Die Polin Alicja Bachleda-Curus als Ondine © Concorde Filmverleih GmbH

Die Frau hat keinen Schwanz. Das kann jeder sehen, gleich in der ersten Szene des Kinofilms Ondine , als der Fischer ein Weib aus den Fluten zieht. Sie hat weder Flossen noch Schwimmhäute, ist einfach nur eine halb Ertrunkene, halb Erfrorene, die verschweigen will, woher sie kommt und wer sie ist.

Das ist der Stoff, aus dem Märchen gesponnen sind . Die Fassungen von Andersen und Fouqué wurden berühmt. Später schickte Oscar Wilde den Fischer ins Reich der Nixe, um den Preis seiner Seele. Ingeborg Bachmann ließ Undine klagen über ihre ewiggleiche Rolle als verfügbare Geliebte. Und jetzt kommt der irische Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan, der aus der Geschichte von der Meerjungfrau ein romantisches Reusendrama zusammengeflickt hat. Küstenidyll, seichte Sozialstudie, Unterweltkrimi, windzerzauste Seifenoper – alles drin und doch zu wenig. Denn gerade an der Verquickung mit dem Undine-Mythos scheitert der Film.

Der irische Fischer Syracuse (mürrisch: Colin Farrell) lebt getrennt von seiner trunksüchtigen Frau. Seine Tochter Annie (aufgeweckt: Alison Barry) sitzt nierenkrank im Rollstuhl. Sie wohnt bei der Mutter und dem Stiefvater. Syracuse findet eine Frau in seinem Netz, sie nennt sich Ondine (Farrells Ex-Freundin: Alicja Bachleda-Curus), er versteckt sie in einer Hütte. Annie hält Ondine für eine Selkie-Frau, eine landgängige Seehündin aus der irisch-schottischen Sagenwelt. Zaubern kann Ondine schließlich auch: Wenn sie singt, füllen sich des Fischers Netze mit Hummer und Lachs. Natürlich führt sie auch Annies Heilung herbei. Der Stiefvater stirbt in einem Autounfall, seine Niere rettet die Fischerstochter. Und dann gibt's da noch einen dunklen Typen, der Ondine verfolgt. Ist es ihr Selkie-Mann aus dem Meer? Nein, sondern ein rumänischer Krimineller, mit dem Ondine in Drogengeschäfte verwickelt ist. Nicht weiter schlimm. Am Ende ertrinkt der Böse, der Fischer behält seine Dealernixe, die Tochter braucht keine Gehhilfe mehr, und alles ist gut.

Oder auch nicht. Ondine. Das Mädchen aus dem Meer hinterlässt den Zuschauer rätselnd.

Warum heißt der Seemann Syracuse und nicht John oder Neil, wie irische Männer sonst so genannt werden? Hm. Syrakus, Stadt am Wasser: ein Mann, ein Ort!

Warum ist Ondine Rumänin? Äh, vielleicht weil sie mit ihrem rollenden R den irischen Dialekt so gut imitieren kann.

Warum trägt sie, die auf einem Boot vor der Polizei geflüchtet ist, ein Edelstrickkleid, das gerade eben ihren Hintern bedeckt? Das ist angesagt in der osteuropäischen Drogenszene.

Warum besteht die Erstausrüstung, die der Fischer seiner Meerfrau besorgt, ausgerechnet aus Spitzenwäsche, Netzstrümpfen und einem süßen Punktekleid? Männer kaufen so was nun mal.

Warum singt eine rumänische Schmugglerin Lieder der isländischen Band Sigur Rós? Klar, weil die so gut zur irischen Landschaft passen.

Warum bleibt die Kamera so oft und lang an Ondines glatt rasierten, ebenmäßigen Beinen hängen? Weil die des Fischers zu stark behaart sind.

Nun könnte man sagen, das Wundersame, Irrationale sei doch das wichtigste Merkmal eines Märchens. Und eine moderne Adaption müsse die Realität mit unwirklichen Elementen durchweben. Mit der Bearbeitung sagenhafter Stoffe kennt sich Neil Jordan aus, in Interview mit einem Vampir ist ihm das durchaus gelungen.

Nur, warum jetzt Undine aus den Wassern heraufzerren, wenn es doch nur ein Vorwand ist, eine geheimnisvoll lockende Frau zu begaffen? Ondines Glück im Film ist, man mag es kaum fassen: Sie wird geheiratet und darf beim Fischer bleiben. Er ist ihr Held, ihr Lebensretter, sie die schöne Fremde. Ach, und das alles vor so malerischer Kulisse! Gewiss, Jordans Kameramann Christopher Doyle gelingt die Balance zwischen Landschaftsidyll und Kitsch. Aber hübsche Bilder ohne Handlung sind wie eine Meerjungfrau ohne Schwanz.