Filmmusiker Andreas Weidinger "Ich bin ein Architekt der Emotionen"Seite 2/2

Weidinger: Das kommt immer auf den Film an, aber am besten thematisiert man das gar nicht. Wenn ich sage: Ich hab da eine coole Idee, wir arbeiten jetzt mit klanglichen Elementen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so was wie Ligeti, dann können sich viele gar nichts darunter vorstellen. Also bietet man so etwas einfach ohne weitere Erklärung an, und wenn es auf positive Resonanz stößt, kann man immer noch entscheiden, ob es nötig ist, dass die anderen den musiktheoretischen Hintergrund dazu bekommen.

ZEIT ONLINE: Kommen Sie früh genug ins Spiel bei der Produktion eines Films?

Weidinger: Ich versuche immer, in der Schnittphase dazu zu kommen und selber die Temptracks ( bereits bestehende Musiken, die vorübergehend zu Demonstrationszwecken angelegt werden, Anm. d. Red. ) auszuwählen oder schon Skizzen zu komponieren. In aller Regel erleichtert das nachher den inhaltlichen Austausch über mein Musikkonzept.

ZEIT ONLINE: Sie gehören zu den wenigen Komponisten, die noch mit einem richtigen Orchester arbeiten können – die meisten Musiken werden heute am Computer eingespielt, und der Komponist hat praktisch das gesamte Spektrum der Musikgeschichte zur Verfügung.

Weidinger: Das gesamte Spektrum schon, aber eben nur aus der Konserve. Der Computer kann die stilistische Bandbreite und das handwerkliche Können eines Komponisten nicht ersetzen. Die Verlockung ist natürlich groß, schnell einen Apple-Loop anzuklicken und zu sagen: Jetzt hab' ich ja meinen Jazz oder mein romantisches Orchester. Das hat aber mit Komponieren nichts zu tun, abgesehen davon, dass es auch selten zum Film passt.

ZEIT ONLINE: Musik spielt man eigentlich vor anderen Leuten, Filmmusik entsteht sehr einsam. Fehlt einem etwas, wenn man kein unmittelbares Publikum hat?

Weidinger: Natürlich fehlt die direkte Reaktion des Publikums. Film ist eben kein Echtzeit-Medium. Man muss allerdings zwischen Komposition und Interpretation unterscheiden. Live-Musik lebt vor allem davon, wie etwas vorgetragen wird, eine Komposition lebt davon, was vorgetragen wird, also von ihrer kompositorischen Substanz. Um eine gute Komposition zu schaffen, hilft oft ein zeitlicher Abstand zwischen dem Moment der Entstehung und der Beurteilung. So kann ich die Musik noch einmal überdenken, bevor ich sie jemandem vorspiele.

ZEIT ONLINE: Sie machen schon ziemlich lange Filmmusik – können Sie die emotionale Wirkung Ihrer Musik vorhersagen?

Weidinger: Das versuche ich. Es gibt natürlich Routinen und Erfahrungswerte – wenn die Cutterin bei einem Melodram anfängt, die Hauptmelodie zu summen, dann weiß ich, dass die Sache im Prinzip funktioniert. In Bezug aufs Publikum ist das aber nicht immer im Detail zu kalkulieren. Dazu wirkt Musik auf verschiedene Menschen zu unterschiedlich. Ich bekomme zu jedem Film Dutzende Mails von Leuten, die nach der Filmmusik fragen. Daran sehe ich natürlich, dass die Musik eine gewisse Wirkung gehabt hat. Aber welche genau das war und woran das genau lag, ist oft schwer sagen.

ZEIT ONLINE: Woran arbeiten Sie gerade?

Weidinger: An einem Missbrauchsthriller. Ich denke gerade darüber nach, wie man musikalisch am besten das Drama und die Spannung balanciert. Ich versuche, eine Haltung dazu zu finden, die ich dann auch begründen kann.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie können dem Film auch noch einen Dreh in die eine oder andere Richtung geben?

Weidinger: Ja. Und das entscheide ich auch ganz bewusst.

ZEIT ONLINE: Machen Sie das mit sich selber aus, oder bieten Sie dem Regisseur auch Alternativen an?

Weidinger: Ich biete an, was ich für richtig halte. Aber es kommt immer wieder vor, dass man selbst einen Film anders sieht als andere. Manchmal denkt man zum Beispiel: Dieser psychologische Aspekt ist wahnsinnig wichtig für die Entwicklung des Charakters. Und der Regisseur sagt: Das ist für mich nur ein Nebenaspekt, den sollten wir nicht so stark betonen. Dann ist es natürlich nötig, sich aus einer eigenen Haltung heraus über Alternativen Gedanken zu machen. Vielleicht kann man es so beschreiben: Ich plane den Grundriss, und dann verständigen wir uns über die Details. Und manchmal führt das dazu, dass das ganze Haus neu geplant werden muss.

 
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