ZEIT ONLINE: Herr Knüpfer, Ihre Arbeit als Klaviertechniker der Starpianisten spielt sich auf sehr hohem Niveau ab. Fragen Sie sich manchmal, wer überhaupt hört, was Sie da machen?

Stefan Knüpfer: Nein, das ist für mich selbstverständlich. Es ist natürlich eine große Herausforderung, das filmisch umzusetzen. Der Aufwand war gigantisch. Und was dann in Pianomania im Kino rüberkommt, ist wieder eine andere Geschichte. Aber generell ist das für jeden deutlich hörbar. Man kann nicht sagen, das sei surreal oder verrückt. Das Publikum ist dankbar dafür. Die Zuhörer sagen nach dem Konzert, wie schön das geklungen hat.

ZEIT ONLINE: Geschenkt, sie haben ja einen guten Pianisten gehört.

Knüpfer: Man merkt, dass das tiefer geht. Schöne Töne berühren die Menschen direkt . Und gute Flügel machen zufriedene Pianisten. Zufriedene Pianisten spielen gut. Unsichere, unzufriedene Pianisten können auch keine schönen Konzerte spielen.

ZEIT ONLINE: Wann sind Lang Lang , Pierre-Laurent Aimard oder Alfred Brendel zufrieden?

Knüpfer: Herr Brendel achtet auf Gleichmäßigkeit. Jeder Ton muss die gleiche Farbe haben. Eine unglaubliche Herausforderung. Die Töne müssen alle blau sein. Oder je nach Anschlag und Artikulation den gleichen Farbverlauf nehmen. Zwischen den Hellblauen darf kein Hellgrüner sein. Das einzustellen dauert Tage. Aimard hingegen sagt: "Warum ist das nur Blau, warum nur Grün? Ich hätte gern alles. Geben Sie mir einen Regenbogen, und ich tusche mir die Farben mit den Fingern hin." Er will den Klangreichtum und stimmt die Töne durch sein Spiel. Das ist irre.

ZEIT ONLINE: Ist Lang Lang auch so speziell?

Knüpfer: Er hat einen Instinkt für einen guten Ton. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt weiß, was er macht. Er schlägt den Ton an, und der klingt. Er ist absolut pflegeleicht, aber natürlich weiß er einen guten Flügel zu schätzen.

ZEIT ONLINE: Was war das Erweckungserlebnis für Ihre Ohren? Wann wussten Sie, dass es um mehr als die reine Stimmung geht?

Knüpfer: Ich habe ein Seminar in Japan gegeben. Da kam ein Stimmer mit einem Problem zu mir: Wenn die Steinway-Flügel nach drei Monaten auf dem Schiff nach Japan kommen, seien sie völlig verstimmt, aber sie klängen gut, sagte er. Und dann stimmte er sie perfekt, aber sie klängen nicht mehr. Ich dachte, das kann nicht sein! Und wirklich. Das Klavier war perfekt gestimmt, aber es klang leblos. Da wusste ich, dass mit Stimmen etwas anderes gemeint ist, als die Töne zu stimmen. Es müsste Klingen heißen.

ZEIT ONLINE: Für den Laien ist die temperierte Stimmung so etwas wie die Abseitsregel im Fußball. Können Sie sie in drei Sätzen erklären?

Knüpfer: Schwierig! Ich will's versuchen: In einer Oktave gibt es zweimal ein C – ein tieferes und ein höheres. Das tiefere schwingt halb so schnell wie das höhere. Die Oktave hat also das Frequenzverhältnis 1 zu 2. Jedes Intervall hat ein anderes Verhältnis. Die Quinte beispielsweise hat 2 zu 3. Das hat Pythagoras herausgefunden. Wenn wir nun auf dem Klavier von der tiefsten Taste zur höchsten gehen, sind das acht Oktaven. Wenn wir in zwölf Quintschritten die Tastatur abschreiten, kommen wir bei derselben höchsten Taste raus. Aber eigentlich nicht beim selben Ton. Diese zwölf Quinten sind einen Tick höher als die acht Oktaven. Deshalb muss jede Quinte um einen Hauch kleiner gestimmt werden, damit alles in eine Oktave passt. Ziemlich abstrakt.