Klang in BerlinRäume, die von Geschichte singen

Trotz Mietkampf und großmannssüchtiger Event-Architektur: In Berlin gibt es noch immer Orte, an denen heutige Musik die Legenden vergangener Zeiten erzählt. Ein Rundgang durch die Hauptstadt von 

Hier schwebte einst eine Magnetbahn auf ihrer Teststrecke. Daneben stand eine Wagenburg. Dahinter die Mauer. Am ehemaligen Grenzstreifen an der Köthener Straße in Berlin muss es ausgesehen haben, als hätte man die Kulissen von Blade Runner , Himmel über Berlin und Die glorreichen Sieben durcheinander gestellt.

Längst ist das Alte einer mehr oder weniger gelungenen Investorenarchitektur gewichen. Wer aber genau hinschaut und hinhört, findet noch Spuren der Geschichte. In Berlin sind sie auf beispielhafte Weise den Räumen der flüchtigsten aller Künste, der Musik, ins Mauerwerk eingeschrieben.

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Einer dieser unsichtbaren Orte sind die Hansa-Tonstudios gleich ums Eck. Wenn es so etwas wie einen Berlin Sound einmal gegeben hat, dann ist er hier entstanden. Das merkt man am "Spirit", sagt René Rennefeld, der in den Studios als Produzent arbeitet: Man müsse nicht spirituell sein, um zu merken, dass die Räume der Studios beseelt seien. In den siebziger Jahren wurden die Hansa Studios durch erfolgreiche Schlagerproduktionen berühmt und schließlich cool, als der im Berliner Exil lebende David Bowie hier Teile seiner Berlin-Trilogie und das Album Heroes aufnahm.

Das SO 36 auf der Oranienstraße im Herzen von Kreuzberg 36

Das SO 36 auf der Oranienstraße im Herzen von Kreuzberg 36  |  © SO 36

Einige Songs entstanden im berühmten Meistersaal. Vor 1945 feierten hier SS Offiziere ihren Totentanz. Später entstanden unter dem maroden Stuck des Neo-Barocken Raumes ikonische Alben der Rockmusik. Als U2 die Platte Achtung Baby aufnahmen, fiel ein Teil der Decke herunter. Nebenan im heutigen Studio I steht der Flügel, auf dem Udo Jürgens Aber bitte mit Sahne eingespielt haben soll, gegenüber ein abgewetztes Ledersofa aus den Siebzigern. "Wenn die sprechen könnten", sagt Rennefeld, "dann würden wir alle rot werden".

Wie die Hansa Studios lag auch der Kreuzberger Club SO 36 damals behütet in einer Mauerbucht. "Reich wird hier niemand", sagt Nanette in einem Büroraum des Clubs auf einer zebra-gestreiften Couch sitzend. Sie ist hier so etwas wie die PR-Frau, einen Nachnamen braucht man dafür im SO 36 nicht. Im Jahr 1987 ist sie nach Berlin gekommen. "Das SO 36 war für mich als junges Punk-Mädchen ein Eldorado", sagt sie rückblickend. "Es kam mir wahnsinnig dunkel vor. Als gäbe es hier ein Geheimnis."

Der Club ist ein länglicher Raum ohne Fenster,  das Gebäude weit über hundert Jahre alt. Zunächst soll es hier ein Gartenlokal gegeben haben, später dann ein Kino. Als das SO 36 im Jahr 1978 mit dem "Mauerbaufestival" eröffnet wurde, traten gleich die Größen des deutschen Punk auf: Mittagspause mit dem jungen Peter Hein , Male, S.Y.P.H. und Din A Testbild .

Wenig später übernahm der Maler Martin Kippenberger den Club und brachte Wave und Kunst mit. Zu viel Schnick-Schnack, fanden die Punks. Während eines Konzerts der Band Wire im November 1979, stürmte das "Kommando gegen Konsumterror" das SO 36 und "beschlagnahmte" die Kasse mit 4000 DM, wie die Legende besagt. Noch immer ist der Club fest verwurzelt im ehemaligen Hausbesetzerbezirk Kreuzberg. Doch, so sagt Nanette dann, er ist in Zeiten der Gentrifizierung , Mietsteigerung und Verdrängung eben auch "eine langsam vereinsamende Insel".

Leserkommentare
    • marv_k
    • 03. November 2010 18:42 Uhr

    dann sind auch diese kulturellen Aushängeschilder der Stadt durch die Gentrifizierung verschwunden.

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    • brsma
    • 07. November 2010 17:38 Uhr

    … im Zweifelsfall auch besser so. Wenige Gedanken könnten der Geschichte dieser Orte mehr widersprechen, als deren Musealisierung als besitzstandwahrendes Denkmal.

    • brsma
    • 07. November 2010 17:38 Uhr

    … im Zweifelsfall auch besser so. Wenige Gedanken könnten der Geschichte dieser Orte mehr widersprechen, als deren Musealisierung als besitzstandwahrendes Denkmal.

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