Was Heavy Metal im Innersten zusammenhält, dieser Frage waren im Frühsommer Soziologen, Kunst- und Medienwissenschaftler nach Braunschweig gefolgt, um auf dem Kongress Metal Matters drängende Antworten aufzuspüren. Die Organisatoren Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab gaben in ihrem Einführungsreferat den Teilnehmern ein paar Thesen gewissermaßen als Gesprächsgrundlage an die Hand, die dann späterhin aber nicht in jedem Fall aufgegriffen wurden. Vielleicht auch weil sie so plausibel waren, dass sich eine Diskussion darüber zu erübrigen schien. So sprachen die beiden von der Heavy-Metal-Kultur als "Mehrgenerationenprojekt". Sie unterscheide sich von anderen Sub- und Popkulturen eben nicht zuletzt durch ihre "langlebige Stabilität".

Das klingt einleuchtend. Seit vierzig Jahren spricht man von dem Genre, ungefähr seit dem Debütalbum von Black Sabbath. Und seit immerhin dreißig Jahren gibt es tatsächlich eine Szene, die den Namen verdient: mit unzähligen Fanzines, diversen Hochglanz-Spartenmagazinen, distinkten Dress- und Verhaltenscodes (Kutte, Horns etc.), Ritualen ( Slamdancing , Circle Pit ) und einem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein. Die Metal-Welt hat sich ihre eigene Tradition geschaffen, die man in Ehren hält und die man vor allem kennen muss, wenn man wirklich dazugehören will.

Auf dem Wacken Open Air , das am Wochenende zum 21. Mal und wie stets mehr oder weniger gewaltlos über die Bühne ging, war das schon immer wichtig. Im Laufe der Jahre von einer lokalen Sommerfeier, in ihrer Bedeutung etwa vergleichbar den hiesigen Schützenfesten und Stoppelfeldrennen, zu einem der größten Metal-Festivals der Welt gewachsen, hat das Wacken Open Air alte Recken und halbvergessene Genre-Stammväter dutzendmal wieder auf die Bühne geholt, unzählige Reunions angeschoben, um den nachwachsenden Metal-Generationen anschaulich vorzuführen, was früher einmal von Belang war. In der Tat sind es gar nicht allein die Altmetaller, die sich hier noch einmal in wohliger Nostalgie suhlen, wenn eine ihrer Lieblingsbands die Marshall-Boxen aus dem Fahrradkeller holt, sondern eben auch der Nachwuchs, der hier seine Geschichtskenntnisse arrondieren will.

Auch in diesem Jahr hatten die Veranstalter ein paar solcher lebender Fossilien im Programm, die das Publikum auf Händen trug. W.A.S.P., Lizzy Borden, Raven waren dabei, und vor allem Anvil, die nach dem Erfolg des rührenden Dokumentarfilms gerade eine Renaissance erleben, schlug hier vom ersten Ton eine Welle der Sympathie entgegen, die mehrere Generationen mitreißt. " My dreams come true, man ", begrüßte der Frontman Lips das Auditorium. Und es schien, als wollten alle Anwesenden, vom Soundmixer über den Lichtdesigner bis zu den vielen Tausend Zuschauern, in den folgenden anderthalb Stunden mithelfen, dass auch wirklich alles so schön wird, wie die Band es sich erträumt hat.

Aber wie steht es eigentlich mit der guten alten subkulturellen Attitüde des Widerstands und der Abgrenzung gegen die Elterngeneration, wenn die Teens Schulter an Schulter mit ihren Altvorderen dieselben Bands feiern? Offenbar ist doch etwas dran an den großen Metal-Beschwörungsformeln "In Union We Stand" , "Ironbound" , "All for one, one for al l " , "Only together we're strong ", die trotz der Ausdifferenzierung des Genres in diverse Substilrichtungen eine Einheit in der Vielheit versprechen.