Am 13. Dezember ist es soweit. Dann darf erstmals echter Schaumwein in die Gläser, wenn die Multimillionärin auf einen neuen Verkaufsrekord anstößt. Denn an diesem Tag wird Taylor Swift 21 Jahre alt und erwirbt endlich die Erlaubnis, in ihrer Heimat USA Alkohol zu trinken. So zwangsläufig wie dieser Rechtsstatuswechsel dürfte auch der dann zu feiernde Erfolg sein: Speak Now , Swifts heute erscheinendes neues Album, ist so ziemlich der sicherste Hit, den die Popindustrie in diesem Jahr hervorbringt.

Trotz ihrer Jugend ist Swift – neben Lady Gaga – der einzige wirkliche Megastar, den die darbende Musikwirtschaft in den vergangenen Jahren etablieren konnte. Die beiden beherrschen nicht nur die Schlagzeilen, sondern verkaufen tatsächlich auch Millionen an Tonträgern. Ein Privileg, das ansonsten nur mehr Künstlern vorbehalten ist, die entweder tot sind wie Michael Jackson oder bereits stramm auf die verdiente Rente zumarschieren wie Madonna.

Aber es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen den beiden Nachwuchs-Bestsellern: Lady Gaga ist ein global agierendes Phänomen, Taylor Swift dagegen vor allem in ihrer Heimat eine große Nummer. Ihr Debütalbum aus dem Jahre 2006 hielt sich mehr als drei Jahre lang in den dortigen Billboard-Charts. Ihre zweite Platte Fearless wurde 2009 in den USA zum Album des Jahres gekürt, und Swift trug von der Preisverleihung drei weitere Grammys nach Hause.

Anders sah es im Rest der Welt aus: Außer in den USA stieg Fearless nur in Kanada und Neuseeland bis zur Nummer eins auf. Von den ungefähr neun Millionen verkauften Exemplaren, wurden mehr als zwei Drittel in den Vereinigten Staaten abgesetzt. Sicherlich, Swift ist nicht nur zu Hause erfolgreich: Sie hat in 14 verschiedenen Ländern ausreichend Platten verkauft, um dort Platin- und Gold-Auszeichnungen bekommen zu haben. Aber ihr kommerzieller Erfolg hat eine eindeutige Schlagseite.

Das hat Gründe. Der offensichtlichste: Swift spielt Country Music. Angesichts dieser Einschätzung dürfte sich zwar mancher Traditionalist in Nashville vor Grausen schütteln, und jenseits der amerikanischen Grenzen wird auch tunlichst darauf geachtet, das in Europa geschäftsschädigende C-Wort zu vermeiden und Taylor Swift als Pop-Prinzessin zu vermarkten. Aber Tatsache ist eben: Swifts musikalische Wurzeln liegen im Country, ihre Helden sind die weiblichen Vorreiter des Pop-Country, Shania Twain und die Dixie Chicks . Swift gebührt das Verdienst, den Country endgültig in die Jetztzeit befördert zu haben, indem sie ein jüngeres und vor allem weibliches Publikum, die Demografie der Zukunft, für das Genre begeistert hat. Keine andere Musikerin, kein anderer Musiker, keine Band hat bisher so viele digitale Downloads verkauft wie Swift, nämlich mehr als 240 Millionen Songs.

 


Taylor Swifts lokale Dominanz und relative Irrelevanz im Ausland ist aber auch ein Symptom eines globalen Trends. Während die Welt immer mehr zusammen wächst, scheinen die nationalen Musiklandschaften immer autonomer zu werden. Ausgerechnet im Geschäft mit der Popmusik, das von einigen wenigen, weltweit agierenden Unterhaltungskonzernen beherrscht wird, zeichnet sich ein Anti-Globalisierungstrend ab.

In Amerika beherrscht in den vergangenen Jahren ausgerechnet die Country-Hochburg Nashville den Tonträger- und Konzert-Markt. Nicht nur Taylor Swift gelingt der Brückenschlag in den Mainstream: Nun, da ihr neues Album herauskommt, stehen bereits Kollegen an der Spitze in den USA. Das Country-Duo Sugarland kippte vor einer Woche die Kings of Leon vom Thron. Die erfolgreichste Band in den USA im ersten Halbjahr war Lady Antebellum, ein weiterer Act aus Nashville, der selbsternannten Music City USA . Und schon seit Jahrzehnten füllen Cowboyhut-Träger wie Garth Brooks oder Kenny Chesney mühelos die großen Stadien in den Staaten.

Natürlich ist die Popindustrie weiterhin ein globales Geschäft, das kaum Grenzen kennt. Aber eine Gegenbewegung ist unübersehbar. Ein weiteres Indiz ist der Niedergang von Rap und R'n'B als weltweit relevante kommerzielle Kraft. Die erstaunlich anpassungsfähige Hip-Hop-Kultur bleibt zwar weiterhin eine weltweit ungemein erfolgreiche Subkultur, aber der Export der amerikanischen Vorbilder stagniert. Ebenfalls ins Stocken geraten ist allerdings auch die Gegenbewegung: Mittlerweile gibt's zwar den Regentanz des kleinsten Indianerstammes links hinter Timbuktu als Medienprodukt zu kaufen, aber die sogenannte Weltmusik bleibt in der Nische stecken. Popstars aus Schwellen- oder Entwicklungsländern haben nur eine Chance auf eine globale Karriere, wenn sie sich wie Shakira nahezu vollständig anglo-amerikanischen Standards angleichen .

Vergleichsweise große Erfolge feiern dagegen Versuche, Musikern zu importieren und auf lokale Bedürfnisse herunterzubrechen. In Russland boomt Heavy Metal mit russischen Texten, im Senegal findet sich eine lebendige Rap-Szene, und Deutschland scheint in der Karibik zu liegen, so erfolgreich sind die heimischen Reggae-Acts von Gentleman über Seeed bis Jan Delay . Überhaupt steigt hierzulande der Anteil einheimischer Produkte steil an: Der Bundesverband Musikindustrie wies für das Jahr 2000 noch einen Anteil nationaler Produktionen am Gesamtumsatz von knapp unter 20 Prozent aus. Doch seit Mitte der Nuller Jahre werden stets über 35 Prozent vermeldet.

Im Zeitalter ihrer ständigen globalen Verfügbarkeit entdeckt die populäre Musik ihre regionale Dimension. Der Erfolg der Popmusik gründete sich schon immer auf ihre identitätsbildende Kraft, die sie vor allem während der Jugend ihrer Konsumenten zu entfalten vermag. Zur nationalen Selbstvergewisserung trug sie, abgesehen von Ausnahmen wie dem zum Exportschlager ernannten Britpop der neunziger Jahre, bislang eher selten bei. Nun, da Pop so erwachsen geworden ist, dass er sein rebellisches Potenzial weitgehend aufgegeben hat, scheint er zu dieser Aufgabe bereit zu sein. Ob das ein Grund ist, die Gläser klirren zu lassen, das wird erst die Zeit weisen. Taylor Swift jedenfalls wird nicht mit anstoßen: Sie hat bereits erklärt, dass sie trotz ihres 21. Geburtstages brav bleiben und auch künftig keinen Alkohol trinken will.