Wer jetzt keine Musik hört, der braucht keine mehr. Draußen trübe, drinnen wegen energetischer Gebäudesanierung auf Mieterkosten (danke, Frau Merkel) kuschelig – der Herbst ist für Freunde akustisch induzierten Wohlgefühls die beste Zeit. Da mag der Frühling blaue Bänder aus dem offenen Cabrio flattern lassen und der Sommer kurzlebige Strandtanzhits in Serie produzieren, der Herbst ist die Jahreszeit der Musik. Der Winter? Weihnachtslieder. Last Christmas . Bach.

Nun könnte man es sich leicht machen und Kuschelrock 1 bis 24 , Kuscheljazz 1 bis 7 , Kuschelklassik 1 bis 12 oder Kuschelrock – The Very Best Of einen Dauerplatz im CD-Spieler einräumen. Oder sämtliche auf der Festplatte gespeicherten Versionen von Autumn Leaves seit Yves Montand in die Playlist draggen und droppen. Oder auf Amazon Listen mit "Herbstmusik" durcharbeiten, die meist um Coldplay und Portishead kreisen.

Aber der wahre Musikfreund liebt es analytisch und wälzt erstmal ein paar Gedanken: Was macht Herbstmusik denn eigentlich aus? Ja, doch: die Melancholie. Zumindest gilt das für jene, die sich auf den Herbst einlassen, also Leute, die gern wachen, lesen, lange Briefe schreiben und unruhig durch sich entblätternde Alleen wandern. Nicht für jene, denen der Herbst nur Mistwetter bedeutet und ein Anlass, täglich Last-Minute-Reiseangebote zu studieren; die hören im November die Ballermann Hits 2010 XXL , als Gegengift.

Die Ballermänner werden es kaum ahnen, aber sie befinden sich in guter Gesellschaft: Die Antike nannte Melancholie, was Mediziner heute als Depression bezeichnen, und hielten sie für das Ergebnis einer Vergiftung durch einen Überschuss an "schwarzer Galle" ( melas und cholé machen melancholia ). Dieser Körpersaft korrespondiere mit dem Element Erde, den Sternbildern Waage, Skorpion und Schütze – und eben dem Herbst.

Im Mittelalter galt die Melancholie als eine der Todsünden, als Versuchung, der es zu widerstehen galt. Erst in der Romantik besann man sich auf Aristoteles (oder Theophrast, die Urheberschaft ist umstritten), der die Melancholie für eine Voraussetzung des "göttlichen Wahnsinns", der Mania , hielt. Seine Frage inspirierte den Geniekult des 18. und 19. Jahrhunderts: "Warum sind alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler, offenbar Melancholiker gewesen?"

Weil sie dem Tod ins Auge sahen. Weil sie gedachten, dass sie sterblich waren. Weil sie, um zum Herbst zurückzukehren, in fallenden Blättern die Vorboten des eigenen Sterbens sahen – und nicht daran verzweifelten. Denn das kennzeichnet doch die Melancholie, wie wir sie heute verstehen: das bittersüße Wissen um die Vergänglichkeit alles Seienden. Es rückt die Dinge in Perspektive und spornt zu großen Taten an.

Dass Blätter ausgerechnet dann die schönsten Farben tragen, wenn ihnen der baldige Absturz droht: Was für ein Bild. Kein Wunder, dass notorische Melancholiker wie Rainer Maria Rilke ein Herbstlied nach dem anderen schrieben. In der Musik – jedenfalls im Pop – geht es zwar weniger um die ganz großen Dinge, aber die Vergänglichkeit der Liebe ist auch kein schlechtes Thema.

Nehmen wir die White Stripes, die in Dead Leaves And The Dirty Ground vor Landschaftsaufnahmen voll sterbender Blätter von fehlender Liebe und vergeblichem Warten singen. Oder U2s October , das zwischen nackten Bäumen bedeutsam von untergegangenen Königreichen raunt. Oder The Moody Blues, deren Forever Autumn eine Herbstreminiszenz an die andere reiht: Weil die Verflossene diese Zeit des Jahres immer so geliebt habe, aber nun nicht mehr da sei, müsse das Leben für immer herbstlich bleiben. Hach.

Natürlich müssen autumn , herbstliche Monatsnamen oder feuilles mortes weder im Titel noch im Text eines Liedes vorkommen, um es als Herbstlied zu qualifizieren. Da geraten wir aber ins Subjektive. Der Autor dieser Zeilen zum Beispiel kann Stings komplettes Soul-Cages -Album seit Jahren nur zwischen Herbstanfang und erstem Advent hören – und hat keine Ahnung, warum das so ist. Bis eben wusste er nicht einmal, dass es sich um ein Konzeptalbum über den Tod von Stings Vater handelt.