mag sein. Dass am Ende ein Panikforscher aber noch immer sagt, das Konzept sei im Grunde schlüssig – das verstehe ich nicht. Ich kann nicht begreifen, dass man ein Gelände für 300.000 Leute hat, auf das plötzlich eine Million Menschen drauf sollen und zwar durch einen Tunnel. Ich will mir nicht vorstellen, ich wäre in einer Menschenmenge, von hinten drängten Hunderttausende nach, links und rechts wären Wände. Die einzige Erklärung, die ich habe, ist unser aller menschliches Versagen.

ZEIT ONLINE: Manche werfen den Veranstaltern vor, sie hätten Profit über die Sicherheit gestellt.

Lenz: Ich würde nicht sagen: "Dieser profitgierige Veranstalter geht über Leichen." Wenn der Wunsch nach einer großen, tollen Party so stark ist – von den Besuchern, vom Veranstalter, der Stadt Duisburg und dem Ruhrgebiet, dann gibt es diese kleine menschliche Schwäche.

ZEIT ONLINE: Welche?

Lenz: Die Bereitschaft, ein höheres Risiko in Kauf zu nehmen. Dass man sich Dinge offensichtlich schön redet oder vor ihnen die Augen verschließt.

ZEIT ONLINE: Ihr neues Album A Love Story 89-10 markiert das Ende einer Ära. Hat sich das nun in Duisburg auf schreckliche Art bewahrheitet?

Lenz: Natürlich. Aber ich möchte nicht als Prophet des Untergangs verstanden werden. Ich habe vor zwei Jahren in Dortmund auf der Loveparade gemerkt, dass mir das fremd geworden ist. Es ging eigentlich um das Ende meiner persönlichen Ära.