Stefan Knüpfer in "Pianomania""Einen Konzertflügel zum Lächeln bringen"

Stefan Knüpfer stimmt Klaviere nicht bloß, er lässt sie klingen. Nun illustriert der Kinofilm "Pianomania" seine faszinierende Arbeit mit den besten Pianisten der Welt. von 

Dem Klang zwischen die Saiten geschaut: Stefan Knüpfer, Cheftechniker von Steinway, bei der Arbeit

Dem Klang zwischen die Saiten geschaut: Stefan Knüpfer, Cheftechniker von Steinway, bei der Arbeit  |  © Farbfilm Verleih

ZEIT ONLINE: Herr Knüpfer, Ihre Arbeit als Klaviertechniker der Starpianisten spielt sich auf sehr hohem Niveau ab. Fragen Sie sich manchmal, wer überhaupt hört, was Sie da machen?

Stefan Knüpfer: Nein, das ist für mich selbstverständlich. Es ist natürlich eine große Herausforderung, das filmisch umzusetzen. Der Aufwand war gigantisch. Und was dann in Pianomania im Kino rüberkommt, ist wieder eine andere Geschichte. Aber generell ist das für jeden deutlich hörbar. Man kann nicht sagen, das sei surreal oder verrückt. Das Publikum ist dankbar dafür. Die Zuhörer sagen nach dem Konzert, wie schön das geklungen hat.

ZEIT ONLINE: Geschenkt, sie haben ja einen guten Pianisten gehört.

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Knüpfer: Man merkt, dass das tiefer geht. Schöne Töne berühren die Menschen direkt . Und gute Flügel machen zufriedene Pianisten. Zufriedene Pianisten spielen gut. Unsichere, unzufriedene Pianisten können auch keine schönen Konzerte spielen.

ZEIT ONLINE: Wann sind Lang Lang , Pierre-Laurent Aimard oder Alfred Brendel zufrieden?

Knüpfer: Herr Brendel achtet auf Gleichmäßigkeit. Jeder Ton muss die gleiche Farbe haben. Eine unglaubliche Herausforderung. Die Töne müssen alle blau sein. Oder je nach Anschlag und Artikulation den gleichen Farbverlauf nehmen. Zwischen den Hellblauen darf kein Hellgrüner sein. Das einzustellen dauert Tage. Aimard hingegen sagt: "Warum ist das nur Blau, warum nur Grün? Ich hätte gern alles. Geben Sie mir einen Regenbogen, und ich tusche mir die Farben mit den Fingern hin." Er will den Klangreichtum und stimmt die Töne durch sein Spiel. Das ist irre.

ZEIT ONLINE: Ist Lang Lang auch so speziell?

Knüpfer: Er hat einen Instinkt für einen guten Ton. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt weiß, was er macht. Er schlägt den Ton an, und der klingt. Er ist absolut pflegeleicht, aber natürlich weiß er einen guten Flügel zu schätzen.

ZEIT ONLINE: Was war das Erweckungserlebnis für Ihre Ohren? Wann wussten Sie, dass es um mehr als die reine Stimmung geht?

Knüpfer: Ich habe ein Seminar in Japan gegeben. Da kam ein Stimmer mit einem Problem zu mir: Wenn die Steinway-Flügel nach drei Monaten auf dem Schiff nach Japan kommen, seien sie völlig verstimmt, aber sie klängen gut, sagte er. Und dann stimmte er sie perfekt, aber sie klängen nicht mehr. Ich dachte, das kann nicht sein! Und wirklich. Das Klavier war perfekt gestimmt, aber es klang leblos. Da wusste ich, dass mit Stimmen etwas anderes gemeint ist, als die Töne zu stimmen. Es müsste Klingen heißen.

ZEIT ONLINE: Für den Laien ist die temperierte Stimmung so etwas wie die Abseitsregel im Fußball. Können Sie sie in drei Sätzen erklären?

Knüpfer: Schwierig! Ich will's versuchen: In einer Oktave gibt es zweimal ein C – ein tieferes und ein höheres. Das tiefere schwingt halb so schnell wie das höhere. Die Oktave hat also das Frequenzverhältnis 1 zu 2. Jedes Intervall hat ein anderes Verhältnis. Die Quinte beispielsweise hat 2 zu 3. Das hat Pythagoras herausgefunden. Wenn wir nun auf dem Klavier von der tiefsten Taste zur höchsten gehen, sind das acht Oktaven. Wenn wir in zwölf Quintschritten die Tastatur abschreiten, kommen wir bei derselben höchsten Taste raus. Aber eigentlich nicht beim selben Ton. Diese zwölf Quinten sind einen Tick höher als die acht Oktaven. Deshalb muss jede Quinte um einen Hauch kleiner gestimmt werden, damit alles in eine Oktave passt. Ziemlich abstrakt.



ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie unterschiedliche Klänge ein, ohne die Töne zu verändern?

Knüpfer: Ich bewege mich in einer Grauzone. Ein Instrument beruht auf physikalischen Grundsätzen. Schwingungen, Druckverhältnisse, Zugkräfte sind Physik. Ich glaube nicht an von Gott gesegnete Bretter oder bei Vollmond geschlagenes Holz. Der Resonanzboden des Flügels ist ungefähr einen Zentimeter dünn. Auf dieses Fichtenholzbrett drückt eine Tonne Gewicht. Durch das Spannen und Stimmen der Seiten erhöhe ich den Druck nach unten. Aber der Holzboden ist von Natur aus unregelmäßig, an mancher Stelle etwas weicher, mal etwas steifer. Und er verändert sich von Tag zu Tag. Also muss ich den Druck der Saiten jeden Tag neu einstellen, ganz individuell.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten mit den größten Pianisten aus allen Nationen. Ist es schwierig, solch ätherische Feinheiten wie Klangfarben in einer Fremdsprache zu klären?

Knüpfer: Selbst mit Muttersprachlern ist es unmöglich. Ich gehe immer davon aus, dass der Pianist eine Vision hat und mir etwas erklären will. Die wenigsten können es. Es geht nicht um laut, leise, hart oder weich, sondern um das Dazwischen. Wenn die Sprache sowieso nicht hilft, ist sie auch egal. Wir kommunizieren mit Körpersprache. Meistens geht es um Gefühle, nicht um Töne. Zum Beispiel: "Der Ton soll reich sein." Was ist reich? Wie viel hat der Ton denn auf dem Konto? Sie müssen "reich" fühlen.

ZEIT ONLINE: Früher wurde nicht so ein High-Tech-Aufwand betrieben, um die Konzertflügel zum Klingen zu bringen.

Knüpfer: Nehmen Sie eine Aufnahme aus den Dreißigern oder Fünfzigern. Für solch schlechte Flügel würde man uns heute den Kopf abreißen. Trotzdem sagt das Publikum, die Flügel klangen schön. Was macht also einen guten Ton aus? Die alten Instrumente hatten viel mehr Obertöne als die heutigen, weil sie viel entspannter waren. Für mich sind Obertöne das Lächeln eines Flügels. Heute kann man auch neue Flügel so in Balance bringen, dass sie vom ersten Tag an reif sind.

ZEIT ONLINE: Welche Epoche der Klaviermusik ist Ihnen die liebste?

Knüpfer: Hauptsache, er sagt jetzt nicht "die Moderne"!

ZEIT ONLINE: Doch, bitte gern.

Knüpfer: Okay, ich korrigiere ( lacht ). Wenn jemand wie Pierre-Laurent Aimard nicht nur die Stücke erklärt, sondern man merkt, der hat sie begriffen, der hat mit den Komponisten gearbeitet, der hat die Wahrheit gefunden, dann weiß man auch, dass es einen Zugang geben kann. Ich sage weder Bach, noch Messiaen, Boulez oder Ligeti. Was gut gespielt wird, ist wunderbar. Sie können den besten Fisch der Welt in der Pfanne anbrennen lassen. Dann schmeckt er nicht mehr. Und die meisten Bachs kommen angebrannt rüber.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um den Beruf des Klaviertechnikers?

Knüpfer: Es gibt kaum Nachwuchs. Auf diesem Niveau gibt es höchstens fünf bis zehn Klaviertechniker auf der Welt. Generell ist Klavierstimmer ein Ausbildungsberuf, in den man mit Hauptschulabschluss einsteigen kann. Man muss noch nicht einmal Klavier spielen. Steinway stellt andere Anforderungen, da muss man beispielsweise sehr gut in Mathe und Physik sein. Außerdem fehlen uns Frauen: Wir haben bei Steinway in Wien vier Frauen, die haben ausgelernt und sind unglaublich. Sie haben ein großartiges Gefühl, eine beeindruckende Zähigkeit, sind viel ruhiger und haben viel mehr Fantasie. In diesem Beruf  muss die Vision den Fingern immer voraus sein. Diese wichtigen Eigenschaften finde ich viel häufiger bei Frauen. Aber es ist ein Männerberuf, weil er früher körperlich sehr anstrengend war. Frauen werden noch immer systematisch entmutigt, bekämpft. Das ist sehr traurig, weil dadurch die richtigen Leute nicht ihr bestmögliches Niveau erreichen können.

ZEIT ONLINE: Der Film könnte Ihnen helfen.

Knüpfer: Ja, es muss etwas passieren. Es kann ja nicht sein, dass dieselben zehn Leute für die Pianisten um die Welt fahren und sich von der Arbeit auffressen lassen. Selbst wenn die Veranstalter sagen: "Hier haben Sie Geld, machen Sie mir den Flügel schön." Dann haben wir gleich die Frage: "Wo ist der Techniker?" Das ist ein Problem. Wir wollen ja immer noch die tollen Konzerte von Aimard und Pollini und Brendel erleben. Hoffentlich, sonst bräuchten wir die Pianisten auch nicht mehr.

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Leserkommentare
  1. "Wenn die Sprache sowieso nicht hilft, ist sie auch egal" !

    Ja - so ist das, es gibt verschiedene Sprachen auf dieser Welt ! Eine davon ist die Musik ! Und die Antennen, die man dafür hat, bzw. braucht !

    Die Sache mit den Frauen - traurig! Mmh! Na ja, vielleicht wird's ja in Zukunft besser !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mrtes
    • 09. September 2010 16:54 Uhr

    Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen. Guter und interessanter Artikel! ...
    Überhaupt meine ich festzustellen, dass die Artikel im Bereich Kunst/Musik noch immer (glücklicherweise) - bei anderen Bereichen habe ich manchmal bereits erhebliche Zweifel - häufig sehr lesenswert sind, da sie ein Niveau erkennen lassen.

    • mrtes
    • 09. September 2010 16:54 Uhr

    Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen. Guter und interessanter Artikel! ...
    Überhaupt meine ich festzustellen, dass die Artikel im Bereich Kunst/Musik noch immer (glücklicherweise) - bei anderen Bereichen habe ich manchmal bereits erhebliche Zweifel - häufig sehr lesenswert sind, da sie ein Niveau erkennen lassen.

    • rabin
    • 27. September 2010 16:40 Uhr

    Wenn Aimard zu einem Ja, aber ansetzt, und man sieht das Gesicht von Knüpfer, denkt man, der kriegt kein Gehalt, der kriegt Schmerzensgeld. Aber weit gefehlt. Er tüftelt gerne, auf höchsten Niveau.Das ist schon mal stressig, aber er geniesst es letztlich.

    Auch bemerkenswert, drei Feinst-Hörer in einer Situation zu sehen, den Pianisten, den Stimmer und den Toningenieur. Die hören, was 99,9% nicht hören. Deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass die Aufnahme von Aimard vom Tonlichen her keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung stiesst und der Toningenieur verurteilt wurde.

    Freispruch: es war der Pianist, der diesen Klang wollte und Knüpfer verschaffte ihm den, der Ingenieur nahm nur auf.

  2. Ein recht später Kommentar, aber ich komme gerade von einem Artikel über Hauschka hierher..

    Herr Knüpfers Erklärung ließe sich noch etwas verbessern:
    Wie er richtig erklärt, schwingt bei einer Oktave der höhere Ton mit der doppelten Frequenz des tieferen. Schreitet man also alle acht Oktaven ab, so schwingt der höchste Ton 2^8 = 128 mal so schnell wie der tiefste. Schreitet man nun die Töne in Quintenschritten ab, so schwingt der höchste Ton rein rechnerisch (3/2)^12 = 129,7433.. mal so schnell wie der tiefste. Das geht offensichtlich nicht gut zusammen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alfred Brendel | Konzert | Pianist | Pythagoras | Japan | Physik
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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