Wer diesen Abend im Winter 2004 in der mexikanischen Botschaft in Berlin erlebt hat, erinnert sich auch nach Jahren nur zu gerne daran: Rolando Villazón, gerade auf dem Absprung zur Weltkarriere, präsentierte auf Einladung von Botschafter Jorge Castro-Valle seine gerade fertig gewordene CD mit französischen Opernarien – und rockte den Saal: mit feurig vorgetragener Musik und einer überwältigend guten Laune. Durch die mitreißende Bühnenpräsenz des Tenors entwickelte sich die hochoffizielle Veranstaltung unerwartet zur ausgelassenen Fiesta.

Vielleicht ist die positive Ausstrahlung sogar Rolando Villazóns größter Trumpf: Dank dieser Gabe könnte er jeden Beruf ergreifen, bei dem es um Kommunikation mit Menschen geht. Er singt die Noten nicht nur, er lebt sie, identifiziert sich rückhaltlos mit den Figuren, die er auf der Bühne darstellt. Ohne sich absichtlich in den Vordergrund zu drängen, spielt Villazón seine Kollegen mühelos an die Wand, auch als Showmaster kann man ihn sich sofort vorstellen. Unvergesslich die naive Unbekümmertheit, mit der er an der Staatsoper Unter den Linden als Nemorino in Donizettis Liebestrank singend am Abgrund des Orchestergrabens balancierte. Daniel Barenboim und sein Haus spielen überhaupt eine bedeutende Rolle in der Karriere von Rolando Villazón: Hier sang er als 28-Jähriger im Jahr 2000 seine erste Premiere in Europa, in Verdis Macbeth , hier ist er seitdem öfter aufgetreten als an jedem anderen Opernhaus.

Für die Karriere war die Traviata mit Anna Netrebko bei den Salzburger Festspielen 2005 sicher wichtiger – doch in Berlin fühlt sich der Tenor wohl. Als es darum ging, eine Basis für die Familie zu finden, machte Paris nur ganz knapp das Rennen vor der deutschen Hauptstadt. "Aus praktischen Erwägungen ist es dann doch Paris geworden, auch wegen des Wetters", erklärte er 2009 in einem Interview mit dem Tagesspiegel . "Aber jedes Mal wenn ich hierher komme, bin ich wieder begeistert. Wenn ich heute in die Staatsoper komme, werde ich immer noch so empfangen wie bei meinem ersten Engagement. Sicher, ich finde es toll, berühmt zu sein, aber es ist auch wunderbar, Orte zu haben, wo die Leute mir 'Hallo, Rolando!' über den Flur zurufen."

Den ersten Kontakt zur deutschen Kultur hat Villazón übrigens seiner Urgroßmutter zu verdanken: Die alte Dame, die einst vor den Nationalsozialisten aus Österreich nach Mexiko geflüchtet war, wünschte sich, der kleine Rolando möge die deutsche Schule in Mexiko City besuchen. "Deutschland war eine Art gelobtes Land für uns", erinnert er sich. "Wir haben so viel über die Geschichte und die Geografie gelernt, die Nationalhymne gesungen. Dann stand ich plötzlich in Berlin, sah die Gebäude, die ich von Fotos aus den Lehrbüchern kannte, sah Fahrradfahrer, die es in Mexiko nicht gibt, sah die Taxis und die Ampelmännchen. Ich habe mir die Leute auf der Straße angeschaut und gedacht: Die sehen alle aus wie meine Lehrer!"

Dass er nach der siebten Klasse wegen unzureichender Leistungen auf ein katholisches Gymnasium wechseln musste, erwies sich im Nachhinein als Glücksfall: Hier nämlich lernte er seine heutige Frau Lucia kennen. Ganz klassisch erschien er eines Nachts vor dem Fenster seiner Freundin, um ihr Liebeslieder zu singen, begleitet von einer traditionellen Mariachi-Kapelle.