Hilfe, bald ist Weihnachten! In sechs Wochen beginnt die schlimmste Zeit des Jahres, musikalisch gesehen. Last Christmas und White Christmas in Dauerschleife, flankiert von Mundharmonikamelodeien und schneeblindem Glockenklang. Take That werden tagein und tagaus ihr sensationelles Comeback feiern, und, oh Heiland, die Finalisten der Castingshows Popstars und X-Factor werden ebenfalls pünktlich zum Start des Weihnachtsgeschäfts ihre Wunderwerke in den Handel bringen. Im Radio, im Fernsehen und an der Wursttheke – nirgends gibt's gute neue Mär.

Muss man dem ganzen Gedudel tatenlos zuhören? "Herbei, oh, ihr Ungläubigen", ruft sinngemäß eine englische Facebook-Initiative. John Cages Avantgarde-Hit 4'33 soll heuer eine wahrhaft Stille Nacht einläuten. Vier Minuten und 33 Sekunden Ruhe – welch Wohltat im Festtagstrubel. Vier Minuten und 33 Sekunden hören, wie die Negation der Musik klingt. Dem Komponisten würde es gefallen.

Auf der Insel macht man es sich seit vergangenem Jahr zum Spaß, die Weihnachtshitparaden zu manipulieren und damit die mediale Aufmerksamkeit umzulenken. Hinfort mit den wohlkalkulierten Retortenhits! Auf Facebook versammelten sich 2009 eine halbe Million Menschen, die einhellig den alten Kracher Killing In The Name von Rage Against The Machine kauften. Durch die gesteuerten, massenhaften Downloads hoben sie ihn an die Spitze der Charts . In Deutschland gab es im April eine ähnliche Aktion: Blümchens Boomerang sollte den DSDS-Kandidaten Mehrzad Marashi vom Thron fegen, verfehlte ihn allerdings knapp.

Nun also Cage Against The Machine . Rund 40.000 Personen gefällt das. Um gegen die Marketingmaschine hinter den Readymade-Sternchen anzukommen, fehlen vielleicht noch ein paar tausend Teilnehmer. Dennoch: In umsatzschwachen Wochen reichen mitunter vierstellige Verkaufszahlen für einen Hitparadenplatz. Auch in Deutschland könnte das Projekt also funktionieren.

Wir stellen uns vor, wie Oliver Geissen in der Ultimativen Chartshow auf RTL einfach mal 4'33 lang den Mund hält. Oder wie auf Radio Hamburg, dessen Programmdirektor bekennt , seinen Geschmack täglich an der Garderobe abzugeben, die Nummer 1 der Hitparade endlich eine Sendepause bringt. Wie sich Busse voller Teenies den Smash-Hit als Klingelton herunterladen. Wie DJ Mucke im Berghain den Extended Remix auflegt. Herrlich, die Rache bürgerlicher Spaßvögel am Establishment!

Ein klitzekleines logistisches Problem steht dem ersten, akustisch entspannten Weihnachtsfest allerdings im Weg: Welchen der drei Sätze des Werkes sollen die Enthusiasten kaufen? Tacet I , Tacet II oder Tacet III ? Und auf welche Interpretation einigt man sich? Warum nicht gleich alle verkauften CD-Rohlinge als potentielle Hit-Tonträger umkodieren?

Am 13. Dezember wird es ernst, ab dann wird gezählt. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, um John Cages Werkidee von 1952 in eine Form zu fassen, die den Musikmarkt von heute erschüttern kann.