Frage: Mr. Gill, hat sich Ihre Haltung zur Musik seit den späten siebziger und frühen achtziger Jahren geändert?

Andy Gill: Ich persönlich habe mich natürlich verändert, das wäre auch komisch, wenn es nicht so wäre. Ich bin schließlich jetzt in meinen Fünfzigern. Lassen Sie uns ruhig "erwachsen" sagen. Aber was ich mit der Musik erreichen wollte, die Leute aufmerksam machen, sie wirklich zum Zuhören bringen, das will ich immer noch.

Frage: Gang of Four waren stets eine politische Band. Glauben Sie immer noch, dass man mit Musik politische Botschaften vermitteln kann und soll?

Gill: Es sagen immer alle, dass wir politische Botschaften hatten, aber das finde ich gar nicht. Wir standen nie mit einem Megafon auf einer Seifenkiste und brüllten: Lasst uns alle Sozialisten werden! Hier ist die rote Flagge! Das ist eher etwas für Billy Bragg. Wir haben nie eine bestimmte Ideologie propagiert oder die Ansichten einer Partei vertreten. Wir haben aber althergebrachte Ideen über Kultur und Gesellschaft in Frage gestellt. Zum Beispiel in It's her Factory: Das war in den späten Siebzigern, und eine Menge Menschen dachten, Frauen gehörten in die Küche. Heutzutage ist es allgemein akzeptiert, dass Frauen arbeiten. Damals nicht, und unser Song machte sich über diese Leute und ihre reaktionären Ideen lustig. Wir nahmen Überschriften aus Zeitungen und verarbeiteten sie zu einem Song. Der Text war also nicht ausgedacht. So haben wir uns über die Gleichschaltung der Menschen mokiert, über diese Übereinkunft, alle sollten möglichst Kinder bekommen, arbeiten gehen und abends Essen kochen.

Frage: Das war Ihr Antrieb beim Songschreiben?

Gill: Ja, das könnte quasi die Unterzeile von Gang of Four sein: Woher kommen diese Ideen? Ein anderer Song aus dieser Zeit ist Natural's Not In It. Ein Appell, dass man nicht immer behaupten soll, irgendetwas sei ganz natürlich. Schließlich wird alles vom Menschen bestimmt. Alles ist Ideologie, Kultur. Und in Ether haben Jon King, unser Sänger, und ich abwechselnd gesungen. Er sang darüber, tagträumend in der Wohnung herumzusitzen, während meine Stimme darüber redete, was gerade in Nordirland, in Belfast und Kerry passiere. Ein paar Hundert Meilen von Leeds entfernt, auf der anderen Seite des Meeres, gab es Gewalt, Kampf, Besetzung, Widerstand. Der Song handelte vor allem davon, wie diese Informationen weitergegeben werden, und wie von allen Menschen verlangt wird, den Standpunkt der Regierung zu teilen. Denn in den späten Siebzigern gingen ständig Bomben hoch, die IRA war in ganz England aktiv, und die Medien fragten kaum, was dahintersteckt. Es ging uns darum, zu zeigen, wie gefiltert wird. Auf der einen Seite denkt man darüber nach, ein neues Auto zu kaufen, und auf der anderen Seite sieht man Blut im Fernsehen.

Frage: Für mich klingt das alles politisch...

Gill: Vielleicht haben Sie recht. Wir sind wohl doch eine politische Band.

Frage: Wir können uns ja darauf einigen, dass Ihre Songs Umstände reflektieren und kommentieren. Ist das auf dem neuen Album, das für Anfang 2011 angekündigt wurde, immer noch so?