"Videospielmusik ist nicht banal!", sagt Benyamin Nuss © Deutsche Grammophon

Das Café in der Kölner Innenstadt, in dem wir uns zum Interview verabredet haben, ist brechend voll. Benyamin Nuss, der 21-jährige Jungstar der Deutschen Grammophon, ist ein unscheinbarer Mann in der Menge. In seinem legeren Outfit – Turnschuhe, Pullover, Jacke – sieht er auch ganz anders aus als auf dem Cover seiner neuen CD. Der jugendliche Typ, der mir freundlich die Hand reicht, passt erfreulicherweise nicht zu der arroganten Elvis-Presley-Pose auf dem Booklet, in der ihn seine Plattenfirma offenbar am liebsten sehen möchte.

Im Café ist es zu laut, wir suchen uns einen ruhigeren Platz in der Nähe, um uns zu unterhalten. Schnell wird klar: Nuss ist ein Digital Native, einer, der mit den elektronischen Medien und dem Internet groß geworden ist. "Ich habe schon früh zugeschaut, wenn mein Vater mit Konsolen gespielt hat. Natürlich bin ich auch in Foren, auf Facebook und im Internet unterwegs." Aus seiner Jacke blitzt eine Computerzeitschrift hervor.

Dass Computerspiele süchtig machen können, weiß Nuss aus eigener Erfahrung: "Ich bin froh, dass meine Mutter damals gesagt hat: Bitte nur am Wochenende spielen! So habe ich früh Disziplin gelernt." Die Idee zu seiner CD, deren Konzept er in Eigenregie entwickelt und den Plattenfirmen präsentiert hat, kam ihm bei Final Fantasy, der 1987 entwickelten und bisher erfolgreichsten Videospielserie. Die dazugehörige Musik hat der japanische Video- und Computerspielkomponist Nobuo Uematsu geschrieben. "Bei Final Fantasy hat mich die Musik zum ersten Mal so richtig gepackt", sagt Nuss mit spürbarer Begeisterung in der Stimme. "Zusammen mit meinem Freund, der sich auch für diese Musik interessiert, habe ich dann mit Hilfe von Mediendateien aus dem Internet die Noten zusammengebastelt und die Soundtracks nachgespielt."

Benyamin Nuss spricht leise und wählt die Worte bewusst. Noch ist er nicht der routinierte Medienstar, der er vielleicht gern wäre. Doch bisweilen wirft er die wohlüberlegte Syntax über Bord und redet, wie man es von einem Mann in seinem Alter erwartet, der sein Lieblingswerk "ein geiles Stück" nennt. "Entschuldigung: ein schönes Stück."

Das Enfant terrible des Klassikbetriebs möchte Benyamin Nuss nicht sein. Er kommt aus einer Musikerfamilie und erhielt mit fünf Jahren den ersten Klavierunterricht. Und er spielt eben gern Videospiele. Computerspielmusik ist für ihn eine genuine Kunstform, wenn sie gut gemacht ist. "Uematsu ist ein Ausnahmetalent, weil er es mit wenigen Tönen schafft, aus Jazz, Pop, Schlagern und japanischer Kultur einen eigenen Stil zu entwickeln." Dann bricht es aus ihm heraus: "Diese Musik ist Teil meiner Kindheit, sie liegt mir am Herzen. Alles, was toll ist, berührt, und was mich berührt, das liebe ich."