ZEIT ONLINE: Herr Weidinger, müssen Sie einen Film gut finden, den Sie vertonen?

Andreas Weidinger: Man kann es vielleicht so sagen: Ich bin als Komponist zusammen mit ein paar anderen so etwas wie der Architekt der Emotionen, und in dieser Hinsicht gibt es eine klare handwerkliche Seite. Ich bin Auftragskomponist. Ich habe einen Auftrag zu erfüllen, den mir der Film gibt, ich habe aber auch einen Auftrag zu erfüllen, den mir mein Auftraggeber gibt, und der ist oft durch Marktforschung oder Quotendiskussionen bestimmt. Da muss man sich keine Illusionen machen.

ZEIT ONLINE: Sie vertonen vorwiegend die – mit Verlaub – kitschigen Melodramen, die sonntagsabends im ZDF laufen.

Weidinger: Ich mache auch sehr viele andere Filme, aber im vergangenen Jahr habe ich einige dieser Produktionen gemacht, das stimmt. Ich muss gestehen, dass mir das auch viel Spaß macht, weil da die Stärken, die Musik in einen Film einbringen kann, wirklich genutzt werden. Man steht zu eindeutigen Emotionen. Wenn zum Beispiel der Helikopter über die Küste Irlands fliegt, sind das großartige Bilder. Da kann ich als Komponist auch einmal die Kraft einer guten Melodie einsetzen und dafür das Orchester in voller Größe benutzen.

ZEIT ONLINE: Aber Sie singen in Ihrem Buch zum Thema Filmmusik auch das Loblied der Stille.

Weidinger: Ein guter Film balanciert Spannung und Entspannung. Man muss die Kraft der Musik dosiert einsetzen, und dazu gehört natürlich auch die Stille. Mich stört es, wenn Filmmusik immer da ist. Das ist wie wenn mir beim Kaffeetrinken dauernd jemand ein Stück Schokolade in den Mund schieben würde. Irgendwann schmeckt es mir nicht mehr, ich kann meinen Kaffee vor lauter Schokoladengeschmack nicht mehr genießen. Daraus aber abzuleiten, dass ein Film dann gut ist, wenn möglichst wenig Musik benutzt wird, halte ich für absurd – nur weil man Angst davor hat, dass Musik in einem Film Emotionen weckt und man die Zuschauer nicht manipulieren möchte. Ein Spielfilm ist künstlich hergestellt, er ist keine 24-Stunden-Dokumentation mit fest stehender Kamera. Jeder Bildschnitt, jede Sprachmelodie, jede Geste eines Schauspielers manipuliert den Zuschauer. Warum soll gerade die Musik das nicht dürfen?

ZEIT ONLINE: Sie verfügen über eine große Bandbreite an musikalischen Genres. Wie entscheiden Sie, in welchen Topf sie greifen?

Weidinger: Die Auswahl der Stilistik ist eine konzeptionelle Entscheidung, die davon bestimmt wird, was ich mit der Musik erreichen möchte. Über die Stilistik habe ich einen ganz wichtigen Zugriff auf die Wahrnehmung der Geschichte. Ihre Frage betrifft aber natürlich auch die Erwartungen der Auftraggeber. Hier erlebe ich oft, dass es eine große Unsicherheit gibt. Die Chance, ungewohnte Stile zu nutzen und auch spannende Vermischungen zu entdecken, wird leider selten wahrgenommen. Ich würde zum Beispiel gern einmal eine Komödie machen mit einem knackigen Bigband-Sound. Weil das eine wahnsinnige Power hat und wirklich eine eigene Emotionalität.

ZEIT ONLINE: Spielt dann der Film nicht sofort in den fünfziger Jahren?

Weidinger: Das ist dann immer das Argument. Aber schauen Sie sich Schlaflos in Seattle an, das funktioniert nur mit Musik aus den fünfziger, sechziger Jahren und spielt im Seattle Mitte der Neunziger. Der Film ist übrigens eine der erfolgreichsten Romantikkomödien aller Zeiten.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit zeitgenössischer klassischer Musik – können Sie die im Film verwenden?