"Meistens kommt Bach angebrannt rüber"
ZEIT ONLINE:
Wie stellen Sie unterschiedliche Klänge ein, ohne die Töne zu verändern?
Knüpfer:
Ich bewege mich in einer Grauzone. Ein Instrument beruht auf physikalischen Grundsätzen. Schwingungen, Druckverhältnisse, Zugkräfte sind Physik. Ich glaube nicht an von Gott gesegnete Bretter oder bei Vollmond geschlagenes Holz. Der Resonanzboden des Flügels ist ungefähr einen Zentimeter dünn. Auf dieses Fichtenholzbrett drückt eine Tonne Gewicht. Durch das Spannen und Stimmen der Seiten erhöhe ich den Druck nach unten. Aber der Holzboden ist von Natur aus unregelmäßig, an mancher Stelle etwas weicher, mal etwas steifer. Und er verändert sich von Tag zu Tag. Also muss ich den Druck der Saiten jeden Tag neu einstellen, ganz individuell.
ZEIT ONLINE:
Sie arbeiten mit den größten Pianisten aus allen Nationen. Ist es schwierig, solch ätherische Feinheiten wie Klangfarben in einer Fremdsprache zu klären?
Knüpfer:
Selbst mit Muttersprachlern ist es unmöglich. Ich gehe immer davon aus, dass der Pianist eine Vision hat und mir etwas erklären will. Die wenigsten können es. Es geht nicht um laut, leise, hart oder weich, sondern um das Dazwischen. Wenn die Sprache sowieso nicht hilft, ist sie auch egal. Wir kommunizieren mit Körpersprache. Meistens geht es um Gefühle, nicht um Töne. Zum Beispiel: "Der Ton soll reich sein." Was ist reich? Wie viel hat der Ton denn auf dem Konto? Sie müssen "reich" fühlen.
ZEIT ONLINE: Früher wurde nicht so ein High-Tech-Aufwand betrieben, um die Konzertflügel zum Klingen zu bringen.
Knüpfer: Nehmen Sie eine Aufnahme aus den Dreißigern oder Fünfzigern. Für solch schlechte Flügel würde man uns heute den Kopf abreißen. Trotzdem sagt das Publikum, die Flügel klangen schön. Was macht also einen guten Ton aus? Die alten Instrumente hatten viel mehr Obertöne als die heutigen, weil sie viel entspannter waren. Für mich sind Obertöne das Lächeln eines Flügels. Heute kann man auch neue Flügel so in Balance bringen, dass sie vom ersten Tag an reif sind.
ZEIT ONLINE:
Welche Epoche der Klaviermusik ist Ihnen die liebste?
Knüpfer:
Hauptsache, er sagt jetzt nicht "die Moderne"!
ZEIT ONLINE:
Doch, bitte gern.
Knüpfer:
Okay, ich korrigiere (
lacht
). Wenn jemand wie Pierre-Laurent Aimard nicht nur die Stücke erklärt, sondern man merkt, der hat sie begriffen, der hat mit den Komponisten gearbeitet, der hat die Wahrheit gefunden, dann weiß man auch, dass es einen Zugang geben kann. Ich sage weder Bach, noch Messiaen, Boulez oder Ligeti. Was gut gespielt wird, ist wunderbar. Sie können den besten Fisch der Welt in der Pfanne anbrennen lassen. Dann schmeckt er nicht mehr. Und die meisten Bachs kommen angebrannt rüber.
ZEIT ONLINE:
Wie steht es um den Beruf des Klaviertechnikers?
Knüpfer:
Es gibt kaum Nachwuchs. Auf diesem Niveau gibt es höchstens fünf bis zehn Klaviertechniker auf der Welt. Generell ist Klavierstimmer ein Ausbildungsberuf, in den man mit Hauptschulabschluss einsteigen kann. Man muss noch nicht einmal Klavier spielen. Steinway stellt andere Anforderungen, da muss man beispielsweise sehr gut in Mathe und Physik sein. Außerdem fehlen uns Frauen: Wir haben bei Steinway in Wien vier Frauen, die haben ausgelernt und sind unglaublich. Sie haben ein großartiges Gefühl, eine beeindruckende Zähigkeit, sind viel ruhiger und haben viel mehr Fantasie. In diesem Beruf muss die Vision den Fingern immer voraus sein. Diese wichtigen Eigenschaften finde ich viel häufiger bei Frauen. Aber es ist ein Männerberuf, weil er früher körperlich sehr anstrengend war. Frauen werden noch immer systematisch entmutigt, bekämpft. Das ist sehr traurig, weil dadurch die richtigen Leute nicht ihr bestmögliches Niveau erreichen können.
ZEIT ONLINE: Der Film könnte Ihnen helfen.
Knüpfer: Ja, es muss etwas passieren. Es kann ja nicht sein, dass dieselben zehn Leute für die Pianisten um die Welt fahren und sich von der Arbeit auffressen lassen. Selbst wenn die Veranstalter sagen: "Hier haben Sie Geld, machen Sie mir den Flügel schön." Dann haben wir gleich die Frage: "Wo ist der Techniker?" Das ist ein Problem. Wir wollen ja immer noch die tollen Konzerte von Aimard und Pollini und Brendel erleben. Hoffentlich, sonst bräuchten wir die Pianisten auch nicht mehr.
- Datum 09.09.2010 - 10:37 Uhr
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"Wenn die Sprache sowieso nicht hilft, ist sie auch egal" !
Ja - so ist das, es gibt verschiedene Sprachen auf dieser Welt ! Eine davon ist die Musik ! Und die Antennen, die man dafür hat, bzw. braucht !
Die Sache mit den Frauen - traurig! Mmh! Na ja, vielleicht wird's ja in Zukunft besser !
Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen. Guter und interessanter Artikel! ...
Überhaupt meine ich festzustellen, dass die Artikel im Bereich Kunst/Musik noch immer (glücklicherweise) - bei anderen Bereichen habe ich manchmal bereits erhebliche Zweifel - häufig sehr lesenswert sind, da sie ein Niveau erkennen lassen.
Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen. Guter und interessanter Artikel! ...
Überhaupt meine ich festzustellen, dass die Artikel im Bereich Kunst/Musik noch immer (glücklicherweise) - bei anderen Bereichen habe ich manchmal bereits erhebliche Zweifel - häufig sehr lesenswert sind, da sie ein Niveau erkennen lassen.
Ein hervorragendes Interview zum Filmstart von PIANOMANIA. Schmunzeln musste ich in der Aussage von Stefan Knüpfer: "Meistens kommt Bach angebrannt rüber". Ein interessanter Einblick für den Laien, diesem Steinway-Spezialisten in seiner Arbeit über die Schulter schauen zu können. Danke für dieses großartige Interview mit SK. Fazit: Film ansehen, SK beobachten und die weltbesten Pianisten genießen..!!
Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen. Guter und interessanter Artikel! ...
Überhaupt meine ich festzustellen, dass die Artikel im Bereich Kunst/Musik noch immer (glücklicherweise) - bei anderen Bereichen habe ich manchmal bereits erhebliche Zweifel - häufig sehr lesenswert sind, da sie ein Niveau erkennen lassen.
Wenn Aimard zu einem Ja, aber ansetzt, und man sieht das Gesicht von Knüpfer, denkt man, der kriegt kein Gehalt, der kriegt Schmerzensgeld. Aber weit gefehlt. Er tüftelt gerne, auf höchsten Niveau.Das ist schon mal stressig, aber er geniesst es letztlich.
Auch bemerkenswert, drei Feinst-Hörer in einer Situation zu sehen, den Pianisten, den Stimmer und den Toningenieur. Die hören, was 99,9% nicht hören. Deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass die Aufnahme von Aimard vom Tonlichen her keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung stiesst und der Toningenieur verurteilt wurde.
Freispruch: es war der Pianist, der diesen Klang wollte und Knüpfer verschaffte ihm den, der Ingenieur nahm nur auf.
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