Comeback von Gang Of Four "Wir sind wohl doch eine politische Band"Seite 2/2
Gill: Ich glaube schon. Und wir benutzen immer noch viel Ironie. Wir versuchen, jeden Song wie ein einaktiges Drama zu inszenieren, wie ein Theaterstück. Einer meiner neuen Lieblingssongs ist Do As I Say. Der spielt im 17. Jahrhundert, und ich verbrenne darin unseren Sänger als Teufelsanbeter. Ich bin ein schrecklicher Inquisitor, Jon das arme Opfer. Es ist ein sehr eindringliches Lied, gleichzeitig aber auch lustig.
Frage: I Love A Man In Uniform wurde damals von der BBC verboten, weil der Falkland-Krieg gerade angefangen hatte. Welche Art Songs muss man denn heute machen, um von der BBC ein Ausstrahlungsverbot zu bekommen?
Gill: Könnte schon sein, dass die BBC wieder etwas findet auf dem neuen Album. Als wir I Love The Man In Uniform aufnahmen, wussten wir nichts vom Falkland-Krieg. Erst als das Stück veröffentlicht wurde, hatte die Regierung Truppen geschickt, und dann kam das Verbot. Sie sagten: Wir bringen täglich Nachrichten über Soldaten, die im Krieg gefallen sind, und brauchen keinen antimilitaristischen Song.
Frage: Viele Bands sagen, dass sie von Gang of Four beeinflusst wurden. Freuen Sie sich immer darüber, wenn Sie diese Einflüsse hören, oder ärgert Sie das auch manchmal, weil es Ideenklau sein könnte?
Gill: Manche Songs der Red Hot Chili Peppers klingen so dermaßen nach Gang of Four, Don't Stop zum Beispiel, auch der Sound der Instrumente, die Produktion, dass man am liebsten sagen würde: Also Jungs, wollt Ihr uns mal bitte zu 25 Prozent an den Einnahmen beteiligen?
Frage: Haben Sie das schon mal so eingefordert?
Gill: Ich habe Flea, den Bassisten der Peppers, vor einem Jahr auf einer Party in London getroffen, und nachdem wir uns ein bisschen unterhalten haben, sagte er: Ich kann kaum glauben, dass ihr uns nie verklagt habt. Aber ganz ohne Witz: Auf den Internetseiten von Franz Ferdinand oder Bloc Party unterhalten sich die Fans darüber, dass diese Bands wie Gang of Four klingen. Der Effekt: Als wir 2005 in Europa und den USA spielten, war unser Publikum zum größten Teil unter 25.
Frage: Wie kam das Gang-of-Four-Revival überhaupt zustande?
Gill: Ich habe in den letzten Jahren Platten von Killing Joke und The Futureheads produziert und bis zu seinem Tod 1997 mit Michael Hutchence gearbeitet. Wir hatten vor, die Songs, die wir zusammen geschrieben hatten, live zu spielen. Danach saß diese Live-Idee fest in meinem Kopf.
Frage: Ihr letztes Soloalbum haben Sie nur als MP3 rausgebracht. Wieso?
Gill: Die Musikindustrie verändert sich gerade stark, für Musiker wird es immer schwieriger, vom Musikmachen leben zu können. Die neue Gang-of- Four-Platte kommt aber wieder als CD und Vinyl raus, in einer ganzen Box, mit einem kleinen Buch darin, mit Zeichnungen und Fotos, außerdem verströmen die Seiten des Booklets verschiedenen Gerüche, die alle mit menschlichen Aktivitäten zusammenhängen. Da gibt es dann einen Duft für "Arbeit", einen für "Sex", einen für "Industrie".
Frage: Meinen Sie, die Leute kaufen das Album tatsächlich wegen solcher Gimmicks, anstatt es runterzuladen?
Gill: Ja, das glaube ich, weil es einmalig und authentisch ist. Aber Gimmicks würde ich das nicht nennen. Das ist Kunst.
Gang of Four spielen am 11. 9. beim Berlin Festival
- Datum 10.09.2010 - 13:08 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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